Auf den Umbau folgt die Revolution
Gymnasium Oettingen mit neuartigem Lernkonzept

Innere und äußere Revolution: Im Gymnasium Oettingen wird unter Aufsicht der Lehrkräfte auch auf dem Flur gelernt. In sogenannten Lernlandschaften praktiziert die Schule neue, offene Lernformen. Foto: Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen.
Wie individuelles Lernen am Gymnasium funktionieren kann, zeigt die Albrecht-Ernst-Schule in Oettingen. Lernlandschaften haben dort die Klassenzimmer ersetzt, zwei Zwischenberichte das Zwischenzeugnis, der 45-Minuten Takt ist passé. Und das alles an einer staatlichen Schule. Eine BLLV-Delegation hat das Gymnasium besucht.
Was Präsident Klaus Wenzel, Dr. Fritz Schäffer, Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik, und Roland Kirschner, Leiter der Fachgruppe Gymnasium, dort zu sehen bekamen, ist nichts anderes als ein Bruch mit herkömmlichen Unterrichtsmethoden. Schon seit einigen Jahren praktiziert man im schwäbischen Oettingen offene Lernformen. Die Fünftklässler des dortigen Albrecht-Ernst-Gymnasiums lernen in sogenannten „Lernlandschaften“ – ein Konzept, das mit den gängigen Vorstellungen von Schule aufräumt.
Die Zimmer der fünften Jahrgangsstufe besitzen keine Türen, die ansonsten übliche große Tafel und das Lehrerpult fehlen, kleine Tische, die beliebig aneinander gestellt werden können, ermöglichen eine flexible Anordnung der Schulbänke. Durch die in den Trennwänden integrierten Fenster besteht immer Blickkontakt zu den Schülern und Lehrern im Gang. Denn in Oettingen dient zusätzlich auch der Flut als Lernort.
Starre räumliche Trennung ist aufgehoben
Während des Lernens hocken dort die Kinder auf flexiblen Sitzelementen, die sich zu immer neuen Gruppen formieren lassen. Ihre Lern- und Arbeitsunterlagen lagern nicht nur im Klassenzimmer, sondern vor allem im Flur. Die Lehrer wandern zwischen Zimmern und Flur hin und her und sind jederzeit für alle Schüler ansprechbar. Nischen in den Wänden fungieren als Regale. Darin verstaut finden die Kinder Bücher, Arbeitsblätter und Schautafeln vor: hier für das Fach Mathematik, da für Deutsch, dort für Latein. Die Lehrkräfte verteilen Arbeitsblätter mit konkreten Arbeitsaufträgen. Zum Lösen der Aufgaben greifen die Schüler auf das im Gang ablegte Material zurück.
Mit dem Konzept der „Lernlandschaft“ führte das Gymnasium auch neue Formen des Lernens ein. Die Schüler finden sich in den Intensivierungsstunden nicht zu festen Lerngruppen zusammen. Stattdessen arbeitet jeder für sich in Lernbüros. Zwei Zwischenberichte haben das Zwischenzeugnis abgelöst, das Doppelstundenprinzip den starren 45-Minuten-Takt ersetzt.
An diesem Gymnasium fühlen sich die Kinder wohl. Ihre Augen glänzen, wenn man sie auf die Lernlandschaft anspricht. Keines von ihnen würdet sich die alte Unterrichtsform zurückwünschen.
Die Rückkehr zu alten Zeiten wünscht sich kaum einer
Auch viele Lehrer empfanden früher den Unterricht häufig als sinnentleert. In ihren Augen ging es nur darum, Stoff zum Zweck der Leistungsfeststellung zu vermitteln. Den entscheidenden Anstoß für die Reform gab der Umbau der alten Klassenräume, der für eine völlig neue Architektur genutzt wurde. Die veränderte Raumgestaltung, Einrichtung, Medienausstattung und nicht zuletzt die hervorragende akustische Dämmung unterstützen sich hierbei gegenseitig und schaffen optimale Voraussetzungen für nachhaltiges Lernen.
Auch für die Lehrkräfte haben die „Lernlandschaften“ zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen geführt. Zu unterrichten ist erheblich entspannter geworden, Unterrichtsausfall und Vertretungsstunden werden durch das offene Konzept überflüssig, da bei Bedarf auch drei Lehrkräfte die vier Klassen einer „Lernlandschaft“ betreuen können. Die Zusammenarbeit in festen Teams ermöglicht das gemeinsame Vorbereiten der Materialien und vermindert damit die Arbeitsbelastung.
Diese positiven Entwicklungen beflügeln die Befürworter des Konzepts. Die Schule will es nach und nach auf sämtliche Jahrgangsstufen ausdehnen. In fünf Jahren sollen alle Kinder und Jugendlichen des Gymnasiums Oettingen in Lernlandschaften lernen dürfen, plant die Schulleitung.
Der Weg, den das Albrecht-Ernst-Gymnasium eingeschlagen hat, kann wegweisend für die anderen Gymnasien Bayerns sein. Es hat Ideen entwickelt, die sich mit den in dem Diskussionspapier „Gymnasium neu denken“ und dem Lehrplankonzept „Vom Lehrplan zum Lernplan“ formulierten Vorstellungen des BLLV decken. Beide Seiten wollen ihre Zusammenarbeit in Zukunft ausbauen und ihre Kräfte für das gemeinsame Ziel bündeln. Darin waren sich Schulleiterin Claudia Langer und ihr Stellvertreter Günther Schmalisch mit den Vertretern der BLLV-Delegation einig.
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»Schule der offen Türen (SZ vom 01. März 2012)






