REZENSION   

„Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen“  

Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels, setzt sich in „Gegen den Hass" (ISBN 978-3-10-397231-3) mit der Gewalt, dem Hass und der Sprachlosigkeit der Menschen auseinander. Sie mahnt an, den Hass nicht erst zu betrachten, wenn er sich blindwütig entlädt. Für Ausgrenzungen, Verurteilungen, Abwertungen und demütigende Gesten sind alle in der Gesellschaft zuständig. Gewalt ist nicht einfach da, sie wird vorbereitet. Es sei Aufgabe der Zivilgesellschaft den Bedrohten beizustehen die anders aussehen, anders denken, anders lieben oder anders glauben. Sie fordert die Gesellschaft zum Handeln auf, zur Verständigung und zum Austausch: "Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut."

In „Gegen den Hass“ beschreibt Carolin Emcke wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können. Sie geht sehr systematisch und logisch vor.

Im ersten Teil versucht die Schriftstellerin die Mechanismen der strukturellen Gewalt aufzuzeigen.

Sie beginnt ihre Darlegungen mit drei für mich wundervollen Überlegungen. Die erste ist eine kleine Abhandlung über die Liebe. Die Liebe, die wir so objektbezogen glauben, ist nicht beim Objekt zu suchen. Wie schnell verfliegt sie wieder? Wie schnell verfliegt wieder dieser erste Rausch, und dann kommt die „Wahrheit“ ans Tageslicht. Wie im Sommernachtstraum von Shakespeare, vergleicht Emcke. Der Liebesrausch, wie er auch genannt wird, wird bei Shakespeare durch einen „Liebestrank“ ausgelöst…..Das Zielobjekt der Liebe konnte man ja nicht kennen, da man ihm eben erst begegnet ist und doch setzt es diese ungeheuerlichen Gefühlswelten frei. Liebe ist eine Form der Anerkennung, die nicht unbedingt das Erkennen voraussetzt. Bei der Liebe und auch anderen Emotionen geht es um die aktive Weise zu sehen.

Die zweite Überlegung von Carolin Emcke beschäftigt sich mit der Hoffnung. Mit der Sorte Hoffnung, die wie bei der Liebe, uns die Augen verschließt und den Blick auf die Realität, die Vernunft. Wir haben uns in den Kopf gesetzt, dass etwas „geschehen“ muss und lassen alle Einwände abprallen, weil wir ja nicht wollen, dass unsere Hoffnung stirbt. Wir wollen (blind) das erreichen und erleben, was wir uns in den Kopf gesetzt haben. Beim Liebesrausch akzeptieren wir auch keine Einwände von außen, wenn sie auch noch so logisch und richtig sind. Das Zielobjekt der Hoffnung entbehrt dann schlussendlich aller Logik und ist quasi nur mehr gefühlsbestimmt. Ich will das!

Als Drittes beschäftigt sich Carolin Emcke mit der Sorge. Eigentlich ein sehr hehrer und ordentlicher Ausdruck menschlicher Eigenschaft. Natürlich gibt es Sorge um einen Menschen, der verschollen ist, der krank ist usw. Aber hier soll die Rede von der Art Sorge sein, die uns auch blind macht (wie die Liebe, wie die Hoffnung). „Ich mache mir Sorgen“. Das klingt gut und ehrenhaft. Keiner kann da eigentlich etwas dagegen sagen. Aber verstecken wir nicht oft hinter diesem Ausdruck unser Unvermögen? Denn das Sich-Sorgen-Machen löst kein Problem, hilft keinem weiter. Aber es beruhigt. Ich habe doch schließlich gesagt, dass ich mir Sorgen machen, also glaubt mir doch… Und dann gefällt man sich irgendwann fast zynisch in diesem Weihrauchgefühl der Sorge. Das Zielobjekt der Sorge ist dann nur mehr Alibi. Ich bin besorgt. Das reicht. Lasst mich in Ruhe.

Wenn man diese drei Überlegungen sich zu Gemüte führt, dann kann man schon fast den logischen Schluss dieses Buches vorausahnen.

Die Schriftstellerin ist der Überzeugung, dass Hass nicht besteht sondern entsteht, dass Hass im Grunde oft gar nichts mit dem Zielobjekt zu tun hat. Emcke beschreibt die Situation des Busses mit den Flüchtlingen in Clausnitz, der von einer Masse schreiender, hassender Menschen angehalten, gestoppt wird. Was treibt diese Menschen an, so zu hassen? Wie können sie so sicher sein, dass sie diese Menschen im Bus hassen „müssen“, diese Menschen, die sie gar nicht kennen, noch nie gesehen haben? Unter der aggressiven Menge sind Menschen, die erst kürzlich ihre Arbeit verloren haben, da die Firma bei der sie beschäftigt waren, sich in den Ostblock abgesetzt hat, weil da billigeres Arbeiter“material“ zur Verfügung steht. Und nun ziehen diese Flüchtlinge in diese ehemaligen Fabrikgebäude, die zu Flüchtlingsheimen umfunktioniert wurden. Zielobjekt des Hasses ist also eigentlich gar nicht der Mensch im Bus.

