07. August 2012

Mittelschulen fehlen 600 Pädagogen

Ministerium zieht jetzt Lehrkräfte von den Grundschulen ab

Lehrermangel an den Mittelschulen: Dort fehlen nach Schätzungen des BLLV zum Schuljahresanfang 600 Stellen.

Aufgrund falscher Planungen werden an den Mittelschulen zum neuen Schuljahr 600 Lehrkräfte fehlen. „Der Pflichtunterricht steht auf der Kippe“, warnt BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Das Kultusministerium steuert jetzt gegen - zu Lasten der Grundschulen.

 

Obwohl Ferien sind, herrscht an vielen bayerischen Grund- und Mittelschulen in diesen Tagen Hochbetrieb. Schulleiterinnen und -leiter müssen ihre mit viel Aufwand erstellten Einsatzpläne für Lehrerkräfte im kommenden Schuljahr auf Eis legen oder entsorgen. Der Grund: Die Versorgungslücke ist angesichts des unerwarteten Plus von 14 000 Schülern riesengroß. Sie soll nun mit 250 zusätzlichen Lehrerstellen gestopft werden, die aber nicht ausreichen. „Um wenigstens den gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtunterricht aufrecht erhalten zu können, sind mindestens 850 zusätzliche Stellen erforderlich“, rechnet der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, dem Kultusminister vor. „Bleibt alles wie es ist, gibt es zum Schuljahresbeginn eine Versorgungslücke von 600 Lehrern.“

 

Das Kultusministerium juble zwar über steigende Schülerzahlen, lasse aber gleichzeitig Lehrer wie Schüler bitterlich im Stich. Wenzel richtete sich vergangene Woche in einem Brandbrief an Ministerpräsident Horst Seehofer und forderte ihn auf, nach zwei „Sondergipfeln“ für das Gymnasium die Mittelschulen nicht zu vergessen. 

 

Schulleiter können nicht planen, Lehrer kennen ihrer Einsatzorte nicht

Bleibe es bei der derzeitigen personellen Ausstattung, stehe zum Schulbeginn vielerorts der Pflichtunterricht auf der Kippe. „Von zusätzlichen Angeboten, die laut Kultusministerium das eigentliche Profil von Mittelschulen bilden sollen, ist hier noch gar nicht die Rede“, ärgert sich Wenzel. Er hatte sich vor dem Brief an Seehofer bereits schriftlich an den Kultusminister gewandt. „Sein Ministerium wurde daraufhin zwar tätig und ‚kratzte’“ für alle  sieben Regierungsbezirke 50 zusätzliche 20-Stunden-Verträge zusammen. Für Oberbayern, Schwaben und Unterfranken gab es jeweils einen weiteren Zuschlag, aber das reicht bei Weitem nicht aus“, betonte der BLLV-Präsident. Die Wochen der Ungewissheit zerrten zudem an den Nerven von Schulleitungen und Lehrkräften, die oft bis kurz vor Schulbeginn ihren Einsatzort nicht kennen.

 

Ministerium schichtet zu Lasten der Grundschulen um

Um die Löcher zu stopfen, wurden auch Stellen an den Grundschulen zugunsten der Mittelschulen abgezogen - mit verheerenden Folgen: „Grundschullehrkräfte fragen sich, wie sie die Unterrichtsversorgung überhaupt noch sicherstellen können. Und sie fragen sich, wie sie dem zu erwartenden hohen Unterrichtsausfall begegnen, Kinder individuell und intensiv fördern, einen qualitätsvollen Ausbau inklusiver Schulen bewerkstelligen und jahrgangskombinierte Klassen so gestalten sollen, dass Schüler von ihnen profitieren können und nicht Opfer eines Sparmodells werden. Wenzel schätzt den Personalbedarf allein an Grundschulen auf rund 8000 zusätzliche Lehrkräfte. „Während das Kultusministerium die Grundschulen personell ausbluten lässt, spricht der Minister immer noch davon, Kinder würden dort individuell gefördert. Das werden sich die Eltern nicht mehr lange gefallen lassen.“  

 

Planungen beruhen auf falschen Prognosen

Ursache für die dilettantische Vorgehensweise des Kultusministeriums sind falsche Prognosen. In ihnen wurde die zu erwartende Schülerzahl an Mittelschulen weit nach unten gerechnet. So konnten dann zwar „steigende Schülerzahlen“ verkündet werden - sie lagen schließlich über der zu tief angesetzten Prognose - gleichzeitig wurde aber auf dieser Basis die Lehrerstundenzuweisung vorgenommen. „Dass es nun einen noch nie da gewesenen Mangel an Lehrkräften für Mittelschulen gibt, ist kein Wunder“, sagte Wenzel. Er forderte das Kultusministerium dazu auf, schwindende Schülerzahlen an Mittelschulen endlich zu akzeptieren und sich dieser Realität stellen. Faktisch sinke die Schülerzahlen von Jahr zu Jahr: von 220.00 im Schuljahr 2010/11 auf 214.00 im Schuljahr 2011/12 und auf 209.000 in diesem Schuljahr. 

 

Mehr zum Thema:

»Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer
»Brief an Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle


 



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