Der Frühstücks-Effekt

Frühstück an der Schule macht satt und gute Laune. Das Münchner denkbar-Team besucht mit Kolleginnen aus Österreich die Grund- und Mittelschule an der Walliserstraße, München.

 

 

Gemeinsam vor dem Unterricht frühstücken: An rund einem Viertel der bayerischen Schulen ist das schon möglich. Dank des Projekts „denkbar“, das der BLLV seit 2009 organisiert. Kürzlich kam eine Delegation aus Kufstein nach München. Die Österreicherinnen wollen das "denkbar"-Frühstück auch in ihrer Stadt einführen.

 

Ratschen und Lachen, von einem Problem erzählen oder erst mal richtig wachwerden; dazu eine Butterbreze und eine Tasse Tee. Jeden Morgen ab sieben Uhr können die Schülerinnen und Schüler der Grund- und Mittelschule an der Walliserstraße in München gemeinsam frühstücken. An einem Julimorgen hat sich auch eine Gruppe von Frauen um einen der Rundtische versammelt. Es sitzen dort die Rektorin der Schule, die Sozialarbeiterin des Schuldienstes, zwei Kolleginnen des BLLV und drei Frauen aus Kufstein.

 

Einige Kinder blicken scheu durch die Klassenzimmertür, die Gäste verunsichern sie. „Kommt rein, das ist euer Frühstück“, sagt Sozialarbeiterin Sarah Konik. „Wir haben heute Besuch, aber sonst ist alles ganz normal.“

 

Konik setzt sich zurück zu den Gästen. Die Kufsteiner Vizebürgermeisterin Brigitta Klein, Landtagsabgeordnete Andrea Krumschnabel und Bianca Mayer, Leiterin des Projekts „Kind sein in Kufstein“, wollen das Schulfrühstück auch bei sich zuhause möglich machen. Aber wie? Waltraud Lucic, Vorsitzende des MLLV, erzählt von den Anfängen des denkbar-Projekts in Bayern.

 

 

Finanzierung finden, Kritiker überzeugen

 

Finanziert wird "denkbar" zu großen Teilen von der Hilfsorganisation Sternstunden, die es mit rund fünfhunderttausend Euro im Jahr fördert. Aber die Finanzierung ist nur eine der Herausforderungen. Zuvorderst gilt es, Kritiker zu überzeugen.

 

„Was sollen wir denn noch alles leisten?“, hörte BLLV-Frau Lucic damals häufig. Die einen fanden, es dürfe nicht Aufgabe des Staates sein, elterliche Pflichten zu übernehmen. Andere meinten, Lehrer und Schulleitung übernähmen mehr als genug organisatorische Aufgaben – nun auch noch Frühstück? Aber Lucic und KollegInnen ließen nicht locker.

 

Das Frühstück lindert eine reale Not: In vielen Familien reiche das Geld nicht für gesundes Essen, sagt Lucic. Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut bedroht, bestätigt Sieglinde Stanzl vom BLLV. Wenn man da die Verantwortung ständig von einem Akteur zum nächsten und zurück schiebe, sei den Kindern nicht geholfen.

 

„Für mich ist das Frühstück eine wichtige Möglichkeit zur Beziehungsarbeit“, sagt Konik, die für den Kreisjugendring auch außerhalb der Schule Jugendliche betreut. „Wir müssen mehr sein als nur Feuerwehr.“ Bei Problemen wende sich ein Kind nur dann an jemanden wie sie, wenn bereits eine Beziehung und Vertrauen bestehen. Deshalb helfe ein Käsebrot am Morgen eben nicht nur gegen den Hunger im Moment, sondern weit darüber hinaus.

 

 

"Bedürftigkeit nach Einkommenssteuerbescheid der Eltern ist Quatsch"

 

„Woher wissen Sie, welche Kinder das Frühstück wirklich brauchen?“, erkundigen sich die Gäste aus Kufstein. Das werde nicht streng überprüft, erklären die Münchnerinnen. Ein wichtiger Effekt des Frühstücks sei ja gerade, dass Schüler in neuen Gruppen zusammenkommen, klassen- und jahrgangsübergreifend. Eine Bedürftigkeit nach Einkommenssteuerbescheid der Eltern sei Quatsch, sagt Konik. „Es gibt einen Grund, warum ein Kind so früh in die Schule kommt.“ Um es am Frühstückstisch willkommen zu heißen, sei unwichtig, welcher es sei.

 

Im Anschluss geht es noch um die vielen organisatorischen Details: Um Hygiene-Vorschriften und dass das denkbar-Projekt sich an die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hält. Darum, wie man einen schulexternen Frühstückslotsen findet und finanziert – denn gerade dass die Frühstückslotsen für ihre Arbeit bezahlt werden, ist besonders wichtig, betont Waltraud Lucic vom MLLV. Bei Sternstunden konnte sie durchsetzen, dass die Lotsen mit der Ehrenamtspauschale bezahlt werden. Konik erklärt, wie man Kooperationen mit Bäckereien und Bioläden anstößt. Wie man das Frühstück bei Kindern und Eltern bekannt macht, Kinder gewinnt, ohne zu diskriminieren, und warum „Gesundes Frühstück“ kein hilfreicher Titel ist..

 

Dann ist es auch schon kurz vor acht Uhr, die umsitzenden Kinder brechen entspannt in den Unterricht auf und grüßen zum Abschied.

 

„Sagen Sie, haben Sie die irgendwie gebrieft für heute, die sind so freundlich und ruhig“, will eine der Kufsteinerinnen wissen. Die Münchner Gastgeberinnen lächeln. Sie wissen um den Frühstücks-Effekt, den die Delegation aus Kufstein an diesem Morgen nicht nur an den Kindern beobachten konnte. Er hat sich auch im Gespräch der Frauen miteinander eingestellt. die an diesem Morgen nicht nur Kaffee und Brezen teilen, sondern auch Tipps und Zuversicht.

 

 

"denkbar" in Bayern soll weitergehen, aber braucht einen neuen Finanzierungspartner

 

Lucic hofft, dass die denkbar zukünftig auch an den Mittelschulen Bayerns angeboten werden kann. Der BLLV benötigt einen weiteren Finanzierungspartner für das Projekt, nachdem Sternstunden seine Spenden um 300.000 Euro reduziert hat und nächstes Jahr nach acht Jahren ganz einstellen wird.

 

"denkbar" muss und wird weitergehen, ist Lucic sicher, denn dieses Frühstück ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Das sehen auch die Kufsteinerinnen so. Bald schon wollen sich die Teams ein zweites Mal treffen. Statt Brezn in München gibt es dann Kipferln in Kufstein. 

 

 

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