13. November 2015

Vor Kollegen weinen

Interview: Stressabbau mit kollegialem Coaching

Feuerwehrmann Reinhold Zitzlsperger hilft seinen Kollegen, Stress zu verarbeiten.

Feuerwehrmann Reinhold Zitzlsperger hilft seinen Kollegen, Stress zu verarbeiten.

Feuerwehrmänner müssen extreme Stressbelastungen meistern. Das Team hilft ihnen dabei – mit kollegialem Coaching. Was Lehrerinnen und Lehrer davon lernen können.

 

Sie klauben Körperteile aus dem Gleisbett, retten Kinder aus einer brennenden Wohnung. Feuerwehrleute erleben in ihrem Beruf Extremsituationen und müssen trotzdem immer funktionieren. Auch Lehrkräfte dürfen sich Stress nicht anmerken lassen. Im professionellen Umgang mit den Folgen ist die Feuerwehr den Schulen jedoch voraus. Sie institutionalisierte ein System psychologischer Betreuung durch Kollegen. Der Feuerwehrmann Reinhold Zitzlsperger erklärt, warum auch Lehrer vom Coaching unter Kollegen profitieren könnten.

 

 

Hat sich ein Feuerwehrmann, der nach Einsätzen unter Belastungen leidet, einfach den falschen Beruf ausgesucht?


Reinhold Zitzlsperger:
Natürlich nicht. Dass Sie nach einem schlimmen Einsatz Belastungsreaktionen zeigen, ist völlig normal. Das Problem war, dass die Feuerwehr ihre Männer die längste Zeit nicht aufgeklärt hat, was Belastungsreaktionen sind, und wie man damit umgeht.

 


Seminar- und Beratungsangebote

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Was hat man für ein Mann zu sein als Feuerwehrmann?

Ein Feuerwehrmann ist ein Mann wie ein Baum! Nicht wir haben ein Problem, die anderen haben ein Problem – und wir für alles eine Lösung. Das ist das Selbstverständnis jedes Feuerwehrmanns. Früher war es noch extremer. Da hieß es: „Feuerwehrmänner sind Eiswürfelpinkler!!“ Und wenn der Kopf daneben liegt, die bleiben cool.

 

Warum nicht? Das scheint doch naheliegend, wenn man überlegt, was Feuerwehrleute alles erleben.

Das hatte mit dem Selbstverständnis der Männer bei der Feuerwehr zu tun: Man wollte kein Weichei sein. Die Gefahr, Aushalten mit Professionalität zu verwechseln, sehe ich noch immer. Es ist eine große Herausforderung, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen.

 

Wie klären Sie auf?

Es gibt einen Grundkurs an der Feuerwehrschule, in dem man lernt, was Stress ist: ein Schutzmechanismus, der in den evolutionär alten Regionen des Hirns in Gang kommt. Der Körper meldet sich mit drei Formen von Belastungsreaktionen: Rückerinnerungen, Vermeidungsreaktionen und Übererregung, die sich in Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Aggressivität äußert.

 

Was bedeutet es, wenn ich eine dieser Reaktionen bei mir beobachte?

Diese Belastungsreaktionen sind noch keine Krankheitssymptome. Man kann sie wie einen seelischen Muskelkater sehen. Wenn sie aber länger als drei Wochen anhalten, oder wenn sie nicht zeitnah zum Stressereignis auftreten, dann sind sie Warnsignale für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), mit der man sich an einen Arzt oder Therapeuten wenden sollte.

 

Aber was hat sich im Alltag bei der Feuerwehr verändert?

Seit rund 15 Jahren haben wir die sogenannten SkB-Teams, das steht für „Stressbearbeitung und kollegiale Betreuung“. Bei der Münchner Berufsfeuerwehr gibt es heute auf allen Wachen Kollegen, die sich auskennen. Zu wissen, ich habe einen Ansprechpartner, senkt das Risiko, an PTBS zu erkranken.

 

Warum ein kollegenbasiertes Modell und keine Supervision durch Therapeuten oder Psychologen?

Um die Hemmschwelle zu senken. Einem Kollegen erzählen Sie schneller von einem stressigen Erlebnis als einem Psychologen. Für den brauchen Sie einen Termin, und haben gefühlt gleich ein amtliches Problem. Das lässt die Leute zurückschrecken. Bei der Feuerwehr kommt dazu, dass ein Kollege weiß, wovon Sie sprechen, er kennt das aus eigenem Erleben. In machen Fällen brauchen Sie am Ende zusätzliche Unterstützung durch einen Profi. Auch das erkennt ein Kollege oft besser als man selbst.

 

Welche Situationen schätzen Sie im Lehrerberuf als belastend ein?

Hart stelle ich mir vor, dass Lehrerinnen und Lehrer als Einzelkämpfer arbeiten. Als Feuerwehrler hast du immer deine Mannschaft. Eine andere Parallele könnte sein, dass dienstältere Lehrer anfälliger für Belastungen sind als junge Kollegen.

 

Man würde erwarten, dass die Jungen besonders gefährdet sind, weil denen die Erfahrung fehlt.

Das Gegenteil ist der Fall: In einer Studie hat sich herausgestellt, dass Kollegen ab 50 eine Hochrisikogruppe sind.

 

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Entscheidend dafür, ob man einen stressigen Beruf jahrelang ausüben kann, ohne krank zu werden, ist die Psychohygiene. Wie gehe ich mit meinen Stressereignissen um? Die, die es falsch machen, sind wie ein Siphon, der verstopft.

 

Woran lässt sich sehen, dass die Feuerwehr dazugelernt hat, was den Umgang mit psychischen Belastungen angeht?

Wenn heute auf einer Wache ein Feuerwehrmann zum Weinen anfängt, lacht ihn keiner mehr aus. Was passiert eigentlich, wenn bei einer Lehrerkonferenz jemand weint? Weint da jemals jemand?

 

 

 

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