Gemeinsames Kernabitur: Vorbereitung auf die Einheitsschule?
Kommentar von BLLV-Präsident Klaus Wenzel

Ob das einheitliche Kernabitur einen Fortschritt darstellt, ist für BLLV-Präsident Klaus Wenzel fraglich.
Ab 2017 sollen in allen Bundesländern in vier Kernfächern einheitliche Prüfungsstandards gelten. Die Kultusministerkonferenz (KMK) spricht von einem „großen Schritt“. Das mag schon sein. Aber geht dieser Schritt in die richtige Richtung?
Einmal abgesehen davon, dass der KMK gute Absichten unterstellt werden dürfen, kann wegen vieler ungeklärter Details noch keine abschließende Bewertung abgegeben werden.
Daher nur einige Fragen:
Besteht nicht die große Gefahr, dass eine Normierung der Prüfungsstandards zu einer Normierung der Prüfungsinhalte führt? Und würde dies nicht automatisch zu einer Normierung der Lerninhalte führen? Und hätte eine Vereinheitlichung der Lerninhalte nicht auch eine Vereinheitlichung des Unterrichts zur Folge? Und würde mit dieser Serie von Vereinheitlichungen nicht eine Einheitsschule übelster Art vorbereitet?
Die Kultusminister beteuern, dass bezüglich der Unterrichtsgestaltung und Methodenwahl weiterhin genügend Freiraum für jedes Bundesland, für jede Schule, für jeden Lehrer bestünde. Und sie bekräftigen, dass sich die Gesamtnoten am Ende der zwölften Klasse nicht nur aus den Ergebnissen der Abi-Prüfungen zusammensetzen. Selbstverständlich würden auch in Zukunft die Leistungen des gesamten Schuljahres in die Zeugnisnoten einfließen. Dann stellt sich allerdings die Frage, ob die Normierung der Abschlussprüfungen wirklich zu der gewünschten Vergleichbarkeit und zu bundesweiter Gerechtigkeit führt?
Am meisten treibt mich allerdings die Frage um, welcher Bildungsbegriff diesem aufwändigen Vereinheitlichungs-Projekt zugrunde liegt? Definiert sich Bildung nur noch über die Noten in vier „Kernfächern“. Warum sind diese vier „Kernfächer“ Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch? Warum nicht Musik, Kunst, Sport und Sozialkunde? Wo bleiben die Tugenden und Werte? Welche Rolle spielt Persönlichkeits- und Herzensbildung?
Ziel schulischer Bildung muss es sein, selbstbewusste, kompetente, ganzheitlich gebildete und starke Persönlichkeiten in die Welt zu entlassen. Dazu brauchen wir anspruchsvolle Lernarrangements, kleine Klassen und Gruppen, viel Förderung und eine wertvolle Lern- und Feedbackkultur. Einheitliche Prüfungsstandards sind dann überflüssig.






