17. Mai 2017

"Ich bin nicht Lehrerin geworden, um mich auf die faule Haut zu legen"

 

Viele angehende Lehrerinnen und Lehrer kennen das: Da hat man jahrelang mit großem Engagement studiert und erfährt im achten Semester, dass man an der gewählten Schulart nicht gebraucht wird. Für Monika Faltermeier (32) und Julia Hanglberger (29) war die Absage für das Gymnasiallehramt kein Grund, frustriert zu sein. Die beiden Frauen lassen sich zu Mittelschullehrerinnen qualifizieren. Ein Gespräch mit den Vorsitzenden des „Junger BLLV“ über Kaugummi als Droge, den Sinn von Noten für Fünftklässler und hartnäckige Vorurteile.

 

 

BLLV: Sie wollten beide Gymnasiallehrerin werden, unterrichten nun aber an einer Mittelschule. Ist das so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

 

Monika Faltermeier: Nein. In dem Moment, in dem ich den Vertrag unterschrieben hatte, habe ich mir wahnsinnige Sorgen gemacht, weil ich bloß die Vorurteile kannte, also dass dort schwierige Schüler sind, die sich alle nicht benehmen können. Aber schon am ersten Tag war mir klar, dass das nicht stimmt.

 

 

BLLV: Was haben Sie denn erzählt bekommen?

 

Monika Faltermeier: Die härteste Geschichte war, dass es angeblich in München irgendwo eine Mittelschule geben soll, wo es so rabiat zugeht, dass Begleitpersonal dabei sein muss, wenn man in die Pause geht, damit dem weiblichen Lehrpersonal kein Halbstarker blöd kommt. Sowas wird immer noch überall rum erzählt und dann denkt man sich natürlich: „Oh Gott, oh Gott.“

 

Julia Hanglberger: Viele Bekannte haben komisch reagiert. Sie haben nicht gesagt: „Cool, du hast eine Stelle an einer Mittelschule, herzlichen Glückwunsch!“ Sondern: „Mittelschule. Aha. Willst du dir das wirklich antun?“ Ich hab das Gefühl, dass es in der Mitte der Gesellschaft immer noch ein sehr schlechtes Bild von der früheren Hauptschule – jetzt Mittelschule – gibt, und durch die Flüchtlinge, die wir an diesen Schulen auch unterrichten, hat sich das jetzt dummerweise noch verfestigt.

 

Monika Faltermeier: Da gehen die übelsten Gerüchte rum. Ich hatte gestern zum Beispiel eine Schulführung und da hat mich eine Mutter allen Ernstes gefragt, wie das denn so ist, mit den Drogen bei uns, weil doch an den Mittelschulen in der Großstadt angeblich so viel gedealt wird, und da musste ich sagen: „Bei uns gibts keine Drogen. Kaugummi vielleicht ­­­­­– das ist bei uns die Droge.“

 

 

BLLV: Warum haben Sie sich für die Mittelschule interessiert?

 

Julia Hanglberger: Bei meiner Fächerkombination und der momentanen Stellensituation hätte ich am Gymnasium keine langfristige Perspektive gehabt. Auch an der Mittelschule wären mir immer wieder nur Zeitverträge angeboten worden. Ich möchte mein Leben aber gern langfristig planen. Als dann die Sondermaßnahme auf alle Fächer, auch auf solche, die es an der Mittelschule nicht gibt, ausgeweitet wurde, wusste ich: Das wäre genau Meins. Inzwischen würde ich gar nicht mehr ans Gymnasium wollen. Mein Chef hat vor kurzem mit mir darüber gesprochen, ob ich zu der Schulart passe. Für ihn – und für mich – ist überraschend, wie schnell ich mich eingelebt habe. Er hat gesagt, wenn er nicht wüsste, dass ich von einer anderen Schulart komme, würde ihm das gar nicht auffallen.

 

 

BLLV: Was genau macht Ihnen denn so viel Spaß?

 

Julia Hanglberger: Mir gefällt die thematische Breite. Am Gymnasium hat man halt seine zwei, vielleicht drei Fächer, gerade Geschichte und Sozialkunde ist meistens auch noch ein- oder zweistündig, das heißt, ich sehe die Klasse nur ein Mal pro Woche. Und dann hocken da auch noch dreißig Schülerinnen und Schüler drinnen – da ist man froh, wenn man so schnell wie möglich alle Namen weiß. An der Mittelschule habe ich die Klassenleitung. Das heißt, ich bin den Großteil meiner Stunden tatsächlich in meiner Klasse. In der habe ich jetzt 19 Schülerinnen und Schüler. Ich weiß bei allen ziemlich gut, wie es denen so geht, wie es zu Hause äuft, ob die allein sind bei den Hausaufgaben und, und, und. Man ist einfach viel näher am Schüler.

 

 

BLLV: Wie vermitteln Sie die fachlichen Inhalte?

