15. März 2017

Der Schatz, der unsere Gesellschaft nährt

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann

Simone Fleischmann über den Schatz, den Pädagogen und Christen teilen: Sie glauben an Menschlichkeit und die Kraft der Begegnung.

 

Eine solches Angebot erhält man nicht alle Tage. Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, durfte jetzt auf Einladung der Evangelischen Akademie Tutzing in der Münchner Erlöserkirche eine Kanzelrede halten.  Zweimal im Jahr äußern sich geladene Redner über gesellschaftliche Themen, darunter waren so prominente Namen wie Joachim Gauck, Gesine Schwan
 und Horst Seehofer. Das Format nennt sich Kanzelrede, weil es zwischen Predigt und Vortrag angesiedelt ist. 

 

Zum ersten Mal seit 20 Jahren stand das Thema Schule im Mittelpunkt einer Kanzelrede. Schule entscheide über die Zukunft unserer Gesellschaft, ist Fleischmann sich sicher. Zwar seien Anerkennung und Bewusstsein für Erziehung und Bildung während der letzten Jahre gestiegen. Gleichzeitig werde die Schule mit der Erwartung überfrachtet, als Reparaturbetrieb für alle Probleme und Defizite zu dienen, die die Gesellschaft plagen. Aber Schule müsse viel mehr “Forschungs- und Entwicklungsabteilung sein”, so Fleischmann.

 

Genau das gelingt oft nicht. Viele Schüler blühen über die Jahre nicht auf, sie verkrusten, wie Fleischmann, selbst Lehrerin, eindrücklich schilderte:

 

In der 1. Klasse erlebe man 20, 25 lebendige, neugierige, fröhliche kleine Menschen, so Fleischmann. In der 4. Klasse habe sich das bereits verflüchtigt. Übertritt und Versagensängste lähmen viele Kinder. Kein Jahr später hätten an den Mittelschulen bereits viele Kinder den Eindruck, die Gesellschaft will sie nicht. Sie sind verunsichert, traurig, aggressiv, verschanzen sich hinter ihrer Coolness.

 

An allen Schulen beobachten Lehrerinnen und Lehrer, dass ihre Schüler nach äußerer Anerkennung hungern, sie sind getrieben vom ständigen Vergleich in den sozialen Netzwerken. Viele Kinder, so Fleischmann, könnten zwischen sachlicher Argumentation und Lügen nicht mehr unterscheiden, das mache sie empfänglich für Vereinfacher und Populisten. Gymnasiasten belaste der enorme Leistungsdruck – auch durch die Eltern.

 

Lehrer prägen Haltungen und Menschen 

Aber Fleischmann übte auch Kritik an ihren Kollegen: “Es gibt schwarze Schafe!” Lehrer, die selbstherrlich und überheblich handelten, richteten großen Schaden an. Denn Lehrer sind Teil der Biografie jedes Einzelnen. Wer als Schüler schlechte Erfahrungen gemacht hat, überträgt das sehr wahrscheinlich auch auf seine Haltung gegenüber Staat und Gesellschaft.

 

Umgekehrt sei genau das die Chance: Wer seine Schulzeit und das Verhältnis zu seinen Lehrern als positiv erlebt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Staat und Gesellschaft positiv und konstruktiv gegenüber treten. Ein Hebel, den man nicht überschätzen kann: In Deutschland besuchen elf Millionen Kinder und Jugendliche Schulen. Das ist die Einwohnerzahl von Belgien oder Portugal.

 

In der großen Mehrheit, versicherte Fleischmann, seien Lehrerinnen und Lehrer allerdings pädagogische Überzeugungstäter. Sie wollen Wissen vermitteln, Persönlichkeiten fördern, Gemeinschaft gestalten.

 

Ihre Hinwendung und ihr Interesse am Gegenüber ist Lehrern und Schülern gemein. Das hat Fleischmann während Jahrzehnten an der Schule immer wieder beobachtet. Zuletzt in ihrer vierten Klasse, als Kinder sie fragen: Warum kriegen wir nicht auch solche Kinder, die mit ihren geflüchteten Familien in der Turnhalle leben?

 

Kinder und Jugendliche freuen sich, wenn sie anderen helfen können. Sie sind begeistert, zu erkunden, was andere Familien und Kinder anders machen. Sie beschäftigt, wie diese Kinder geflüchtet sind, und warum keine Mama dabei war.

 

Dieser große Schatz, der Glaube an die Kraft der Liebe und an menschliche Begegnung, sei Christen und Pädagogen gemein. Dafür, so wünschte sich Fleischmann zum Abschluss und in Anlehnung an Luther, sollten alle gemeinsam einstehen: frei und mutig.



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