NRW – Pionierschule im Münsterland macht pädagogische Innovation
Die Profilschule Ascheberg im Münsterland (NRW) hat zu Beginn des Schuljahres 2011/2012 für elf Jahre ihren Betrieb als Modellschule aufgenommen. Die Nachfrage der Eltern war so groß, dass eine fünfte Eingangsklasse gebildet werden musste und nunmehr 125 Schüler die münsterländische Schule besuchen.
Es handelt sich um eine gebundene Ganztagesschule der Sekundarstufe I (Jahrgangsstufen fünf biszehn) mit maximal 25 Kindern pro Klasse, die in der Regel gemeinsam unterrichtet werden. Allerdingsfindet in der Unterstufe (Klassen 5 bis 8) eine stundenweise Aufteilung nach begabungsgerechten Profilangeboten (MINT, Musik, Sprache) statt. In der Mittelstufe (Klassen 9 und 10) werden die Fächer Deutsch und Englisch sowie Mathematik und Naturwissenschaften in zwei Leistungsstufen unterrichtet.
Hier bleibt kein Schüler sitzen
Dem eigenen Leitbild zufolge begreift die Schule die Unterschiede zwischen den Kindern „als Bereicherung“.Es gibt kein Sitzenbleiben, stattdessen reagiere die Schule „flexibel mit individueller Förderung auf drohende Leistungsschwierigkeiten“. Zum pädagogischen Leitbild gehört das Prinzip einer „Team-Schule“, die Lehrkräfte verstehen sich als „Lernbegleiter“ und „Lernberater“. Außer Ziffernnoten dienen der Leistungskontrolle auch „Lernentwicklungsberichte“ und „Portfolios“. Es sind alle bisherigen Abschlüsse bis zur mittleren Reife möglich, mindestens 60 Prozent der Schüler sollen jedoch in ein Gymnasium wechseln können und das Abitur erreichen.
Schulleiterin Sylvia Reimann-Perez über erste Erfahrungenmit der Gemeinschaftsschule Ascheberg
BLLV: Frau Reimann-Perez, zur Eröffnung der Gemeinschaftsschule Ascheberg mussten Sie eine ehemalige Hauptschule umstrukturieren und selbst das Personal einstellen. Eine anspruchsvolle Aufgabe für eine Leiterin – aber auch für ein Team.
Wir sind 14 Lehrkräfte aus allen Schulformen, inklusive Förderbereich. Keiner kommt aus dem reformpädagogischenBereich. Alle erarbeiten sich alles. Das ist in der Tat ganz schön anspruchsvoll. Zum Beispiel die Deutschlehrer: Die erarbeiten gemeinsam einen Plan für ein halbes Jahr – den Unterricht, die Arbeitsblätter, die Prüfungen. Jeder übernimmt einen Themenkreis wie Sachtexte oder Märchen.
Wird bei Ihnen nicht nach dem Fachlehrerprinzip unterrichtet?
Jede Lehrkraft unterrichtet, wie die Gymnasiallehrer unter uns, zwei Fakultas. Wir sind aber auch Begleiterin offeneren Lernformen. Da sind die SEGEL-Stunden, in denen selbstgesteuertes Lernen stattfindet oder der Projektunterricht. Als Klassenlehrer arbeitet man sowieso immer im Team, da sind immer zwei zusammen.
Das bedeutet für die meisten der Lehrkräfte sicher eine große Umstellung.
Die Bereitschaft, sich fortzubilden und selbst zu lernen, ist groß. Das halbe Team und eine Mutter waren zum Beispiel zu Gast in der Hamburger Max-Brauer-Schule. Mit deren Hilfe haben wir unsere Kompetenzraster entwickelt. Wir haben auch das Institut Beatenberg angeschaut, die Urmutter aller Kompetenzraster-Schulen. Auch mit unserer benachbarten Modellschule in Rheinsberg pflegen wir einen regen Austausch. Eine SchiLF (Schulhausinterne Fortbildung) etwa haben wir zum Thema Lernberichte organisiert. Es gibt eine Portfoliogruppe. Der Profilunterricht wird gerade ausgeweitet. Bisher gab es in Sprachen, MINT und Musik zwei Stunden Profilunterrichtpro Woche, in der 6. Jahrgangsstufe kommt dann Theater und darstellendes Gestalten dazu.
Eine Mutter war mit auf Exkursion? Bei Ihrem Schulversuch scheint ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern eine wichtige Rolle zu spielen.
Die Eltern sind in der sogenannten Schulpflegeschaft organisiert. Sie können als Experten auftreten, einer kann zum Beispiel seine Fertigkeiten als Malermeister einbringen. Andere übernehmen Lesepatenschaften. Manche gestalten die einstündige Mittagspause mit Basteln.
Das hört sich nach ungewöhnlich großer Kooperationsbereitschaft an.
Allen Eltern ist bewusst, dass ihre Kinder an einer besonderen Schule sind. Man muss aber nach wie vor Überzeugungsarbeit leisten.
Inwiefern?
Beispiel Leistungskontrollen. Früher hieß es: Nächste Woche ist dann und dann Klausur. Bei uns gibt es einen Arbeitsplan und die Schüler melden sich selbst zur Leistungsprüfung. Es sind natürlich nie alle gleich weit.
Wie organisieren Sie dann die Proben?
Notfalls schreiben auch mal nur fünf Schüler eine Prüfung, oder sogar einer allein. Wir schauen uns alles ganz individuell an. So übertragen wir auch Verantwortung auf die Kinder. Aber das alles den Eltern zu erklären, ist schon schwer.
Und die Kinder?
Die gehen sehr gut damit um. Manche muss man anhalten zu arbeiten. Andere machen sich fast selbst zu viel Druck.
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