15. Mai 2012

BLLV fordert neues Lernkonzept für Gymnasien

Vom Lehrplan zum „Lernplan plus“ - Präsident Klaus Wenzel verlangt systematischen Wechsel und schlägt u. a. Halbierung von Lerninhalten und Vernetzung von Fächern vor

München - Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat heute das Lernkonzept „Lernplan plus“ vorgestellt. Es beinhaltet drei Aspekte, die den Lehrplan für die rund 400 Gymnasien in Bayern grundlegend verändern sollen. „Der ‚Lernplan plus’ reduziert Lehr- und Lerninhalte radikal, er vernetzt Fächer und orientiert sich an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen“, erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel bei einer Pressekonferenz. Der BLLV erwarte, dass die Impulse bei der bevorstehenden Neukonzeption des gymnasialen Lehrplans bis 2015 berücksichtigt werden. Der derzeitige Lehrplan weise vor allem in den naturwissenschaftlichen und den Sachfächern zu viele Inhalte auf. Lern- und entwicklungspsychologische Befunde würden weitgehend ignoriert. Ziel müsse sein, modernes und nachhaltiges Lernen an bayerischen Gymnasien zu etablieren. Dazu müsste sich der bestehende Lehrplan zu einem Lernplan entwickeln und dazu müssten selbstverständlich auch die erforderlichen Ressourcen bereit gestellt werden. „Unser Eindruck ist, dass sich nicht nur Schüler und Lehrkräfte, sondern auch Eltern Veränderungen wünschen. Dauerstress und Prüfungsdruck belasten das Familienleben massiv, wobei Eltern beobachten, dass ihre Kinder schnell eingepauktes Wissen bei Bedarf lediglich abspulen - um es bald wieder zu vergessen. Mit nachhaltigem Lernen hat das nichts zu tun. Auf diese Weise bereiten wir junge Menschen auch nicht ausreichend auf existentielle Herausforderungen der Zukunft vor.“ Lehrkräfte könnten innovative Unterrichtsmethoden zudem nur dann umsetzen, wenn sie die dafür nötige Zeit bekämen. Wenzel forderte das Kultusministerium auf, den Vorschlag des BLLV zu prüfen und offen zu diskutieren.

 

„Gymnasiallehrerinnen und -lehrer stellen immer wieder fest, dass die Behaltensquote, also das, was sich Schüler vom behandelten Stoff tatsächlich merken können, erschreckend niedrig ist“, sagte Wenzel. Der enorme Umfang des Lehrplanpensums erfordere ein hohes Lerntempo; der weit verbreitete 45-Minuten Rhythmus verhindere intensive Verstehens- und Übungsphasen. „Der derzeitige Lehrplan verleitet zur Reduktion des Unterrichts auf abprüfbares Wissen.“ Der schnelle Wechsel und die hohe Zahl der Unterrichtsfächer führe zu oberflächlichem Lernen. Im Mittelpunkt des Unterrichts stünden zu stark bloßes Faktenwissen und die Erarbeitung der Fachbegriffe. Handlungs- und verstehensbezogene Kompetenzen kämen zu kurz. „Hinzu kommt, dass viele Lerninhalte verschiedener Fächer zu unterschiedlichen Zeitpunkten behandelt werden. Synergieeffekte können in der Lehrplangestaltung und im Unterrichtsalltag zu selten zur Anwendung kommen.“ Das sei bei dem jetzigen Lerntempo und der Fülle der Lerninhalte auch kaum möglich. „Die Querverweise in den Fachlehrplänen sind zwar hilfreich, sorgen aber nicht für eine ausreichende Vernetzung. Fächerverknüpfungen werden im Nachhinein beobachtet und im Lehrplan vermerkt, aber nicht in einem fächerübergreifenden Team erarbeitet.“ Ein weiteres Problem liege in der Lehrplanabfolge: „Sie orientiert sich zu wenig an der Entwicklungspsychologie.“ So würden abstrakte Inhalte immer noch in Jahrgangsstufen behandelt, in denen die Schüler zum Verständnis entwicklungspsychologisch noch nicht befähigt seien und für die sie ihre Lebenswirklichkeit nicht motiviere. 

 

Für eine effektive und sinnvolle Neuausrichtung gymnasialer Lehrpläne sind aus Sicht des BLLV drei Schritte nötig: 

 

- Reduzierung der Lerninhalte:
„Wir schlagen eine Halbierung vor allem in den Sachfächern vor“, sagte Wenzel. Es gehe nicht darum, bestimmte Inhalte als unwichtig abzuwerten, sondern darum, dass Lernprozesse Zeit für Vertiefung, Wiederholung, Vernetzung und Anwendung benötigten. „Lerninhalte müssen sich auf exemplarische Inhalte begrenzen, die nachhaltiges Lernen und den Aufbau von Kompetenzen ermöglichen. Die Lehrkräfte brauchen Freiräume für nachhaltige Unterrichtsmethoden, im Mittelpunkt sollten Erkenntnisse verständnisintensiven Lernens stehen.“

 

- Vernetzung einzelner Fächer:
Weil sich Wissen in übergeordneten Begriffen (kategoriales Wissen) am besten in fächerübergreifenden Projekten mit konkretem Lebensweltbezug aneignen lässt, sind angemessene Zeitfenster für im Lehrplan verankerte fächerübergreifende Projekte nötig. Um Redundanzen zu vermeiden und Synergieeffekte zu erzeugen, sollte ein fächerübergreifendes Curriculum die Basis sein. In der Unter- und vor allem in der Mittelstufe muss die hohe Anzahl verschiedener Fächer reduziert werden. „Entscheidend ist nicht die Fächervielfalt, sondern die Vielfalt an Themen“, betonte Wenzel. Der BLLV schlägt vor, den Unterricht nicht nur in Einzelfächern,  z.B. Fremdsprachen, Mathematik, sondern verstärkt auch in Domänen (z.B. Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, musisch-künstlerisches Gestalten) zu organisieren.

 

- Orientierung an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen:
Die Inhalte der gymnasialen Lehrpläne müssen dem jeweiligen Alter der Schüler gerecht werden - d.h., sie müssen mit den Lebenswelten junger Menschen korrespondieren. „Es empfiehlt sich, Entwicklungspsychologen hinzu zu ziehen.“ 

 

 „Junge Menschen haben ein Recht darauf, anspruchsvolle Bildungsprozesse zu erleben“, erklärte Wenzel. Die bislang getroffenen Maßnahmen griffen zu kurz. „Sie werden den Veränderungen, die diese Schulart zu bewältigen hat, nicht gerecht. Damit im Wesentlichen alles so bleiben kann, wie es ist, dreht das Kultusministerium an einzelnen Schrauben und hofft, dass so Ruhe einkehrt. Mit einem Intensivierungsjahr und einzelnen Streichungen in den Lehrplänen ist es aber nicht getan.“ Ziel müsse sein, das Gymnasium zu einer inhaltlich profilierten und auf Förderung und Integration abzielenden Schulart zu entwickeln.  

 

 

Weitere Infos unter: http://gymnasium.bllv.de/lernplan


Dateien:
20120515.pdf29 K

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