24. November 2016

Teamarbeit: „Es tut einfach gut, füreinander zu denken“

Fünf Lehrerinnen über ihre Erfahrungen mit Teamarbeit

An der oberbayerischen Grundschule Markt Schwaben arbeiten fünf Lehrerinnen nunmehr im zweiten Jahr als Jahrgangsteam zusammen. Im Gespräch mit dem BLLV-Magazin „bayerischen schule“ schildern sie, auf welche Weise sie von der engen Kooperation profitieren. Und wie sie mit Widrigkeiten umgehen – zum Beispiel mit Zeitknappheit und klagefreudigen Eltern.

 

 

Auf unsere Interview-Anfrage hin haben Sie uns ein Bild gemailt: Darauf liegen sie allesamt lächelnd auf Liegestühlen, darunter die Worte: „Entspannte Teamarbeit“. Im Schulleben zusammenzuarbeiten scheint ja wahre Wunder zu bewirken.

BIRGIT BÄUML: Ja, aber solche seltenen Momente reichen gerade für einen Schnappschuss. Man führt immer Diskussionen, zum Beispiel bei der Probenplanung. Aber das hat nie zu größeren Konflikten geführt, wir konnten uns immer einigen.

INES BARDOLATZY: Die persönliche Ebene bei uns stimmt einfach. Wenn man fachlich diskutiert oder unterschiedlicher Meinung ist, ist das nicht so schlimm.

 

 

Wenn Sie nicht gerade für Gruppen-Selfies posieren: Wie läuft dann diese Teamarbeit bei Ihnen?

EVA THIELMANN: Wir waren zum Beispiel mit dem neuen Lehrplan oftmals unsicher. Etwa, wie die mündlichen Noten genau berechnet werden in Deutsch. Da konnten wir Älteren die Jüngeren im Team fragen, ob die sich nicht im Lehrerseminar erkundigen könnten.

ANNA RÖßLER: Und wir Jüngeren profitieren ganz schön von eurer Erfahrung. Es läuft alles reibungslos?

THIELMANN: Es war ein richtig gutes Jahr für uns. Es gab wenig Streiterei und wir haben uns prima ergänzt.

BÄUML: Wenn nächste Woche eine Matheprobe angesetzt wurde, dann hat eine gesagt, ich setze die Mathe-Probe auf, und eine andere hat gesagt, gut, dann schreibe ich die Deutschprobe. Da gab es nie eine Diskussion drum, ob sich eine weniger einbringt.

 

 

Wie häufig treffen Sie sich denn?

THIELMANN: Einmal pro Woche ein bis zwei Stunden – außer, wenn eh alles geklärt ist. Es gibt nur einen Tag in der Woche, an dem wir alle da sind.

RÖßLER: Jedes Jahrgangsstufenteam unserer Schule trifft sich einmal pro Woche.

Wird die angerechnet?

RÖßLER: Nein.

Und was besprechen Sie so?

BARDOLATZY: Den Wochenplan zum Beispiel, wir konzipieren Proben, ...

RÖßLER: … es geht auch um die Bewertung. Wir stellen sicher, dass die Korrekturen einheitlich sind. Daran hängen wir zeitlich oft am längsten um die Kinder gerecht zu bewerten und um uns bei den immer häufiger werdenden Elternbeschwerden abzusichern. Da ist es schon sehr hilfreich, so ein erfahrenes Team zu haben. Das gibt Sicherheit.

THIELMANN: Wir haben uns einmal vor Jahren mit einem Vater zu fünft zusammengesetzt. Der hatte mit dem Anwalt gedroht. Es ging um den Übertritt.

 

 

Und? Hat ihn diese zahlenmäßige Überlegenheit beeindruckt?

BÄUML: Er ist nicht von seiner Meinung abgerückt, wir nicht von unserer …

THIELMANN: … aber das Entscheidende war: Es kam auch kein Brief vom Anwalt.

BARDOLATZY: Solcher Rückhalt hat mir gerade im ersten Jahr als Klassleitung auch sehr geholfen, das war für mich als LAA eine große Erleichterung. Es hat einfach gut getan zu wissen, ich brauche nichts befürchten. Ich bin einfach leichter angreifbar als Anfängerin. Ich wüsste gar nicht, wie ich so was allein schaffen sollte. Da ist so ein starkes Team schon eine enorme Erleichterung.