Wie aber ist der Hass entstanden? Er kommt nicht aus dem Nichts! Nicht in Clausnitz, nicht in Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Manchester und nicht in Barcelona. Emcke bleibt bei dem Bild Shakespeare: Den Trank, der den Affekt erzeugt, muss jemand brauen. Der Hass ist nicht allein in Clausnitz gebraut worden, sondern im Internet, in Publikationen, in Talkshows, in Musiktexten, in denen Geflüchtete nie als gleichwertige Menschen mit eigener Würde sichtbar werden. Die bewusste Engführung der Wirklichkeit fällt auf. Migrantinnen und Migranten werden selten als Individuum gesehen, sie sind alle gleich. Es gibt keine Erzählungen von ihren Fertigkeiten, ihren sozialen Fähigkeiten oder Einzelerlebnissen. So denken viele Migranten gleich und agieren mit fertigen Zuschreibungen und Urteilen. Die Friedenspreisträgerin spricht von einer verstümmelten Vorstellungskraft. Damit ist kein Einfühlungsvermögen möglich und man kann den anderen leichter verletzen. Emcke belegt die Engführung der Wirklichkeiten mit Beispielen und fordert zum Perspektivwechsel auf. Wie würden wir die Wahrnehmung verändern, wenn über den Verbrechen der Christen immer das „Christentum“ stehen würde? Haben wir dies jemals gelesen?

Was uns bekannt sein dürfte, sind die Muster der Wahrnehmung. Sie haben historische Vorlagen, „der Hass auf Fremde, das Aussondern alles Abweichenden, das Gebrüll auf den Straßen, die diffamierenden und terrorisierenden Graffiti, die Erfindung des Eigenen als Nation, als Volk – und die Konstruktion der Anderen, die angeblich nicht dazu passen, der Entarteten, der Asozialen.“ Noch immer gibt es gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Anhand des youtube Videos des Afroamerikaners Eric Garner zeigt sie ein Beispiel institutionellen Rassismus auf. „Das muss heute aufhören,“ der öffentliche Diskurs bei dem die Diskriminierung mit „Angst“ und „Sorge“ verdeckt wird, dass Menschen übersehen und nicht gehört werden, dass Menschen die Würde aberkannt wird, dass öffentlich gemobbt, beleidigt und diskriminiert werden kann ohne dass sich eine Stimme dagegen erhebt, dass Menschenrechte mit den Füssen getreten werden. „Das muss heute aufhören!“  

Im zweiten Teil des Buches versucht Carolin Emcke aufzuzeigen, wie aus Verschiedenheiten soziale oder rechtliche Ungleichheiten abgeleitet werden.

Die eine Gruppe hat die Vorstellung von einer homogenen Gesellschaft, die andere von der natürlichen und die dritte von der reinen Gesellschaft. Sie betrachtet die Methoden, Geschichten und Praktiken mit denen Menschen sortiert und bewertet werden.  

Im dritten Teil spricht sich die Friendenspreisträgerin für die Vielfalt aus.

„Lob des Unreinen“ darunter versteht sie das Zuhören, das Anerkennen, das Wertschätzen, den Perspektivenwechsel.

Der Widerstand gegen Hass sollte sich immer gegen Strukturen und nicht gegen die Menschen richten. Ihre Sprache und ihre Haltung gilt es zu kritisieren und zu verhindern. Es braucht Widerstand gegen Techniken des Ausgrenzens und Raster des Wahrnehmens, sowie Einspruch gegen Demütigung. Wenn durch andere Erzählungen Gemeinsamkeiten der unterschiedlichsten Menschen entdeckt werden, dann kann auch Empathie entstehen. Ihr Hauptaugenmerk legt sie auf das Entdecken von Gemeinsamkeiten in einer heterogenen Welt. Andersartigkeit darf Menschen nicht spalten, denn dann finden Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Platz.

Die Erinnerungskultur muss lebendig bleiben, d. h. erinnern in die Vergangenheit und in die Zukunft mit der Hoffnung eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Erinnern heißt zuhören, heißt reflektieren, heißt über das Leid nachdenken, heißt die Jetztzeit überprüfen, heißt in die Zukunft vordenken.

Von den staatlichen Institutionen und Behörden erwartet Emcke noch weiteres Bemühen um Diversität. Die Vielfalt der Behördenmitarbeiter*innen ist ein Teil der Gleichbehandlung und Anerkennung.

Zum Schluss erläutert Emcke das Wahrsprechen, das immer mit Sprechen ohne Recht oder Status verbunden ist. Das Wahrheitsagen ist also immer mit einem Risiko verbunden. Es braucht Mut für jemanden zu sprechen, dem das Recht oder der Status dazuzugehören aberkannt worden ist. Wahrsprechen bis die Wahrheit in allen Köpfen wahr geworden ist.

„Eine demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.“ Carolin Emcke

Waltraud Lučić  

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