Bayerische Realschulen brauchen Hilfe
Viele Klassen haben 30 und mehr Schüler - trotzdem kaum neue Planstellen
Bayerns Realschulen haben ihr Limit längst überschritten. „Viele Klassen sind zu groß, die Unterrichtsversorgung ist auf Kante genäht“, kritisiert BLLV-Präsident Wenzel. Es mangelt an allen Ecken und Ende an Lehrern.
Pressemitteilung vom 20. September 2012
Zu große Klassen, zu wenig Lehrer, zu viele problematische Schüler, deren schulischer Erfolg gefährdet ist, dazu eine hohe Prüfungsdichte - „das ist die Situation, in der sich Bayerns Realschulen befinden“, erklärte der Präsident des BLLV, Klaus Wenzel, heute in München. „Das Bild, das seit Jahren in der Öffentlichkeit vom ‚Erfolgsmodell’ Realschule gezeichnet wird, ist zwar das einer perfekten Schulidylle - mit der Schulwirklichkeit hat es aber wenig zu tun.“ An den BLLV wenden sich zunehmend aktive Realschullehrkräfte, die die Nase voll haben von der Verklärung einer Schulart, die ins Strudeln gerät, weil sie zu wenig Unterstützung bekommt.
„Lehrerkollegien wie Schulleitungen fühlen sich im Stich gelassen. Sie wollen bessere Arbeitsbedingungen für sich und ihre Schüler, mehr Zeit, um einzelne Schüler individuell fördern zu können, kleinere Klassen und mehr qualifiziertes Personal.“ Hinzu komme, dass die Unterrichtsversorgung an vielen Realschulen auf Kante genäht sei. Der BLLV unterstützt sie und fordert mehr Personal, kleinere Klassen und den konsequenten Ausbau rhythmisierter Ganztagsangebote.
30 und mehr Schüler pro Klasse sind fast schon die Regel
Drängendes Problem an den bayerischen Realschulen ist der Lehrermangel: Weil der Ansturm auf die Schulart ungebrochen ist, wurden zum neuen Schuljahr drei neue Realschulen sowie sechs neue Außenstellen bestehender Realschulen gegründet. Als einzige Schulart konnte die Realschule trotz demografischen Rückgangs die hohen Schülerzahlen vom Vorjahr halten. „Die Lern- und Arbeitsbedingungen sind schwierig, in vielen Klassen sitzen 30 und mehr Schüler, die Klassen wurden insgesamt nicht kleiner und die Lehrer-Schüler-Relation hat sich nicht verbessert“, führte Wenzel aus.
Gleichzeitig werden die Probleme der Schülerinnen und Schüler gravierender: Viele Lehrkräfte tun sich schwer, einen „geregelten Unterricht“ zu halten, weil sich immer mehr Schüler kaum noch konzentrieren können, geschweige denn, sich aktiv am Unterricht beteiligen. Kinder und Jugendliche mit Verhaltensdefiziten, privaten bzw. familiären Problemen oder entmutigte und demotivierte Schüler, die vom Gymnasium kommen und sich nichts mehr zu trauen, sind nicht mehr die Ausnahme. „Vor allem diese Schüler brauchen eine wesentlich intensivere pädagogische Betreuung, ihre Lehrkräfte brauchen mehr Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können“, forderte Wenzel. Die Klassenstärken müssten auf maximal 25 Schüler reduziert werden.
Trotz Gründung neuer Realschulen stehen Junglehrer auf der Straße
Bei der Bedarfsplanung spielen diese Aspekte jedoch keine Rolle: So haben - obwohl der Personalbedarf groß ist - junge Realschullehrer kaum Chancen auf Beschäftigung. Die Zahl der Neueinstellungen schrumpft, bis zum Ende des Jahrzehnts sollen nur noch rund 370 junge Lehramtsanwärter/innen eingestellt werden. „Während sich die aktiv im Beruf stehenden Lehrerinnen und Lehrer bis zur Erschöpfung verausgaben, steht der junge, gut ausgebildete Nachwuchs auf der Straße.“ Wenzel appellierte erneut an das Kultusministerium, den Einstellungskorridor zu öffnen und möglichst allen jungen Lehrkräften Chancen einzuräumen - „sie werden dringend gebraucht.“
Auch der Ausbau der rhythmisierten Ganztagschulen steckt immer noch in den Kinderschuhen. „Er muss dringend beschleunigt werden“, verlangte Wenzel. Derzeit sei es wegen des Personalmangels an vielen Realschulen äußerst schwierig, kompetente Betreuung zu finanzieren oder Hausaufgabenhilfe anbieten zu können, von individueller Förderung der Schüler ganz zu schweigen.
Lehrkräfte reiben sich auf
Lehrkräfte befürchten zudem, Einzelkämpfer zu werden, weil sie „von Klasse zu Klasse hetzen, eine Prüfung nach der anderen abfragen müssen und kaum noch Kontakt zu den Kollegen aufbauen können. Hinzu kommen die vielen Vertretungsstunden, die gehalten werden müssen, weil Kollegen ausfallen oder fehlen.
Die zusätzlich bereit gestellten 110 Lehrkräfte für 130 staatliche Realschulen reichen bei weitem nicht aus, um die dort rund 10.500 Lehrerinnen und Lehrer bei Abwesenheit zu vertreten und um ersatzlose Unterrichtsausfälle oder fachlich nicht einschlägige ad hoc Vertretungen zu vermeiden. Viele fühlen sich gestresst und zum Teil auch überfordert.“ Die Gefahr, dass Lehrerinnen und Lehrer ausbrennen, sei hoch. „Umso größer die Pflicht des Kultusministeriums, die Probleme anzupacken und der Realschule zu helfen.“



