08. Dezember 2016

„Schule wird sich stark verändern müssen“

Chefin der Roland Berger Stiftung im Interview

Bildungsmanagerin Pötke leitete auch die Stiftung Bildungspakt Bayern (Foto: Eva Orthuber)

Die Chefin der Roland Berger Stiftung Regina Pötke über Lehrer als Seismographen und den Mut, Ideen zu äußern.

 

bayerische schule: Frau Pötke, Sie sind von der Schulleitung ins Ministerium gewechselt und von dort zur Roland Berger Stiftung. Waren Sie unglücklich am Ministerium?

Regina Pötke: Nein, gar nicht. Das war Zufall. Am Ministerium habe ich das Referat für bildungspolitische Grundsatzfragen geleitet und fand meine Arbeit sehr spannend.

 

 

Welche Vorstellung hatten Sie vom Ministerium, bevor Sie dort hin wechselten?

Als Lehrerin war mein Eindruck, im Ministerium denken sich Menschen Dinge aus, die in der Praxis nicht funktionieren. Aber so ist es natürlich nicht. Es gibt einfach Sachzwänge, die man berücksichtigen muss, wie das Bayerische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz oder die Vorgaben durch den Haushalt. Die Dinge dauern, vor allem wenn es um neue Mittel geht, die ja der Landeshaushalt bereitstellt. Auch Kollegen im Ministerium wünschen sich, dass manches schneller ginge. Aber es finden sich auch Wege, Neues früh zu ermöglichen.

 

 

Und wie kamen Sie zu Roland Berger?

Das hing mit meiner Tätigkeit als Geschäftsführerin der Stiftung Bildungspakt zusammen. Der damalige Minister bat mich, mich mit Roland Berger zu treffen, weil er eine neue Stiftung gegründet hatte. Er meinte: Beraten Sie mal Herrn Berger! 

 

 

Einen renommierten Berater beraten – es gibt einfachere Aufträge.

Das war natürlich aufregend! Ich hatte mir Gedanken gemacht und stellte ihm meine Idee vor, Stipendien bereits an Schülerinnen und Schüler zu vergeben, nicht erst an Studenten. Zwei Tage später waren wir uns einig und ich wechselte als Vorstand zur Roland Berger Stiftung.

 

 

Wie unterscheiden sich Veränderungen in Unternehmen von jenen an der Schule?

Veränderungen in Unternehmen sind meist betriebswirtschaftlich angestoßen: Gewinneinbrüche, ein neuer Standort wird eröffnet oder die Firma geht an die Börse. Ein äußerer Umstand stößt die Veränderung an.

 

 

Und in der Bildung?

Im Bildungsbereich erwachsen Veränderungen aus der Einsicht, dass ein Instrument zu einem stumpfen Schwert geworden ist. Veränderungsprozesse in der Bildung sind langsamer. Man braucht mehr Geduld, aber darf zugleich nicht zu geduldig sein – das ist die Gratwanderung.

 

 

Welche Rolle spielen da Lehrerinnen und Lehrer?

Sie sind diejenigen, die als erstes feststellen: Wie ich bisher gearbeitet habe, das klappt nicht mehr so gut. Ein Beispiel: Die Kinder können nicht mehr so gut lesen und sich ausdrücken. Woher kommt das?, fragt sich der Lehrer. Er reagiert zunächst damit, dass er sich noch mehr anstrengt.

 

 

Mit Erfolg?

Die meisten Lehrerinnen und Lehrer haben sehr gute Ideen, wie sie ihre Schüler besser fördern können, aber sie merken auch: Ich betreibe einen erheblich größeren Aufwand, um dasselbe Ergebnis zu erreichen. Im Gespräch mit Kollegen merken sie, den anderen geht es genauso. Alle sind erst mal erleichtert: Es liegt nicht an mir. Gleichzeitig erkennt man an so einer Situation, da stimmt etwas grundsätzlich nicht, wir müssen unsere Methoden hinterfragen. Die ganze Schulentwicklung basiert auf solchen Erkenntnissen. Unzufriedenheit ist der Motor für Veränderungen.

 

 

Für viele Lehrer fühlt es sich im Kleinklein des Alltags vielleicht nicht so an, als könnten sie viel bewegen.

