1952 ist vorbei
Warum Bayerns Lehrer ein neues Dienstrecht brauchen
Schule 1952
Das bayerische Laufbahnrecht wurde 1952 vom Bayerischen Landtag verabschiedet. Damals besuchten 71 % der Kinder die Volksschule, 14 % das Gymnasium und 15 % die Realschule. Bildung war einer Elite vorbehalten. Volksbildung war auf das Nötigste reduziert. Die Wirtschaft verlangte nach einem Heer an einfachen Arbeitern und Handwerkern, um die zerstörte Infrastruktur im Nachkriegsdeutschland wieder aufzubauen. Zwei Drittel der Jugendlichen verließen mit 14 Jahren die Schule. Sie absolvierten eine Lehre oder begannen direkt zu arbeiten. Nach dem Krieg herrschte akuter Lehrermangel. Nach 1950 wurden die Lehrer an Lehrerbildungsanstalten bzw. -seminaren ausgebildet. Bereits damals dauerte die Ausbildung sechs Semester. Die methodischen, didaktischen und fachlichen Anforderungen waren gering. Es gab einen tiefen Graben zwischen sog. „Volksschullehrern und Hilfsschullehrern“ auf der einen Seite und „Gymnasialprofessoren“ auf der anderen Seite.
Schule 2008
Heute sind alle Menschen auf ein hohes Bildungsniveau angewiesen. 37 % der Kinder besuchen in Bayern das Gymnasium, 29 % die Real- und 33 % die Hauptschule. Der Trend zu Gymnasium und Realschule ist ungebrochen. Eltern legen größten Wert auf bestmögliche Bildung der Kinder. Der mittlere Abschluss ist Standard. Die meisten Ausbildungsberufe sind kompliziert geworden. Durch die informationstechnischen Innovationen ist die Zahl einfacher Ausbildungsberufe drastisch gesunken. Der Bedarf an höheren Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt steigt unaufhaltsam. Bereits jetzt werden Fachkräfte im Ausland gesucht. Lehrerinnen und Lehrer an allen Schularten sind heute akademisch ausgebildet. Sie haben ein gemeinsames Berufsverständnis als Pädagogen entwickelt. Aufgrund des gewachsenen Stellenwerts von Bildung für die Gesellschaft und den Einzelnen stehen sie wie nie zuvor im Fokus von Eltern und Öffentlichkeit. Gleichzeitig sind die Arbeitsbedingungen vielfach unzureichend. Bayerns Abgeordnete vor schwierigen Aufgaben
Dienstrechtsreform und die Lehrer in Bayern
Schule im Jahr 2008 ist nicht mehr vergleichbar mit der Schule in der Nachrkiegszeit, in der das bayerische Laufbahnrecht entwickelt wurde. Weil sich die Aufgaben der Lehrer grundlegend geändert haben, muss sich auch das Dienstrecht ändern. Die Dienstrechtsreform muss Weichenstellungen vornehmen, um die besonders gravierenden Probleme im Lehrerbereich zu lösen. Ziel ist eine leistungsfähige Schule mit motivierten Lehrerinnen und Lehrern.
1. Geringer Status der Grundschullehrer/innen
86 % der Lehrkräfte in der Grundschule sind heute Frauen. Die Tendenz ist steigend. Der Beruf des Grundschullehrers ist für Männer unattraktiv. Er ist schlechter bezahlt als andere Lehrergruppen und bietet keine Aufstiegsmöglichkeiten. Der schlechte Status der Grundschullehrerin ist eine Diskriminierung der Frauen. Die notwendigen beruflichen Qualifikationen der Lehrer/innen in der Grundschule haben sich in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet. In der Grundschule wird die Grundlage für die lebenslangen Lernbiografien der Schüler gelegt. Dies findet keinen Niederschlag im Laufbahnrecht.
2. Motivationskrise der Hauptschullehrer/innen
Die Krise der Hauptschule, die Veränderung ihrer Schülerschaft und die erhöhten Anforderungen auf dem Ausbildungsmarkt haben zu einer Krise des Hauptschullehrerberufs geführt. Keine angemessene Besoldung, keine Beförderung, mit Abstand die höchste Arbeitszeit und äußerst schwierige Arbeitsbedingungen machen den Hauptschulberuf mit Abstand zum unattraktivsten Lehrerberuf. Mangel an qualifiziertem Nachwuchs und eine hohe Burn-Out-Rate sind die dramatischen Folgen. Es bedarf dringend einer Anpassung der Hauptschullehrer an den Laufbahnstatus der anderen Lehrer an weiterführenden Schulen.
3. Unzumutbare Arbeitsbedingungen an der Realschule
Die Einführung der R6 hat die Arbeitsbedingungen der Realschullehrer und -lehrerinnen schlagartig verschlechtert. Die Motivation der Kolleginnen und Kollegen, diese Reform langfristig durch Mehrarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen mit zu tragen, ist erheblich gesunken. Besonders gravierend ist es, dass ebenso wie in der Hauptschule für Sonderaufgaben keinerlei Beförderungsmöglichkeiten bestehen. Diese müssen umgehend geschaffen werden.