 

 

Schreiben Sie eigentlich auch dieselben Proben in den Klassen Ihrer Jahrgangsstufe?

THIELMANN: Im großen Ganzen ja, aber jede passt bei Bedarf ein paar Fragen an den eigenen Unterricht an. Das ist jeweils unsere eigene pädagogische Verantwortung. Wir mailen uns die Proben dann gegenseitig zu und ergänzen. Wir legen uns auch die Materialien gegenseitig ins Fach und tauschen diese auch durch, eine Lerntheke zum Beispiel.

 

 

Haben Sie auch Erfahrung mit kollegialer Hospitation?

THIELMANN: Ja, wir haben im vergangenen Jahr alle mal bei Birgit in der 1. Stunde hospitiert. Ein Aufruf zur kollegialen Hospitation kam nicht bei allen so gut an. Wir haben dann beschlossen, das eben in unserem Team zu machen. Dafür ist dann in den anderen Klassen jeweils eine Stunde ausgefallen, die wir zur Verfügung bekommen haben.

RÖßLER: Man kommt dann ganz ungezwungen in einen fachlichen Austausch.

BARDOLATZY: Und wir haben diese Stunde dann auch alle mehr oder weniger so gehalten.

 

 

Was war denn der Dreh an dieser Stunde?

BÄUML: Es war eine Übungsstunde zur schriftlichen Addition. Dreifachdifferenziert. Ich habe gerade eine Kooperationsklasse und muss dementsprechend viel differenzieren. Es ging drum zu zeigen, wie man mit möglichst wenig Aufwand unterschiedlichen Lerngruppen gerecht werden kann.

 

 

Man bekommt ja normalerweise wenig Rückmeldung als Unterrichtender – aber hier ging es offenbar um die Hospitierenden.

BÄUML: Ja, ich hatte die Stunde auch schon vor dem Seminar gehalten, ich wusste also, da kann nicht viel schief laufen. Aber auch für mich war es sehr sinnvoll, um sich anschließend über einzelne Kinder auszutauschen.

 

 

So ein Austausch braucht Zeit, mit ein, zwei Stunden ist es da ja nicht getan …

BRITT BÖHLKE: WhatsApp ist unsere Rettung. THIELMANN: Die Möglichkeit zum spontanen persönlichen Austausch fehlt oft. Schon dadurch, dass wir unterschiedlich Pausenaufsicht haben und auf drei Schulhäuser verteilt sind, sind wir selten alle zugleich im Lehrerzimmer.

BÖHLKE: Gestern waren es allein zehn WhatsApp-Nachrichten, die letzte von Eva kam um halb zwei Uhr nachts.

BÖHLKE: … und um halbsechs kommt dann die erste Antwort. Unterm Strich steht trotzdem Zeitersparnis?

THIELMANN: Ja, und jede kann ihre Stärken einbringen und das machen, was einem leichter fällt.

BÖHLKE: Es macht auch einfach mehr Spaß.

 

 

Dieser Spaß an der gemeinsamen Arbeit motiviert. Es heißt, genau das halte auch gesund. Wie handhaben Sie es, wenn trotzdem jemand ausfällt?

THIELMANN: Jede von uns war etwa eine Woche krank.

RÖßLER: Bei mir und Birgit musste mal eine Mobile Reserve kommen, die konnte dann auf das vorbereitete Material zurückgreifen, das wir ja immer füreinander bereitstellen.

THIELMANN: Das war für die Vertretung auch eine gute Hilfe.

BÖHLKE: Das tut einfach sehr gut, füreinander zu denken und einzuspringen.

BARDOLATZY: Und wenn man krank ist, kann man mit gutem Gewissen krank sein. Man weiß ja, dass die Kinder der eigenen Klasse gut versorgt sind.

 

 

 

Sie scheinen eine verschworene Gemeinschaft zu sein. Könnte eigentlich jede in ihrem Team mitmischen?

BÄUML: Wer so ganz individuell arbeitet und seinen ganz individuellen Stil pflegen will, tut sich schwer.

THIELMANN: Gute Teamarbeit braucht auch eine persönliche Basis und nicht jeder ist bereit, sich aktiv in ein Team einzubringen.