Doch, auf jeden Fall können sie das und sie tun es bereits. Man muss sich nur die vielen Projekte an den Schulen ansehen. Lehrer sind sehr einfallsreich, aber große Veränderungen kosten Geld. Das darf einen nicht entmutigen, im Gegenteil. Ich habe viele Initiativen mitbekommen, für die es dann auch die Mittel gab.

 

 

Aber geduldig muss man sein.

Veränderungen brauchen Zeit, nicht alles geht von heute auf morgen. Das zu akzeptieren, ist nicht leicht – gerade für mich. Ich wollte und will immer zu viel und oft viel zu schnell. Da bin ich froh, wenn meine Begleiter mich etwas zügeln.

 

 

Nervt Sie nicht, wenn andere Sie bremsen?

Das Ausbalancieren ist die Kunst. Sie brauchen nicht nur Euphorie, sondern auch Empathie für alle, die an einer Veränderung beteiligt sind. Wenn Sie mit Ihrer Idee wie mit einer Dampfwalze daher kommen, überfahren Sie die Leute und nehmen sie nicht mit.

 

 

Welches Vorgehen empfehlen Sie?

Veränderungen stoßen schnell an das Selbstverständnis der Menschen. Lehrer, die einen guten Job machen und mit ihrem Beruf sehr verbunden sind, fragen sich dann: Soll alles, was ich bislang gemacht habe, schlecht gewesen sein? Das ist natürlich nicht der Fall. So ist es klüger, behutsam vorzugehen. Aber man darf eine Sache auch nicht totdiskutieren.

 

 

Wenn man sich Lehrer also als Seismografen vorstellt...

Viele spüren, dass es bebt. Schule wird sich erheblich verändern müssen. Unser Bildungssystem funktioniert für das gefrühstückte, wohlerzogene Mittelstandskind. Mit Eltern, die zusammen sind, einer Mutter, die halbtags arbeitet oder ganz zuhause ist.

 

 

So funktionierte Familie von der Wirtschaftswunderzeit bis in die Achtziger.

Alleinerziehende, Patchwork-Familien und Kinder mit Migrationshintergrund haben wir nicht erst seit gestern. Ja klar. Im Moment funktioniert Schule aber nur für einen Teil der Kinder. Auch die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ist uns noch nicht gut genug gelungen. Viele Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder einfach überfordert. Schule geht aber immer noch davon aus, dass sich Eltern um ihre Kinder kümmern.

 

 

Müsste Schule von Eltern ausgehen, die das nicht wollen?

Einige wollen nicht, viele können nicht. Dieses Nichtkümmern hängt nicht immer mit der finanziellen Situation der Familie zusammen.

 

 

Sondern?

Immer wieder erzählen mir Lehrer, dass Eltern beruflich stark eingespannt sind, wenig Zeit haben und ihre Kinder an der Schule regelrecht abladen, sich dann aber in der Sprechstunde wundern oder beschweren, dass es Probleme gibt.

 

 

Sprechen wir jetzt von Frauen mit beruflichen Ambitionen? Solche Ambitionen sind doch legitim, oder nicht?

Natürlich sind sie das. Und sie sind Teil der Veränderungen, warum Schule heute mehr leisten muss. Wir müssen unterrichten und erziehen und zwar viel umfangreicher als früher. Das Ziel darf nicht mehr nur sein, ein Kind zum Schulabschluss zu bringen. Der Beruf des Lehrers wird sich zu dem eines Universalpädagogen entwickeln müssen, weil die Gesellschaft leider, wirklich leider, nichts anderes zulässt.

 

 

Ihr Bedauern klingt doch etwas so, als wäre für alle besser, die Frauen blieben wieder zuhause.

Im Gegenteil, Frauen müssen nicht nur arbeiten, sie wollen arbeiten. Und sie sollen es auch.

 

 

Wie sehen es die Lehrer, dass sich Schule folglich verändern muss?

Ich erlebe viele Lehrer, gerade unter den jungen, die Lust auf die Umtriebigkeit und den Austausch haben, die diese neue Schule uns allen abverlangen wird.

 

 

Wie muss man sich diesen Austausch vorstellen?

Die Akteure müssen auf allen Ebenen besser zusammenarbeiten. Ich kann als Gymnasiallehrer nicht sagen, was in der Grundschule passiert, interessiert mich nicht und umgekehrt. Wir arbeiten am selben Kind. Das gilt auch für außerschulische Erzieher und Betreuer.

