NACHRUF

Wilhelm Ebert verlieh München bildungspolitische Strahlkraft        

BLLV- Ehrenpräsident Dr. h.c. Wilhelm Ebert im Alter von 94 Jahren verstorben    

„Machen wir als Junglehrer von den Gestaltungsmöglichkeiten der Demokratie kräftig Gebrauch! Bauen wir ein stabiles Selbstbewusstsein und den Willen zum aktiven Mitgestalten auf, den keine staatliche oder außerstaatliche Institution ignorieren kann!“ Diesen Appell richtete Wilhelm Ebert 1949  als Vorsitzender der Junglehrer an die Delegiertenversammlung.

Nach seiner Wahl zum Präsidenten der Weltlehrerorganisation 1975 bestärkte er 800 Repräsentanten aus allen Kontinenten in ihrer pädagogischen und gesellschaftlichen Macht. „Ich rufe die Lehrer der Welt auf, eng zusammenzuarbeiten und weltweit ihren Beitrag für ein menschenwürdiges Dasein zu leisten!“.

In diesen beiden Botschaften spiegelt sich exemplarisch die Vision Wilhelm Eberts: Er machte bewusst, dass der Auftrag des Lehrerberufs von fundamentaler Bedeutung ist für die Entwicklung jeden Einzelnen wie für die Entwicklung einer humanen Gesellschaft. Er drängte darauf, dass unsere Berufsorganisation sich politisch konsequent einmischen muss, um das Bildungswesen und den Status der pädagogischen Profession wirksam zu verbessern.      

Kämpfer für eine demokratische Erziehungsschule  

Leidenschaftlich kämpfte er ein halbes Jahrhundert für diese Idee. So u.a. vier Jahre als Vorsitzender unserer Junglehrerorganisation, drei Jahre als Leiter der Abteilung Schul-und Bildungspolitik im BLLV, 23 Jahre als Präsident des BLLV, sieben Jahre als Vizepräsident des Deutschen Lehrerverbandes, drei Jahre als oberster Repräsentant des Weltlehrerverbandes, 14 Jahre als Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung.

In allen seinen Ämtern agierte er als streitbarer Anwalt für das Recht auf Bildung für alle, für wirksame Investitionen in das Bildungswesen und für die bestmögliche Qualitfikation  des pädagogische Berufs. Die Lehrerbildungsgesetze der 50er, 60er und 70er Jahre waren Marksteine und zählen zu den bedeutendsten bildungs- und berufspolitischen Errungenschaft des BLLV.

Wilhelm Ebert hatte seine verbandspolitischen Wurzeln in München. Das Haus am Bavariaring wurde unter ihm Schalt- und Machtzentrale des BLLV. Durch ihn wurde es aber auch zum Synonym für den Kampf um eine demokratische Erziehungsschule und um die Anerkennung des Lehrerberufs. In den erbitterten Auseinandersetzungen  zur Abschaffung der Bekenntnisschulen war das BLLV- Headquarter das Auge des Sturms! Von hier aus setzte er konservativ- klerikale Kräfte unter öffentlichen Druck und löste hitzige Pressekampagnen aus. Von hier aus suchte er mit aufgeschlossenen Kirchenvertretern Kompromisse, die letztlich zur christlichen Gemeinschaftsschule führten. Wilhelm Ebert war ein Meister der aufrüttelnd-provozierenden Rede, aber ebenso ein Meister der diskreten Diplomatie.      

 

München als Keimzelle bildungspolitischer  Weichenstellungen  

Von München aus beeinflusste er durch sein weitverzweigtes Netzwerk über die Grenzen Bayerns hinaus die Entwicklungen der Bildungs- und Berufspolitik in Deutschland, Europa und in der ganzen Welt. Seine überzeugenden Botschaften, seine streitbare Diplomatie, seine Wirkung in den Medien und sein Charisma verliehen dem BLLV und der Landeshauptstadt besondere bildungspolitische Strahlkraft.  

Eine Keimzelle dazu legte Wilhelm Ebert 1955 mit seinem „Montagskreis“ im Haus des BLLV. Hier besprach er mit dem SPD- Fraktionschef Waldemar von Knoeringen Strategien zur Bildung der Viererkoalition. Hier trafen sich Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, Kultusminister August Rucker, die FDP- Abgeordnete Hildegard Brücher und Hans Jochen Vogel. Hier entwickelten sie Konzepte zur Lehrerbildung, zur Bildungsplanung, zur Einrichtung eines Wissenschaftsrates in Deutschland und zur Demokratieentwicklung. Im Montagskreis entstand auch die Idee zur Gründung der „Akademie für politische Bildung“ in Tutzing. Sie sollte ein „Kraftzentrum für die gesamte politische Bildungsarbeit“ sein. Den Entwurf des Gesetzes zur Einrichtung der Akademie verfasste Dr. Hans-Jochen Vogel, damals Jurist in der Staatskanzlei. Von der Gründung der Akademie bis zu seinem Tod war Wilhelm Ebert hochgeschätztes Mitglied des Kuratoriums.      

 

Wilhelm Ebert verstand sein politisches Wirken als Beruf  

Wilhelm Ebert hatte Zugang und Kontakt zu den Großen in Politik, Gesellschaft, Wissenschaften und Kirchen. Er pflegte das Gespräch mit Ministerpräsidenten, Kanzlern, Bundespräsidenten, mit Nobelpreisträgern und mit vielen Staatsoberhäuptern. Er bestach durch seine kritische Beobachtung,  durch seine scharfen, oft unbequemen Analysen, durch seinen Blick für den richtigen Moment. Er war frei im Denken und zupackend im Handeln. Seine außergewöhnliche internationale Erfahrung verlieh ihm Respekt und Einfluss. Er war streitmächtig im Prinzipiellen und pragmatisch im Strategischen. Er trennte das Wünschenswerte vom Erreichbaren. Er beherrschte im parteipolitischen und gesellschaftlichen Machtgefüge die Balance zwischen Nähe und Distanz. Damit definierte er das Leitprinzip der Unabhängigkeit, das dem BLLV bis  heute Glaubwürdigkeit und Ansehen sichert.  

Wilhelm Ebert war ein halbes Jahrhundert Ideengeber, Überzeugungsmensch und Motor für bildungs- und berufspolitische Entwicklungen von historischer Tragweite. Er war eine inspirierende, führungsstarke Persönlichkeit. Für ihn war Politik Beruf. In seinen Erinnerungen schrieb er, dass er „mit persönlicher Wehmut die Führung des Verbandes“ abgab. Aber er blieb immer agierender homo politicus - auch nach dem Ende seiner Amtszeit. In der Geschichte des BLLV hat er einen herausragenden Platz. Seine Ideen weiter zu tragen und wachsen zu lassen ist uns ebenso Verpflichtung wie seiner dankbar zu gedenken.  

Albin Dannhäuser BLLV- Ehrenpräsident  

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