Studie: Bayerns Schüler drehen häufig Ehrenrunden für den Aufstieg
BLLV: Scharfe Auslese mutet Lehrern und Schülern viel zu

Wohin soll die Reise gehen? In Bayern wechseln Schüler besonders häufig die Schulart. Foto: Dieter Schütz / pixelio.de
Bayern ist das einzige Bundesland, in dem bei einem Schulartwechsel mehr Schüler auf- als absteigen. Das geht aus einer neuen Bertelsmann-Studie hervor. Die Kinder und Jugendlichen zahlen dafür aber einen hohen Preis.
Ein Wechsel der Schulart bedeutet in Deutschland für die große Mehrzahl der Schüler abzusteigen. Rund 50 000 Schüler von Klasse fünf bis zehn sind im Schuljahr 2010/11 auf ein niedrigeres Niveau wie Real- oder Hauptschule herabgestuft worden. Nur rund 23 000 schafften es nach oben. Das geht aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Studie zur Durchlässigkeit der 16 Schulsysteme der Bertelsmann Stiftung hervor.
Bayern nimmt hier eine Ausnahmestellung ein. Von den rund 31.300 Schülern, die die Schulform im Schuljahr 20110/11 wechselten, schafften 14.500 den Aufstieg an eine Schule mit höheren Bildungsniveau, rund 13.000 stiegen ab. Aus Sicht des BLLV ist dies jedoch kein Indiz dafür, dass das bayerische Bildungssystem nun durchlässiger wäre als das anderer Bundesländer.
Ganz im Gegenteil: Die Zahl der Absteiger ist absolut gesehen zu hoch. Mehr als ein Viertel der Abschulung entfällt auf Bayern. Doch jede Abschulung ist mit schwerwiegenden Folgen verbunden. „Schulabsteiger bereiten Lehrerinnen und Lehrern der aufnehmenden Schule - in der Regel handelt es sich um Haupt- oder Mittelschulen - oft große Probleme, da die betroffenen Kinder die Abschulung häufig als soziale Stigmatisierung empfinden. Viele von ihnen zeigen gravierende Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen und Disziplinprobleme in der neuen Schulumgebung. Für die neuen Mitschüler und die Lehrer ist dies eine große pädagogische Herausforderung“, sagt BLLV-Präsident Klaus Wenzel.
Lieber Ehrenrunde statt Mittelschule
Zudem wechselte fast jeder zweite Schulaufsteiger in Bayern erst nach der fünften Klasse von der Haupt- oder Realschule auf eine höhere Schulform. Dort musste er jedoch erneut in Klasse fünf starten – eine bayerische Besonderheit. Die Schüler umgehen auf diesem Weg die verbindliche Schullaufbahnempfehlung nach der Grundschule, bezahlen aber dafür mit einer Klassenwiederholung.
„Es ist fraglich, ob diese Praxis sowohl pädagogisch als auch unter dem Aspekt eines effektiven Ressourceneinsatzes sinnvoll ist“, kritisierte Jörg Dräger, Bildungsexperte und Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung bei der Vorstellung der Studie.
Die Expertise zeigt auch, dass die Auslese in der vierten Jahrgangsstufe in Bayern besonders restriktiv erfolgt und Kinder hinsichtlich ihrer Möglichkeiten ausgebremst werden. Das zeigt sich in einer besonders hohen Quote an Schulartwechslern. Während sie im Bundesdurchschnitt 2,2 Prozent betrug, wechselten im Freistaat 4,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Schulart. Vielen Kindern wird aus Sicht des BLLV die Chance, ein höheres Bildungsniveau zu erreichen und auf Realschule- oder Gymnasium zu wechseln, verwehrt.
Eltern schlagen Laufbahnempfehlung in den Wind
Die Schullaufbahnempfehlung trägt ihres dazu bei, dass Kinder ihre Potenziale nicht ausschöpfen können. Die bayerischen Kinder würden nach der Grundschule oft verhältnismäßig niedrig eingestuft, hieß dazu bei der Vorstellung der Studie.
Viele Eltern wollen sich aber offenbar nicht damit abfinden, dass die Schullaufbahn ihres Kindes von Staats wegen vorgezeichnet ist. Sie schicken ihre Sprösslinge trotz anders lautender Empfehlung später doch auf eine höhere Schule. So wechselten 659 Kinder direkt von der Hauptschule auf das Gymnasium. Auch das ist ein Spitzenwert im Bundesvergleich. Mit Material von dpa
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