28. Juni 2012

Gesundheitsförderung - eine zentrale Aufgabe von Schulen?

Bildungsexperte Prof. Hurrelmann rät zu mehr Prävention

Plädiert für eine größere Verantwortung der Schulen bei der Gesundheitserziehung: Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann.

Nie waren Kinder und Jugendlicher gesünder als heute. Gleichzeitig nehmen seelische und körperliche Störungen aufgrund von Bewegungsmangel, falscher Ernährung und fehlender sozialer Kompetenz zu. Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann plädiert für einen Ausbau der Gesundheitserziehung in der Schule – und hat damit die Lehrkräfte auf seiner Seite.

 

Eigentlich geht es unseren Kindern und Jugendlichen so gut wie noch nie. Gefährliche Infektionskrankheiten gelten als ausgerottet, schwere Erkrankungen sind selten geworden. Und selbst für solche Leiden findet die Medizin fortwährend neue und bessere Wege, diese zu heilen oder zumindest zu lindern. Und doch gilt die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als gefährdet. Die Zahl seelischer und körperlicher Störungen nimmt weiter zu. Steuert man nicht rechtzeitig und präventiv dagegen, könnten sich diese zu Krankheiten auswachsen.

 

Davor warnte der Bildungs- und Gesundheitsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann beim Vortragsabend der Fachgruppe Ernährung und Gestaltung am Mittwoch in der Münchner Geschäftsstelle des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Auf Einladung der Fachgruppe Ernährung und Gestaltung zeigte er im vollbesetzten Vortragssaal vor gut 100 Zuhörern Ursachen für die Zunahme von gesundheitlichen Störungen bei Kinder und Jugendliche auf und skizzierte Lösungsvorschläge. Eine wichtige Rolle spielt dabei aus seiner Sicht die Schule.

 

Jede Störung hat eine soziale Ursache
Vier Problemfelder hat Hurrelmann ausgemacht: Falsche Ernährung, die Überflutung von Kindern mit visuellen Reizen durch Medien und Fehlsteuerungen des Immunsystems, die sich in Allergien äußern. Zudem kommen immer mehr Kinder und Jugendlichen nicht mehr mit psychischen Belastungen und sozialen Anforderungen des Alltags zurecht, weil ihnen entweder der auf sie ausgeübte Druck zu groß ist oder ihnen die Kompetenz fehlt, damit angemessen umzugehen.

 

Die Ursachen dieser Fehlentwicklungen führt Hurrelmann auf die sich dramatischen veränderten Lebensbedingungen von Kindern zurück. Viele Eltern setzten ihre Kinder einem ungeheuren Erwartungs- und Leistungsdruck aus. Vor allem Väter und Mütter aus niedrigen sozialen Schichten kämen schon mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht und seinen mit der Erziehung ihrer Kinder schlicht überfordert. Jungen spielten Videospiele anstatt sich draußen zu bewegen und die sie umgebende Umwelt zu erobern. So könnten sie weder Lebenskompetenzen sammeln noch ihre Motorik schulen. Die Folgend sind alarmierend: Manche Kinder scheitern im Handarbeitsunterricht am Umgang mit der Schere, weil sie diese nicht vernünftig halten können, wie eine Fachlehrerin im Publikum berichtete. Hinzu kommt Druck aus dem Bildungssystem. Immer mehr Schüler streben das Abitur an. „Wer das nicht schafft, muss sich die Frage stellen, wo er in Zukunft beruflich bleibt“, sagte Hurrelmann.

 

Mehr Freizeit in der Schule
Bei der Lösung dieser Probleme spielt die Schule für den Sozialwissenschaftler eine zentrale Rolle. „Sie  sollte sich nicht nur um die Leistungsförderung, sondern auch um die Gesundheitsförderung kümmern“, sagte Hurrelmann. Er schlug vor, Eltern mehr in das Schulleben einzubeziehen und sie dazu zu motivieren, sich einzubringen, um sie auf diesem Weg für das Thema Gesundheitserziehung zu sensibilisieren. Den Unterricht müsste man mit sinnvollen Freizeitangeboten anreichern, damit sich die Kinder und Jugendlichen bewegen, ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten trainieren, dabei soziale Kompetenzen erwerben und lernen, mit den Anforderungen und Belastungen des Lebens umzugehen.

 

Dieser Anspruch ist hoch, und das weiß auch Hurrelmann. „Überfordern wir damit nicht die Lehrer?“, fragte er in die Runde. Sie seien ohnehin eine der am stärksten belasteten Berufsgruppen.  Um sie zu entlasten, riet er dazu, zusätzliches Fachpersonal wie Sozialpädagogen und Psychologen in die Schulen zu holen. Zugleich könnten Externe wie Vereine, Elternvertreter oder örtliche Organisationen Aufgaben übernehmen.

 

Ressourcen für Gesundheitserziehung fehlen
Solche Worte kamen beim Publikum gut an. Doch der Alltag, den die Lehrerinnen und Lehrer täglich erleben, sieht anders aus. In Dutzenden von Wortmeldungen konfrontierten sie nach dem Vortrag Bildungspolitiker der Landtagsfraktionen von CSU, SPD, Freie Wähler und Grüne mit der Realität. Und die sieht keineswegs rosig aus. Es fehlt an Zeit, Geld und Personal, um eine vernünftige, ganzheitliche Gesundheitserziehung im Sinne von Hurrelmann leisten zu können.

 

Schnell wurde allen im Saal klar, dass sich dringend etwas ändern muss. Das sahen auch die Bildungspolitiker ein. Doch für ein eigenes Fach, wie von der Fachgruppe Ernährung und Gestaltung in einer Petition gefordert, wollte sich keiner von ihnen aussprechen. Ihre Lösungsvorschläge reichten von einer besseren Vernetzung der Vielzahl von Projekten zur Gesundheitsförderung über neue Lernkonzepte mit einer Abkehr vom starren 45-Minuten-Takt, die fächerübergreifendes, vernetztes Lernen ermöglichen, zusätzlichen Geldern und Stellen bis hin zu einer selbstständigeren, eigenverantwortlichen Schule, die ihre eigenen Akzente setzt. Vorschläge, die Hurrelmann allesamt begrüßte. 

 

Auch wenn sich die Diskutanten am Ende nicht auf eine Lösung einigen konnten, nahmen sie eine wichtige Botschaft mit. Eine Fachlehrerin formulierte diese unter tosendem Beifall so: „Wir brauchen radikal kleiner Klassen. Und wir brauchen die Schulung von Körper, Herz und Verstand.“