27. Oktober 2016

Wie nehmen wir den Druck aus der Grundschule raus?

BLLV-Präsidentin Fleischmann antwortet Eltern im Radio

Simone Fleischmann im Bayern2-Studio (Foto: BR/Lisa Hinder)

Mittelschule, Realschule oder Gymnasium? Der Übertrittsdruck macht Schülern der vierten Klasse, Eltern und Lehrern schwer zu schaffen. Wie schaffen Sie es, besser durch die schwierige Zeit zu kommen? BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann stellte sich den Fragen der Bayern2-Hörer.

 

"Wie man den Druck rausnehmen kann": Unter diesem Motto diskutierten Simone Fleischmann und Jürgen Wolf, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, in der Radio-Sendung "Bayern2-Notizbuch" über den Übertrittsdruck in der 4. Klasse. Wolf ist Psychotherapeut und bei einer Erziehungsberatungsstelle tätig. Die Hörer könnten sich im Verlauf mit eigenen Beiträgen und Fragen einbringen, die von den Experten beantwortet wurden. Sie können die Sendung hier nachhören.

 

Einige Auszüge aus der Sendung:

 

Grundschul-Rektorin aus Starnberg:

"Es ist jedes Jahr das gleiche Probleme, weil es für Eltern keine Alternative zum Gymnasium gibt, zumindest für die, die auf Bildung wert legen, und das sind sehr viele. Dass ihr Kind aufs Gymnasium geht, ist Teil des Renommees – wie das große Auto vor der Tür."

 

Schüler Paul, heute in der Mittelstufe, erinnert sich an seine Zeit in der Grundschule:

Ich bin gerade so aufs Gymnasium gekommen, ich musste sehr viel lernen für den Übertritt. In der 8. Klasse bekam ich Magersucht.

 

Moderator: Das ist sicher ein Extrembeispiel, aber Druck spüren die meisten Familien, Eltern und Kinder schlafen nicht mehr gut. Können Sie den Druck verstehen?

 

Simone Fleischmann: Ich kann das sehr gut verstehen, wir sind alle Opfer des Systems, und stecken alle mitten drin: Eltern, Schüler, Lehrer. Wir müssen lernen, respektvoll miteinander umzugehen, dass also nicht einer dem anderen die Schuld zuschiebt. Wenn ich Paul höre, der vorhin sagte, er war “Grenzschüler”: Der hätte schon in der 4. Klasse Hilfe gebraucht, gemeinsame Gespräche, wo alle genau hinschauen.

 

Wenn ein Kind von sich sagt: Ich bin “Grenzschüler” – das ist für mich ein schreckliches Wort. Genauso wie das Wort “alternativlos”. Es ist schlimm, wenn wir in einem System leben, in dem diese Begriffe en vogue sind.

 

Jürgen Wolf: Diese Eltern kommen dann auch zu uns in die Beratungsstelle. Das Leid ist auf allen Seiten und Ebenen zu spüren, ich kann es verstehen, denn: Die Zukunft ist nicht mehr so planbar. Dann erscheint das Gymnasium als vermeintliche Möglichkeit oder als ein Mechanismus, Kontrolle zu erlangen. Nach dem Motto: Ich gehe auf Nummer sicher, und das Gymnasium ist die Nummer sicher. Aber so ist es eben auch nicht, die Zukunft bleibt unbestimmt.

 

Wichtig ist, sich zu fragen: Was bleibt alles auf der Strecke? Die Beziehung, die Lust am Lernen, das Vergnügen an der Schule. Ab der 2. Klasse wird es schon schwierig, und am Ende der 4. Klasse sehen wir eine massive Erschöpfung bei allen Beteiligten. Was für ein Lernen ist das, wenn es nur noch Quälerei und Verzicht bedeutet?

 

Moderator: Das klingt alles ganz schön aussichtslos

 

Simone Fleischmann: Aussichtslosigkeit dürfen wir als Pädagogen nie haben. Das würde bedeuten, dass wir uns handlungsunfähig machen. Das dürfen wir nicht. Wir müssen uns überlegen, in welchem System leben wir und wie machen wir gemeinsam das beste daraus? Mein Anliegen: Es dürfen nicht Eltern gegen Lehrer, Lehrer gegen Elten kämpfen und dabei das Kind in der Mitte zerreißen, sondern wir sitzen gemeinsam in einem Boot!

