12. Januar 2018

Auch Einspringen will gelernt sein

Zweitqualifizierung: ein Erfahrungsbericht

Ins kalte Wasser geschubst: So fühlt sich manche Junglehrerin, die nach dem Referendariat Gymnasium an der Mittelschule einsteigt und dort erstmal ins Schwimmen kommt.

Für Sabine Fendt* war der Wechsel vom Gymnasium an die Grundschule ein Glücksfall. Doch was im Einzelfall erfreulich laufen kann, braucht Methode. Der BLLV fordert daher systematische Schulung und Unterstützung von Quereinsteigern.

 

Die letzten beiden Jahre hat sie sich mit befristeten Angestelltenverträgen an verschiedenen Schularten herumgeschlagen. Was im neuen Schuljahr gekommen wäre, und ob sie überhaupt einen Aushilfsvertrag erhalten hätte, war wieder einmal offen. Auf Dauer kein Zustand, da musste es doch bessere Alternativen geben!

 

Und tatsächlich fand sich eine überlegenswerte Alternative für die Gymnasiallehrerin Sabine Fendt* Die Zweitqualifizierungsmaßnahme, für die das Unterrichtsministerium bei den arbeitslosen Gymnasial- und Realschullehrerinnen und -lehrern wirbt, wurde dieses Schuljahr sogar noch erweitert.So konnte auch an der Grundschule eine sogenannte Zweitqualifizierungsmaßnahme begonnen werden, die nach einer zweijährigen „Bewährungszeit“ eine Planstelle, also eine Verbeamtung als Grund- beziehungsweise Mittelschullehrer vorsieht.

 

Sprung ins kalte Wasser
Überrascht und überglücklich war Sabine Fendt, als sie im August vom Staatlichen Schulamt den neuen Dienstort im erhofften Regierungsbezirk erfuhr. Zu ihrer Grundschule sind es nur fünfzehn Minuten im Auto, und das freundliche Kollegium empfing sie herzlich. In der Anfangskonferenz wurde ihr allerdings etwas mulmig. Ihr war noch gar nicht klar gewesen, auf was man als Klassenleiterin alles achten sollte, welche organisatorischen Aufgaben und wie viele bürokratische Pflichten eine Klassenleitung in der Grundschule abzuarbeiten hat. Niemand müsse im ersten Jahr eine Klassenleitung übernehmen, hatte man ihr zugesichert. Aber das war wohl ein Irrtum. Beim Blick aufs Türschild der 3c war klar: Hier ist Frau Fendt die Chefin.

 

Realschul- und Gymnasiallehrer eine Stelle als vollwertige Grundschullehrkraft an. Und wie bei Fendt heißt das meist: Klassenleitung, immer mit mindestens 27 Wochenstunden. Plus einer Stunde für Hospitation bei Kollegen. Eine Stunde? Was kann man in einer Stunde Hospitation lernen? Motiviert und fachlich qualifiziert sind die Quereinsteiger allemal. Nur: Der Schriftspracherwerb in einer ersten und zweiten Klasse, zum Beispiel, basiert nicht auf Zufall.

 

Sabine Fendt realisierte schnell: Grundlegender Unterricht ist fachdidaktisch anspruchsvoll, aber das dafür nötige Wissen eignet man sich nicht im Kollegen-Gespräch auf dem Flur an, auch wenn sie von der Hilfsbereitschaft des Grundschulkollegiums überwältigt war. Materialien, Methoden und Rituale, sie bekam so viele Hilfestellungen, dass sie gar nicht alles auffassen und schon gar nicht anwenden konnte. Ein paar Wochen nach Schulanfang sagte sie: „Das Anfangschaos lichtet sich.“

 

Quereinsteiger intensiv fortbilden
Allen Beteiligten ist klar: Was im Einzelfall so erfreulich laufen kann wie bei Sabine Fendt, braucht Methode. Der BLLV fordert daher Maßnahmen, die es den Quereinsteigern ermöglichen, den vielfachen Anforderungen der Grundschule gerecht werden zu können. Sie brauchen strukturierte Hospitation, um grundschulspezifisches Arbeiten sehen, besprechen und analysieren zu können. Sie brauchen intensive Fortbildung, die die Basisqualifikationen für die Grundschule, vor allem den Schriftspracherwerb und den Anfangsunterricht, grundlegen kann. Und sie brauchen Zeit, um die neue Art des Unterrichtens vor- und nachzubereiten, den eigenen Weg zu finden, neue Ideen zu verwirklichen. Die Interessierten sofort als Vollzeitkräfte zu verheizen, ist billig. Und Kinder hineinzuziehen, die am Anfang ihrer Schullaufbahn stehen, erst recht. Sepp Hoffmann

 

* Name geändert

 

Der Artikel entstammt dem BLLV-Magazin "Bayerische Schule", Ausgabe 6/2017.

 

 



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