Bayerisches Bildungsparadies gibt es nicht
Zu große Klassen, zu wenig Lehrer: Neues Schuljahr, alte Probleme
Das neue Schuljahr startet mit den alten Ärgernissen. BLLV-Präsident Wenzel wirft Kultusminister Spaenle vor, die tatsächlichen Probleme unter den Teppich zu kehren. „Sie bleiben auch im neuen Schuljahr ungelöst.“
Pressemitteilung vom 10. September 2012
München - Wenn am kommenden Donnerstag in Bayern die Schule beginnt, beginnen für Schüler, Lehrer und Eltern auch wieder die immer gleichen Probleme: Zu große Klassen, zu wenig Lehrer, zu hohe Belastung, zu wenig Unterstützung. Der Präsident des BLLV, Klaus Wenzel, warf dem Kultusminister vor, die tatsächlichen Probleme an den Schulen im Freistaat nicht zu thematisieren und stattdessen ein bayerisches Bildungsparadies zu zeichnen, das mit der Schulwirklichkeit nichts zu tun hat. „Auf engagierte Lehrkräfte, überforderte Schüler und gestresste Eltern muss das zynisch wirken.“
Fakt sei, dass es auch im Schuljahr 2012/13 mangels Personal keine individuelle Förderung geben kann, der Ausbau qualitätsvoller Ganztagsangebote kaum voran kommt, die Bildungsungerechtigkeit eher steigt und Schüler wie Lehrer unter schlechten Lern- und Arbeitsbedingungen leiden. Wenzel forderte Spaenle auf, im neuen Schuljahr den schulpolitischen Weichzeichner einzupacken und sich der Realität zu stellen. „Die Schulen brauchen Antworten auf drängende Fragen und Lösungen für vielfältige Probleme.“
Mittelschulsterben: KM stopft nur die gröbsten Löcher
Nach wie vor ungelöst sei die Frage, wie das Hauptschulsterben zu stoppen sei. Wie sich zeigt, gehe auch das jüngste Rettungskonzept nicht auf: „Wer aus Hauptschulen Mittelschulen macht und mit zu niedrig angesetzten Prognosezahlen hausieren geht, zögert das Schulsterben lediglich hinaus, er verhindert es aber nicht. Lehrerinnen und Lehrer an Mittelschulen brauchen derzeit vor allem eines: Eine Antwort auf die Frage, wie sie trotz massiver personeller Engpässe die Unterrichtsversorgung und Profilbildung ihrer Schulen aufrecht erhalten sollen.“ Bereits im August machte Wenzel in zwei Brandbriefen an Ministerpräsident Seehofer und Kultusminister Spaenle auf das Problem aufmerksam. „Das Kultusministerium hat zwar reagiert und versucht, Lehrer bereit zustellen, doch es wurden nur die gröbsten Löcher gestopft“, sagte Wenzel. Er warf beiden Politikern vor, die Mittelschulen im Stich zu lassen. „Das einzige, was diese Schulen zuverlässig bekommen, sind leere Versprechungen und Lippenbekenntnisse.“
Grundschulen: Kombiklassen werden als Sparmodell missbraucht
Unter dem Missmanagement haben auch die Grundschulen zu leiden: Die zur Verfügung stehenden Lehrkräfte reichen nicht aus, um Unterrichtsausfälle zu vermeiden, die Kinder zu fördern, den Inklusionsgedanken umzusetzen und jahrgangskombinierte Klassen unter vernünftigen Bedingungen anbieten zu können. „Hier liegt ganz viel im Argen“, beklagte Wenzel, der in den „Kombiklassen“ ein Sparmodell zu Lasten der Kleinsten sieht. „Lehrerinnen und Lehrer wollen und sollen zwar individuell fördern und auf alle Bedürfnisse der Kinder eingehen, sie erhalten dafür aber keinerlei personelle Unterstützung.“ Wenzel schätzt den zusätzlichen Personalbedarf allein an Grundschulen auf rund 8000 Lehrkräfte.
Auch an den Realschulen brennt es
Auch an den Realschulen ist die Situation alles andere als einfach: Die Lehrerinnen und Lehrer haben es mit einer zunehmend heterogenen Schülerschaft zu tun. Die Schüler kommen aus der Grundschule oder aus dem Gymnasium. „Weil viele Klassen unverhältnismäßig groß sind und zudem Personal fehlt, können die Lehrkräfte zu wenig auf die Bedürfnisse einzelner Schüler eingehen“, so Wenzel. Inzwischen sei an vielen Realschulen die Atmosphäre hektisch geworden, Prüfungs- und Leistungsdruck dominierten den Schulalltag. Die Lehrer brauchen Antworten auf die Frage, wie sie bei zu hohen Klassenstärken den höchst unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Schüler gerecht werden können.
Gymnasium: Wie soll die neueste Reform umgesetzt werden?
Gymnasiallehrer schließlich brauchen Antworten, wie sie die neuesten „Reformen“ umsetzen sollen, die noch kurz vor den Sommerferien präsentiert wurden. „Ich bezweifle, dass mit der punktuellen Lehrplankürzung, der Einführung eines Flexibilisierungsjahres oder mit nicht näher definierten Mentoren der Dauerstress bewältigt und abgebaut werden kann“, sagte Wenzel. Er befürchtet, dass das bayerische Gymnasium zur Dauerbaustelle wird. „Ruhe wird solange nicht einkehren können, solange sich die Staatsregierung weigert, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln und die dafür erforderliche Expertise einzuholen.“ Schuldig geblieben sei das Kultusministerium auch die Antwort auf die Frage, wie die Qualität des bayerischen Gymnasiums in Zukunft sichergestellt werden könne.
Mobiler Sonderpädagogischer Dienst stößt an seine Grenzen
Lehrerinnen und Lehrer an Förderschulen warten auf Antworten, wie sie Förderprozesse in Gang bringen sollen - ohne auf die dafür erforderlichen personellen Kapazitäten zurückgreifen zu können. Die Beschäftigten in den Einrichtungen haben es mit immer mehr und immer schwierigeren Fällen zu tun, es mangelt aber an Differenzierungsstunden und an Möglichkeiten, die Kinder individuell zu fördern. Die Kräfte, die im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) tätig sind, haben derzeit das Gefühl als „sonderpädagogische Handelsreisende“ verheizt zu werden. „Ihnen bleibt für einzelne zu betreuende Schüler viel zu wenig Zeit“, kritisierte Wenzel und forderte auch für den MSD mehr Personal und Rahmenbedingungen, die eine kontinuierliche und ausführliche Kooperation mit Regelschulen ermöglichen.
Eltern brauchen schließlich Antworten auf die Frage, wie sie mit dem enormen Druck, der auf ihren Kindern lastet, umgehen sollen. Sie müssen wissen, wie lange es noch dauert, bis sie qualitativ hochwertige rhythmisierte Ganztagsangebote finden. Die Nachfrage ist größer als das spärliche Angebot.
Die Liste an Problemen ließe sich noch beliebig erweitern, sagte Wenzel und kündigte an, weiterhin für eine zeitgemäße Schule zu kämpfen, die sich an den Bedürfnissen der Schüler und Lehrer orientiert. Er wünschte allen Lehrkräften, Schülern und Eltern trotz aller Schwierigkeiten einen guten Start ins neue Schuljahr - „sie müssen widrigen Umständen trotzen und täglich an ihre Grenzen gehen, um Defizite der bayerischen Schul- und Bildungspolitik auszugleichen. Dafür zolle ich Ihnen höchsten Respekt.“
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