19. Oktober 2017

Digital mitbestimmen, wo's lang geht

Anregungen vom „Fortbildungstag Demokratiepädagogik“

Schüler für Demokratie begeistern - das geht. Wie, erklärte Marina Weisband, ehemalige Spitzenpolitikerin der Piratenpartei, beim BLLV-Fortbildungstag Demokratiepädagogik.

Schüler mit Bock auf Demokratie - das wünschen sich viele Lehrkräfte. Doch wie motiviert man Kinder und Jugendliche, sich einzumischen? Digitale Medien bieten ganz neue Möglichkeiten. Politik-Aktivistin Marina Weisband stellte sie vor.

 

Die enorme Resonanz zeigt, wie wichtig das Thema "Demokratie" vielen Lehrkräften ist. Rund 100 Lehrerinnen und Lehrer waren am Dienstag, 18. Oktober, in die Münchner Grundschule an der Weilerstraße gekommen - viel mehr als erwartet. Mit Weisband hatten die Organisatoren eine Rednerin mit zugkräftigem Namen gewonnen. Die 31-Jährige Diplom-Psychologin war von Mai 2011 bis April 2012 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei – jener Partei, die mit Hilfe digitaler Medien die politische Landschaft umkrempeln wollte und vor allem jüngere Menschen zu ihren Anhängern zählt.

 

Weisband:"Ich war als Schülerin völlig unpolitisch"
Die gebürtige Ukrainerin begann ihren Vortrag mit einem entwaffnendem Bekenntnis: „Als Schülerin war ich völlig unpolitisch.  Ich dachte mir damals ‚Ich bin ja eh‘ nur Flüchtling, das machen die Deutschen doch unter sich aus‘“. Ihr Erweckungserlebnis hatte sie, als sie sich mit 21 Jahren zum ersten Mal an der Bundestagswahl beteiligten durfte. „Ich fand das krass: Du kommst in dieses Land und die lassen dich dieses Parlament wählen, obwohl du gar keine Ahnung davon hast.“  Kurz darauf trat sie in die Piratenpartei ein. Zwei Jahre später war sie politische Geschäftsführerin. „Das war so nicht geplant, das war eher ein Unfall“, sagte sie und hatte die Lacher auf ihrer Seite.

 


» Wir wollen Demokratie leben! 
Die BLLV-Forderungen zur Stärkung der Demokratiepädagogik


 

Demokratiebildung muss schon früh beginnen
Weisband versteht aus eigener Erfahrung, wie Teenager und junge Erwachsene ticken.  „Wir haben viele junge Menschen, denen zu Durchsetzung ihrer Ziele grundlegende Kompetenzen fehlen. Das gibt ihnen ein Gefühl der Ohnmacht und macht sie anfällig für Populismus“. Als Leiterin des Demokratie-Projekts „Aula – Schule gemeinsam gestalten“ will sie das ändern. Ihre Erkenntnis: „Wir müssen ganz früh mit politischer Bildung anfangen, und zwar ab dem Alter, ab dem Schüler entwicklungspsychologisch gesehen reflektierte Entscheidungen treffen können - also ab zwölf Jahren.“ Ebenfalls wichtig: „Die Schüler müssen sehen, dass sich ihr Handeln im Alltag sofort auswirkt.“

 

Online-Demokratie - eine neuer Weg

Das erleben sie bei Aula. Aula ist ein von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördertes Projekt, bei dem Jugendliche mit Hilfe einer Online-Plattform das Schulleben auf demokratische Weise selbst gestalten können. Dazu schließen, Schüler, Lehrkräfte, Schulleitung und Eltern einen Vertrag, der die Rahmenbedingungen festgelegt. Über die Online-Plattform kann jeder Schüler seine Ideen und Anregungen zur Diskussion stellen und darüber abstimmen lassen. Das virtuelle Votum wird durch die wöchentliche Aula-Konferenz ergänzt. Dort tauschen sich die Schüler persönlich untereinander aus. Die Schulleitung prüft die Umsetzbarkeit der Vorschläge und hat ein Vetorecht. Aula wird derzeit an vier Schulen erprobt.

 

Mehr Mitbestimmung macht Schüler zu Persönlichkeiten

Die ersten Ergebnisse sind ermutigend. Ehemals eher passive, am Schulleben uninteressierte Schüler einer Brennpunktschule in Freiburg erscheinen seit der Einführung von „Aula“ wie ausgewechselt. „Sie erleben sich als selbstwirksam, haben an Selbstvertrauen gewonnen und bringen sich mit großen Engagement ein“, berichtet Weisband. Es scheint sich also auszuzahlen, Schülern mehr Mitbestimmungsrechte einzuräumen und damit Verantwortung zu übertragen.

 

Mehr zum Thema:

 

Die Themen und Workshops des Fortbildungstags

  • Was geht Schule Demokratie an? Das Förderprogramm Demokratisch Handeln! (Wolfgang Beutel)
  • Feedbackkultur leben Grundschule Bubenreuth (Martina Zippelius-Wimmer & Kerstin Spiers)
  • Ein pädagogischer Blick auf das Thema salafistische Radikalisierung, Stadtjugendamt München (Klaus Joelsen)
  • Klassenrat - Willy-Brandt-Gesamtschule (Dr. Mechthild Geesen & Ramona Rivolt)
  • Lernen durch Engagement - Stiftung Gute Tat (Regine Leonhardt)
  • Planspiele im Unterricht - Akademie für Politische Bildung (Dr. Michael Schröder)
  • Lehrerbildung für Demokratie: HALTUNG stärken (Klaus Wenzel)
  • Beratung – Vernetzung – Information: Die Arbeit der LKS Demokratie leben! Bayern gegen Rechtsextremismus (Nicola Hieke)
  • Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage (Patrick Wolf)

 

 

Teilnehmerstimmen

„Ich frage ich mich, wie wir das demokratische Bewusstsein bei jungen Menschen stärken können und finde, dass die Institution Schule hier noch nicht genug macht. Ich selbst arbeite an einer meiner Meinung nach sehr demokratisch organisierten Schule. Wir halten einmal im Monat eine Schulversammlung ab, bei der jeder Schüler seine Meinung sagen und Anträge stellen kann. Dadurch identifizieren sich unsere Kinder und Jugendlichen sehr stark mit ihrer Schule.“   Almut Schaff

 

„Von diesem Tag erhoffe ich mir Ideen, wie man Schule demokratischer gestalten kann.  Schüler sind es oft nicht gewohnt, dass man ihnen Verantwortung überträgt. Wenn man ihnen aber das Vertrauen schenkt, sind sie aber mit sehr viel Engagement dabei.“  Matthias Kihn

 

„Ich schreibe zurzeit meine Abschlussarbeit zum Thema ‚Partizipation im Fachunterricht“. Dabei geht es unter anderem darum, dass die Schüler selbst bestimmen können, wann sie welche Werkstücke machen wollen. Ich arbeite ihre Wünsche dann in den Unterrichtsplan ein. Das löst bei ihnen eine Menge Motivation aus.“  Elisabeth Maier

 

„Es mir ein Anliegen, das Demokratiepädagogik an der Schule mehr Raum bekommt. Themen wie der Brexit oder die Wahl Trumps haben unter den Schülern viele Diskussionen ausgelöst. Sie haben aber wenig institutionalisierte Möglichkeiten, Demokratie auszuprobieren und selbst zu handeln. Am Gymnasium einen Klassenrat einzuführen ist aufgrund des Fächerprinzips schwierig. Eine Möglichkeit scheinen mir Planspiele zu sein.“  Andreas Promberger

 

 

 

 



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