BILDUNGSPOLITIK

Handwerkskammer beklagt Ausbildungsabbrüche  

Die Arbeitsgruppe „Geflüchtete“ des Bildungsnetzwerks BiNet setzt sich derzeit vor allem mit der Ausbildung der Flüchtlinge auseinander. Zu diesem Thema lud Dr. Wouters die Handwerkskammer, Lehrkräfte des MLLV und BiNet-Mitglieder ein.

Dr. Gerlinde Wouters, Leiterin der Förderstelle für Bürgerschaftliches Engagement, erklärte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des runden Tisches, dass BiNet ein Bildungsnetzwerk mit derzeit 14 Bildungsstiftungen ist. Darüber hinaus gibt es dauerhafte Kooperationspartner, darunter das Referat für Bildung und Sport der Stadt München und den MLLV. Das Netzwerk arbeitet in Arbeitsgruppen und im Plenum für eine bessere und gerechtere Bildung in München. Die Arbeitsgruppe „Geflüchtete“ organisierte mit dem MLLV z. B. die Patenschaften für Übergangsklassen.

Der Fokus der Arbeit mit jungen Geflüchteten liegt derzeit vor allem auf der Ausbildungsvermittlung. Bei den vielen Angeboten ist es wichtig, dass man voneinander weiß. Dazu sollte unter anderem das Treffen auch dienen.

Die Handwerkskammer berichtete über die Arbeit mit Geflüchteten und stellte die Kammer vor. Die Handwerkskammer ist in Bayern für 80.000 Betriebe zuständig. Zwischen der Handwerkskammer und den Geflüchteten wurden 2016 in Oberbayern 389 neue Verträge abgeschlossen. Davon wurden durchschnittlich zwischen 30-40 Prozent wieder gelöst. Die deutsche Handwerkskammer betont die Wichtigkeit der dualen Berufsausbildung, da ein Schulabschluss wertvoll und die Voraussetzung für weitere Berufschancen in Deutschland ist. Dabei ist es vor allem wichtig die deutsche Sprache zu lernen, um den Anforderungen der Betriebe und der Arbeit gerecht werden zu können.

Das Projekt Vali.Kom *(Erläuterung weiter unten) dient der Bewertung und Zertifizierung berufsrelevanter Kompetenzen für Personen ohne formalen Berufsabschluss. Angestrebt wird die sprachsensible Gestaltung von Prüfungsfragen, also eine Vereinfachung der Sprache bei Prüfungsaufgaben zur Verbesserung des inhaltlichen Verständnisses. Die Handwerkskammer betont, dass die Standards dadurch nicht heruntergeschraubt werden.

Die handwerksähnlichen Gewerbe sind in der Anlage „B2“ zur Handwerksordnung aufgeführt und können ebenfalls ohne Qualifikationsnachweis selbstständig betrieben werden.

In der anschließenden Diskussionsrunde kam heraus, dass B2 (wie vorher beschrieben) von der Handwerkskammer und den Betrieben als optimaler Ausgangspunkt für die Aufnahme einer Ausbildung angesehen wird. Sehr wichtig ist zudem eine eindeutige Begleitung während der Ausbildung, da die jungen Geflüchteten oft sprachlich und kulturell eine Unterstützung brauchen. Die Handwerkskammer gibt zu bedenken, dass von allen Seiten zu viele Forderungen an die Betriebe gestellt werden, ohne sie miteinzubeziehen. Die Betriebe haben einen deutlichen Mehraufwand durch jugendliche Geflüchtete im Unternehmen, der kaum honoriert wird.

Auch das Thema Ausbildungsauflösungen wurde angesprochen. Gründe, warum Ausbildungen vorzeitig beendet werden, sind vor allem fehlende Sprachkenntnisse, falsche Berufsvorstellungen und das Wahrnehmen, dass sie in der Ausbildung weniger verdienen.

Marina Ruth, Studentin

Kati Stein, Pressereferentin

 

Vali.Kom Im Rahmen des Projekts wird ein Validierungsverfahren entwickelt, mit dem beruflich relevante Kompetenzen, die nicht in formalen Bildungsprozessen erworben wurden, festgestellt werden können. Dieses wird anschließend durch die beteiligten Kammern erprobt und die Ergebnisse in einem Handlungsleitfaden für Kammern veröffentlicht. An dem vom BMBF geförderten und durch den WHKT geleiteten Projekt nehmen vier Handwerkskammern und vier Industrie- und Handelskammern teil.         


 

 

Kommentar von Waltraud Lucic

Wir stellen immer wieder fest: Integration geht nicht zum Nulltarif. Ohne das ehrenamtliche Engagement der Zivilbevölkerung, der Organisationen, Stiftungen und Pädagoginnen und Pädagogen hätte sich die Aufnahme von Flüchtlingen wesentlich schwieriger gestaltet. Fakt ist, dass ohne ausreichend Deutschkenntnisse die Integration nicht gelingen wird. Wir brauchen ein Bildungswesen, dass die Menschen hoch effizient fördert, damit sie am gesellschaftlichen Leben und am Arbeitsmarkt teilhaben können. 

Bildungsgerechtigkeit darf nicht vom „Glück“ abhängen. Die Schule muss in der Lage sein, jedes Kind nach seinen Möglichkeiten und Potenzialen optimal zu fördern. Dazu benötigen wir ausreichend Lehrerstunden und verlässliche Versorgung mit Mobile Reserven. Die Migrations- und Integrationsklausel können der bedarfsorientierten Budgetierung gerecht werden, aber nur wenn die Stunden dann nicht für Krankheitsvertretungen und Arbeitsgruppen verwendet werden müssen. Nach dem Motto „die sind so gut versorgt, die können die Vertretung aus ihrem Budget schneiden“.

Wenn die Lehrerversorgung auf Kante genäht ist und z. B. Übergangsklassenkinder mit Regelklassenkinder der gleich klingenden Jahrgangsstufe in den profilbildendenden Fächern der Mittelschule zusammen unterrichtet werden sollen oder die Deutschförderstunden und die Differenzierung in den Ganztagsklassen wegen der Grundversorgung im Krankheitsfall wegfallen müssen, dann kann die notwendige, besonders intensive Förderung nicht stattfinden.

Grund-, Mittel-, Förder- und Berufsschullehrer leisten den-Löwenanteil an der Integrationsarbeit. Nun erhalten sie Unterstützung von Realschul- und Gymnasiallehrern, die sich für die Grund- und Mittelschulen nachqualifizieren. Wie lösen wir den Mangel an Erzieherinnen und Erzieher, an Fachlehrerinnen und Fachlehrern? Jede Notlösung wird den Kindern und den Lehr- und Erziehungskräften nicht gerecht. Jeder Qualitätsverlust beim Einsatz von nicht qualifizierten Ersatzkräften und Kürzungen bei der Ausbildung, z. B. bei den Erzieherinnen, wird uns später auf die Füße fallen. 

Müssen wir dann die Sprache so vereinfachen, dass wir mit der Zeichensprache Arbeitsanweisungen geben?  

Suche