4. Lehrermangel in Naturwissenschaften am Gymnasium
Auch wenn Beförderungsmöglichkeiten und Besoldungsstruktur der Lehrer am Gymnasium zufriedenstellend sind, gibt es in bestimmten Fächern erhebliche Probleme, Nachwuchs zu gewinnen. Insbesondere das Lehramt in naturwissenschaftlichen Fächern ist für Hochschulabgänger unattraktiv, da Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten in der Wirtschaft erheblich besser sind. Unterrichtsausfall und mangelnde Förderung der Schüler in diesen Fächern sind die Folge.
5. Mehr Aufgaben für Sonderschullehrer
Das Förderschulwesen befindet sich in einem grundlegenden Umbruch, der nur wenig registriert wird. Sonderpädagogische Beratungszentren, neue Fächer, verstärkte sonderpädagogische Förderung in den Regelschulen - das alles erfordert hohe Motivation und umfangrfeiche Zusatzqualifikationen. Lehrerinnen und Lehrer an den Förderschulen sind extrem gefordert. Die geringe Zahl der Beförderungsämter und die Wartezeiten zur Ernennnung hemmen Motiavtion und Engagement zahlreicher Sonderschullehrer.
Bayerns Abgeordnete vor schwierigen Aufgaben
Die Bayerische Staatsregierung plant eine Neuordnung des Dienstrechts für Beamte. Dies ist nötig geworden durch die Föderalismusreform, die 2005 verabschiedet wurde. Dienstrecht und Besoldung liegen nun in der alleinigen Entscheidungskompetenz des Bayerischen Landtags. Die bayerischen Abgeordneten stehen vor einer ihrer größten und schwersten Aufgaben. Sie müssen über die Strukturen eines leistungsstarken öffentlichen Dienstes entscheiden. Weil 39,2 % der bayerischen Beamten Lehrer sind, entscheiden sie damit auch, welche Akzeptanz die öffentliche Schule bei der Bevölkerung, den Eltern und den Lehrern haben wird. Die unmittelbar bevorstehende Pensionierungswelle wird zu massiven Engpässen in der Lehrerversorgung führen. Wir stehen in einzelnen Bereichen vor einem dramatischen Lehrermangel, z. B. in der Hauptschule und in den naturwissenschaftlichen Fächern in Realschule und Gymnasium.
Es ist dringend erforderlich, den Lehrerberuf langfristig attraktiv zu machen und erhöhte Flexibilität im Personaleinsatz zu ermöglichen. Bayerns Schulen brauchen als Lehrerinnen und Lehrer die besten der Abiturienten. Ihre Berufsaufgabe ist für den Bestand, den Zusammenhalt und die Stabilität unserer Gesellschaft so bedeutend, dass hohe Qualifikationen, herausragende soziale Kompetenzen und überdurchschnittliche Motivation und Belastbarkeit Voraussetzung für alle Lehrämter sein müssen. Der Staat muss dies sichern durch hohe Qualitätsstandards und durch einen hohen Berufsstatus.
Bayern braucht deshalb ein modernes Laufbahn- und Besoldungsrecht,
• das Lehrerinnen und Lehrer motiviert,
• das der gewachsenen Bedeutung aller Lehrer gerecht wird und
• das Schluss macht mit dem Lehrermangel in einzelnen Bereichen.
Die Leistungsfähigkeit des gegliederten Schulsystems kann nur verbessert werden, wenn auch die laufbahnrechtlichen Diskrepanzen zwischen den Lehrämtern abgebaut werden. Dienstrechtsreform ist ein wichtiges Element moderner Bildungspolitik.
Chancen nutzen – Dienstrecht reformieren!
Die bayerischen Lehrerinnen und Lehrer appellieren an ihre Abgeordneten des Bayerischen Landtags: Nutzen Sie die Chancen, das bayerische Dienstrecht zukunftstauglich zu machen. Passen Sie das Dienstrecht an die heutigen Aufgaben und Berufe in der Schule an. Schaffen Sie ein modernes Laufbahnrecht, das der Bedeutung der Schulen für die Zukunft Bayerns gerecht wird.
Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen dazu beitragen, dass die staatliche Schule fit für das 21. Jahrhundert ist. Dazu gehören kompetente, motivierte und selbstbewusste Lehrerinnen und Lehrer. Die Dienstrechtsreform bietet die Möglichkeit, unsere Arbeit in der Schule neu zu definieren und zu bewerten. Mit einem modernen und gerechten Dienstrecht wird auch das bayerische Schulsystem gestärkt und die Lehrerinnen und Lehrer motiviert und anerkannt.
Eckdaten für ein modernes Dienstrecht für Lehrer:
1. Alle Lehrer werden der gleichen Laufbahngruppe zugeordnet. Der BLLV befürwortet eine Reduzierung der vier Laufbahngruppen im öffentlichen Dienst auf zwei.
2. Alle Lehrer werden in die gleiche Eingangsstufe eingestuft. Lehrer mit der Ausbildung zum Unterricht in der gymnasialen Oberstufe erhalten eine Zulage.
3. Alle Lehrer erhalten Beförderungsmöglichkeiten. Die Zahl der Beförderungsämter muss für alle Lehrergruppen bei mindestens 25 % liegen.
Bildung braucht Lehrer!
Service für Referendare
Für Referendare, die im September 2010 das Referendariat antreten, bietet der BLLV Vorbereitungsworkshops an. Hier finden Sie weitere Informationen.