BÖHLKE: Ich habe zwei Kinder, da kann ich am Nachmittag einfach nicht am Schreibtisch sitzen, aber dafür darf ich dann wieder mal eine Lasagne zum Arbeitstreffen mitbringen (alle lachen zustimmend).

BARDOLATZY: Man wird ja nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelt. Ob es wirklich passt, ist Zufall.

THIELMANN: Bei uns passt's: Wir haben einen ähnlichen Arbeitsstil und eine ähnliche Arbeitsauffassung, ohne dass wir alles gleich machen ...

BÄUML: … und einen ähnlichen Humor.

 

 

Es wird aber sicher nicht immer nur harmonisch wie bei einem Kaffeekränzchen zugehen …

BÄUML: Klar, wir sind mal gereizt, dann kann es vorkommen, dass wir uns im Ton vergreifen. Aber wir verstehen dann schon, wie etwas gemeint war.

THIELMANN: Immer läuft es nicht wie geschmiert. Aber keiner ist nachtragend, oft finden wir einen guten Kompromiss.

BÖHLKE: Wir sind eben alle recht dominant und streiten auch mal um etwas.

 

 

Auch altersmäßig erscheint Ihre Gruppe recht homogen …

BÖHLKE (als die Älteste in der Runde, lachend): Oh, danke!

THIELMANN: Wir sind auch untereinander befreundet. Und es entlastet auch sehr, da jemanden zu wissen, der einen versteht und es ist einfach schön, wenn man schon früh morgens am Kopierer miteinander lachen kann.

 

 

Bekommen Sie für Ihre Teamarbeit eigentlich Unterstützung von oben?

THIELMANN: Unsere Schulleiterin führt schon Gespräche undversucht im Rahmen der Möglichkeiten, die Wünsche für die Zusammensetzung des Teams zu erfüllen.

 

 

Auch ein Schulrat könnte eine solche Teamarbeit fördern, indem er das Team kennt und dann nicht irgendjemanden hineinsetzt in eine Gruppe.

THIELMANN: Wünschenswert wäre das auf alle Fälle, aber es ist nicht immer möglich.

BÖHLKE: Ich als Teilzeitlehrerin fände es sehr wünschenswert, wenn es mehr Stunden zur Teambildung und -arbeit gäbe. Gerade in den vierten Klassen. Ich habe fünf, sechs Lehrer, die die Stunden auffüllen.

BÄUML: Genau, was wir wirklich bräuchten, wäre zusätzliche Zeit, um uns mit Kolleginnen abzusprechen, die nicht in unserem Team sind und in unserer Jahrgangsstufe ein bestimmtes Fach unterrichten.

BÖHLKE: Eine gute Förderung der Teamarbeit wäre eine zusätzliche Stundenzuteilung.

 

 

Was bringt denn die Teamarbeit in Bezug auf die Kinder?

BÄUML: Man kann aus einer Klasse schon mal einen schwierigen Schüler rausnehmen und in eine Parallelklasse setzen – so etwas geht, weil wir uns ja eben aufeinander abstimmen und alle das Gleiche machen.

BÖHLKE: Und das Gute ist: Nicht nur die Eltern, auch die Kinder nehmen uns als Team wahr.

 

 

Das Gespräch führten Gerd Nitschke, Vizepräsidentdes BLLV, und Chris Bleher, Leitender Redakteur der „bayerischen schule“.

 

Aus: Bayerischen Schule, Ausgabe 5/16, Themenschwerpunkt Team

 

 

 

Team ist top - Die Bayerische Schule 5/2016

Unterrichten wird immer anspruchsvoller: Inklusion, Integration von Flüchtlingskindern, verhaltensoriginelle Kinder, Digitalisierung – Lehrer müssen sich von Einzelkämpfern zu Teamplayern entwickeln, wenn das System Schule funktionieren soll. Was die Forschung sagt, welche Erfahrungen Lehrkräfte damit machen, beleuchtet die neue Ausgabe des BLLV-Magazins.

 

Weitere Themen:

• Grundschulzeugnisse - Die neue Art Wert zu schätzen
• Schulleitungen  - Mit der Geduld am Ende
• ViL - Wie Hospitian auch ablaufen kann
• Dienstrecht - Wenn Beamte unerlaubt fehlen

 

 



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