 

Leider gelingt das oft nicht, Eltern können sich nicht frei machen davon, nach einem Schuldigen zu suchen, und man kann es ihnen eben nicht verübeln, weil auch sie Gefangene des Systems sind. Und viele Kinder können nicht zeigen, was sie eigentlich könnten – wie schade ist das denn?

 

Jürgen Wolf: Es gibt die Gruppendynamik Eltern gegen Lehrer, aber viel schlimmer noch ist: Ab der 3. Klasse bilden sich Gruppen innerhalb der Schüler. Die, die vielleicht nicht aufs Gymnasium gehen werden, sitzen dann still in der Ecke und schweigen. Denn selbst die Kinder glauben schon: Man muss aufs Gymnasium und darf gar nicht sagen, dass man einen anderen Weg geht.

 

 Zuhörerin:

Wie kann ich meinem Kind erklären, dass es nicht unbedingt aufs Gymnasium muss?

 

Jürgen Wolf: Indem Sie sich informieren: Wie ist das System aufgebaut, welche Möglichkeiten gibt es. Und das auch mit dem Kind besprechen, und auch bereden, was bedeutet das, in dem System so drin zu stecken? Das müssen Sie nicht alleine schaffen, dabei können sie sich helfen lassen, eben in Beratungsstellen, so wie man auch zum Arzt gehen kann.

 

Simone Fleischmann: Mir ist wichtig: Es ist nicht nur ein Informationsproblem, ich habe als Schulleiterin sehr viele Informationsabende gehalten zum Übertritt. Wenn du da nicht die Mittelschule als erstes präsentierst, sondern als letztes, ist der Saal leer. Es gibt Informationsdefizite, aber wir haben vor allem ein Problem mit der Wahrnehmung und dem hohen emotionalen Erregungsniveau bei dem Thema.

 

Wir sind in Bayern das einzige Bundesland sind, das die Kinder nach der 4. Klasse nach drei Noten in vier Schularten einsortiert. Es gibt also schon auch systemische Bedingungen, die die Informationspolitik schwer machen, weil es ganz stark um ein gesellschaftliches, wirtschaftliches und eben hochemotionales Thema geht.

 

Moderator: Sie fordern also mehr Ehrlichkeit.

 

Simone Fleischmann: Das ist zentral, finde ich auch. Ich kann dem Kind dreimal in der Woche Mathe-Nachhilfe geben und dann jubeln über die 2 in der Matheprobe. Ich kann aber auch sagen: Oh Mann, wenn wir nicht dreimal Nachhilfe gegeben hätten, was wäre dann rausgekommen?

 

Das Problem ist: Ich höre oft Eltern sagen, wenn das Kind erst auf dem Gymnasium ist, dann gehen wir beide wieder Vollzeit arbeiten. Und dem Kind sagen sie: Ist der Übertritt geschafft, kannst du ein Pferd haben und wieder zum Hockey, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Das ist ein Stück weit genau die Falle!

 

Ich stecke als Eltern ganz viel hinein: Geld für Nachhilfe, kürzer treten mit dem eigenen Job, dann schafft das Kind die Hürde – und dann lasse ich es allein, das ist gefährlich! Und da rate ich: Lass mal alles weg, und check mal realistisch, warum kommen welche Noten in der Matheprobe raus?

 

Moderator: Eine gute Beziehung zwischen mir als Vater und Mutter zu meinem Kind ist wichtiger als jede gute Note.

 

Jürgen Wolf: Genau, Beziehung geht vor Inhalt! Wenn Beziehung wegen des Inhalts leidet, muss man Beziehungsarbeit machen, das ist das, was wir oft in der Beratung erst wieder mühsam aufbauen müssen. Denn: Wir lassen uns von jemand anderem nur etwas sagen, wenn die Beziehungsebene stimmt, andernfalls verpuffen die besten inhaltlichen Argumente.

 

Weitere Rückmeldungen von Hörern:
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