 

 

Und wie sollen Lehrer zusammenarbeiten?

Verraten Sie doch mal ein paar Ihrer Ideen. Gern, wenn Sie noch drei Stunden Zeit haben (lacht). Ich fange mal mit den Schulbauten an. Wir brauchen Häuser der Pädagogik. Moderne Schulen haben nicht nur Klassenzimmer, sondern flexible Raumstrukturen, Begegnungsflächen mit kleinen Buchten, in denen man sich besprechen kann, Schüler und Lehrer, jeder mit jedem. Ein „Lehrerzimmer“, das gleicht doch einem Käfig. Wenn Schüler ihre Lehrer dort erst klopfenden Herzens rauslocken müssen – wie soll das den Austausch beflügeln? Räume erziehen mit.

 

 

An den Schulen sind nicht nur die Räume unflexibel.

Ich finde auch die 45-Minuten-Taktung nicht sinnvoll, die presst uns ohne Not in ein Stundenkorsett, das vielen guten Ideen für andere Formen des Unterrichts im Weg steht.

 

 

Wie wären Defizite auf Familienseite zu kompensieren, die Sie vorhin angesprochen haben?

Ich würde nicht von Defizit sprechen, das klingt gleich nach Vernachlässigung. Unsere Gesellschaft verändert sich. Wir haben viele Familien mit Migrationshintergrund, da gibt es schlichtweg Verständigungsprobleme. Daher brauchen wir mehr Lehrer mit Migrationshintergrund.

 

 

Studien belegen, dass die Bildungsaspirationen bei Migranten besonders hoch sind.

Das stimmt. Die Veränderungen beziehen sich aber nicht allein auf Migranten, wir brauchen auch Unterstützung für die „bio-deutschen“ Familien. Nehmen wir als Beispiel die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die nicht Sozialhilfe beziehen will und daher gleich zwei Jobs annimmt. Ihr fehlt schlichtweg die Zeit, sich intensiv um ihre Kinder kümmern zu können. Schulen, Kindergärten, soziale Dienste – alle werden sich umstellen müssen.

 

 

Grundlegende Veränderungen. Wie ist Ihre Prognose?

Der Veränderungsprozess wird dauern. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich Schule ändern wird, weil sie sich ändern muss. Trauen müssen wir uns. Lehrer wachsen von Anfang an mit sehr vielen Regularien auf, die sie dann nicht mehr hinterfragen. Das ist hinderlich. Und viele Lehrer, die Ideen haben, zögern, sich damit einzubringen, weil sie fürchten, das könnte als Profilierungssucht verstanden werden. Lehrer dürfen sich mehr zutrauen. Und einfach die Angst ablegen, vor dem, was passieren könnte. Es soll ja was passieren!

 

 

 

Zur Person

Regina Pötke, 68, studierte Philologie, Germanistik und Archäologie. Sie unterrichtete Deutsch und Latein am Gymnasium. Nach drei Jahren am FWU, dem Medieninstitut der Länder, leitete sie das Gymnasium Oberhaching und wurde von dort ans Bayerische Kultusministerium berufen. Sie leitete die Stiftung Bildungspakt Bayern, einen Zusammenschluss von 140 Unternehmen und dem Freistaat. Seit 2008 ist sie Vorstand der Roland Berger Stiftung. Die Stiftung fördert bundesweit über 700 Schüler bis zum Abitur. Pötke ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt bei München.

 

 

Aus: Bayerische Schule, Ausgabe 6/16, Themenschwerpunkt Wandel

 

 

Geist des Wandels - Die Bayerische Schule 6/2016

 

Darf's mal wieder was Neues sein? Vielen Lehrkräften ist die Lust auf Veränderung vergangen. Zu oft schon sind Schulordnungen, Lehrpläne, Unterrichtsmethoden überfallartig eingeführt worden. Zeit für einen wahren Paradigmenwechsel. Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe der Bayerischen Schule beschäftigt sich diesmal mit dem Thema "Veränderung".

Weitere Themen:

• Forum Bildungspolitik 25 Jahre Bündnisarbeit
• Digitalisierung Warnung vorm Google Classroom
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