 

Julia Hanglberger: Ich habe jetzt Deutsch, Mathe und Kunst. In Deutsch machen wir gerade die Vorgangsbeschreibung, da gibt es ein Rezept, da muss ich dann die Äpfel abwiegen. In Mathe können wir das gleich wieder aufgreifen und umrechnen, wie viel meine 1500 Gramm Äpfel in Kilos sind. Diese Verknüpfung ist für die Schüler viel natürlicher, das gibt ein ganzes Bild.

 

 

BLLV: Welche Rolle spielen Noten?

 

Julia Hanglberger: Also einem Fünftklässler an der Mittelschule bringen Dreier oder Vierer gar nichts. Wenn er Schwächen hat, frustrieren ihn schlechte Bewertungen zusätzlich. Ich muss ihm aber schon sagen, wo er steht und vor allem, was er wie verbessern kann.

 

 

BLLV: War Lehrerin immer schon ihr Traumberuf?

 

Julia Hanglberger: Nein. Ich wollte früher Landschaftsarchitektin werden, habe aber die Anmeldetermine an der Uni verpasst.

 

Monika Faltermeier: Ich habe von der 10. Klasse an Nachhilfe gegeben. Das hat mir viel Spaß gemacht, damit war für mich klar, dass ich später Lehramt studieren will. Auch auf die Schulart habe ich mich früh festgelegt: Ich war selbst gern auf dem Gymnasium. Ich fand es dort als Schülerin schön, also wird es mir auch als Lehrerin gefallen. Das hab ich mir damals so gedacht.

 

 

BLLV: Wie verlief Ihre eigene Schulkarriere?

 

Julia Hanglberger: Abwechslungsreich. In der 5. und 6. Klasse war ich auf der Hauptschule, weil das die nächstgelegene Schule war. Nach der 6. Klasse bin ich in die damals noch vierstufige Realschule gegangen und nach der 10. Klasse habe ich meine Mittlere Reife gemacht. Danach wusste ich: Die FOS ist nichts für mich. Darum habe ich lieber noch mein Abitur gemacht.

 

Monika Faltermeier: Ich bin direkt nach der Grundschule aufs Gymnasium gegangen.

 

 

BLLV: Und jetzt als Vorsitzende des „Junger BLLV“, was fordern Sie?

 

Julia Hanglberger: Unter anderem die Abschaffung des Staatsexamens und den Master für alle. Wir haben studiert, machen alle ein Referendariat, trotzdem müssen wir vor und auch in der Sondermaßnahme bis zur Verbeamtung ein Angestelltendasein fristen. Wir müssen uns prüfungsähnlichen Besuchssituationen aussetzen.

 

Monika Faltermeier: Am Anfang des Studiums weiß man noch zu wenig aus dem Schulalltag, trotzdem soll man sich schon mit 18 oder 19 Jahren festlegen, das finde ich absurd. Das sollte man länger offen halten, bis man selbst weiß, was man am besten kann. Und auch, was man wirklich will.

 

Julia Hanglberger: Viele Kolleginnen und Kollegen wechseln ja später nicht aus Überzeugung an eine Mittelschule, sondern weil sie merken, dass sie an einem Gymnasium keine Stelle bekommen. Das halte ich nicht für sinnvoll. Bei so einer wichtigen Entscheidung kann ich nicht einfach sagen: „Ach – jetzt regnet es gerade an der Ostsee, dann fahre ich eben woanders hin.“ Diesen Job mach ich schließlich mein Leben lang.

 

Monika Faltermeier: Es muss Durchlässigkeit gegeben sein. Wenn ich weiß: Ich will unbedingt mit Kindern arbeiten, aber für die Schulart, die ich mir jetzt ausgesucht habe, krieg ich die nächsten acht Jahre nichts, muss ich die Möglichkeit haben, auch an eine andere Schulart gehen zu können. Ein Master für alle, so wie der BLLV ihn sich vorstellt, wäre auch für jeden fairer, der während des Studiums feststellt: Dieser Beruf liegt mir doch nicht. Oder ich finde es nun doch spannender, an eine Mittelschule zu gehen als ans Gymnasium. Dann sollten die Studierenden problemlos wechseln können ohne dass diese ersten vier Jahre umsonst waren.

 

 

BLLV: Warum engagieren Sie sich jetzt auch politisch?

 

Monika Faltermeier: Ich hab ein Problem mit Leuten, die immer nur schimpfen und nix tun. Wenn ich unzufrieden bin, muss ich auch schauen, was ich dazu beitragen kann, damit sich die Situation verändert.

 

Julia Hanglberger: Ich engagiere mich im BLLV, weil man durch diese ehrenamtliche Arbeit so viele Leute kennenlernt. Es findet immer ein Austausch statt. Ich bin ja nicht Lehrerin geworden, um jeden Tag um Eins nach Hause zu gehen und mich auf die faule Haut zu legen. Sondern weil mich die Belange meiner Schüler interessieren. Und diejenigen, die von den Auswirkungen der Bildungspolitik betroffen sind – das sind meine Schüler. Ich fühle mich in der Pflicht, mich politisch zu engagieren. Damit ich den Kindern und Jugendlichen das Beste mitgeben kann.

 

 



Suche

Im Blickpunkt

Reformkonzept