Individuelle Lernzeit am Gymnasium

Pressemitteilungen des BLLV zum Thema

Kommentar: Placebo ohne Vertrauen

Es ist offensichtlich: Das G8 hat ein Akzeptanzproblem. Seit seiner missglückten Einführung regt sich Protest gegen die verkürzte Form. Das Kultusministerium versucht seit Jahren, diesem Widerstand den Boden zu entziehen. Doch keine der Maßnahmen, keine der PR-Offensiven zeitigte Erfolg. Der Protest will nicht verstummen. Mittlerweile haben auch die Oppositionsparteien das Potential des Themas erfasst und erwägen sogar ein Volksbegehren gegen die Schulzeitverkürzung. Der letzte Versuch, Lehrer, Eltern und Schüler zu beruhigen, startete im vergangenen Sommer mit dem „Runden Tisch“, der auf Einladung des Ministerpräsidenten höchst persönlich tagte. Leider hat das Kultusministerium dazu vor allem die Verbände eingeladen, die eine echte Reform des Gymnasiums verhindern wollen. So kreißte der Berg und gebar eine Maus. Die dort beschlossenen Maßnahmen sind allesamt reine Kosmetik. Es genügt nicht, ständig neue Begriffe wie „Monitoring“ oder Mentorensystem“ zu verwenden, wenn daher keine konkrete Politik steht. Solange Begriffe wie „Förderdiagnostik“, „Diagnosekompetenz“ oder „Frühwarnsystem“ nur als inhaltsleere Worthülsen ohne klares Konzept und ohne Ressourcen zur Realisierung eingesetzt werden, wird nur noch mehr Verwirrung gestiftet.

 

Daran, dass das „Flexibilisierungsjahr“ die nicht zu bestreitenden Probleme des G8 lösen kann, glaubt wohl niemand ernsthaft. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass sich die Zahl der Schüler, die sich für eine der Varianten entscheidet, in einem Prozentbereich befinden wird, mit dem eine Partei nur unter „Sonstige“ subsummiert würde. Offensichtlich sieht das KM das genauso, denn für mehr als eine Handvoll Schüler je Gymnasium reichen die dafür vorgesehenen Lehrerstunden sicher nicht. Nach einer Meldung des Münchner Merkurs haben sich bisher in ganz Bayern gerade einmal 15 Schüler für dieses Modell interessiert!

 

So wundert es auch nicht, dass das Flexibilisierungsjahr bei der Lehrerschaft durchfällt. Wie aus einer Blitzbefragung des BLLV hervorgeht, hält nur ein verschwindend geringer Teil der Gymnasiallehrer das Flexibilisierungsjahr für geeignet, den Zeitdruck am G8 zu verringern und mehr Möglichkeiten für neue Lernmethoden zu schaffen. Die Umfrage war mit etwa 250 Befragten zwar nur annähernd repräsentativ, der Trend ist allerdings beeindruckend deutlich - zumindest,was Fragen zur Individualisierung, zum Stoffdruck und zum Flexibilisierungsjahr anbelangt. So lehnen 85 Prozent der befragten Gymnasiallehrer das Flexibilisierungsjahr ab, nur zwei Prozent versprechen sich davon eine Verbesserung.

 

Aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer laufen die bislang vorgestellten Maßnahmen zum Stressabbau am G8 ins Leere. So schätzen nur 16 Prozent die Möglichkeiten zur individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler für ausreichend ein – erdrückende 84 Prozent dagegen nicht. Nur sechs Prozent sind der Meinung, dass der Stoffdruck am achtjährigen Gymnasium durch bisher vorgenommene Kürzungen in den Lehrplänen spürbar verringert wurde. (Die Umfrageergebnisse können Sie hier einsehen.)

 

Uneinigkeit dagegen herrscht bei der Frage nach G8 oder G9: 51 Prozent würden eine Wiedereinführung des G 9 befürworten. Doch auch eine Renaissance des G9 verspricht keine sinnvolle Lösung. Sie reduziert das Problem auf die Frage der Schuldauer und verkennt, dass das G8 vor allem ein qualitatives Problem hat. Denn: Die Probleme des G8 sind nicht neu, sondern schlicht die alten des G9 in verdichteter Form. Die Einführung des G8 wäre die Chance gewesen, ein zeitgemäßes Konzept, das auf modernen lern- und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen beruht, umzusetzen. Da diese Chance vertan wurde, leitet das G8 unter dem Spagat zwischen dem Festhalten an überkommenen und veralteten Strukturen und Traditionen einerseits und einer halbherzigen und meist nur oberflächlich postulierten Öffnung für das unvermeidlich Neue andererseits. Dadurch entsteht ein Widerspruch, den Lehrer und Schüler aushalten müssen. So soll beispielsweise fächerübergreifendes Lernen praktiziert werden, obwohl die Klassen bis zu 16 verschiedene Fächer haben.

 

Hinzu kommt ein ausgewachsenes Ressourcenproblem. Die Klassen und Lerngruppen sind häufig zu groß, Unterrichtsausfall ist an der Tagesordnung. Anrechnungsstunden wurden massiv beschnitten. Auch die propagierten Fördermaßnahmen leiden unter einer eklatanten Unterfinanzierung.

 

Allein für das Flexijahr braucht eine Schule erheblich mehr als die zugesagten Stunden, wenn sie eine seriöse Hilfe und nicht nur eine Mogelpackung anbieten will. Egal, für welches der beiden Modelle sich eine Schule entscheidet: Sie braucht immer je Jahrgangsstufe mindestens sechs Wochenstunden, um die Individualisierungsstunden anbieten zu können. Will man etwa in den Hauptfächern Englisch, Mathematik, Latein, Chemie, Deutsch und Französisch solide Hilfen anbieten, bräuchte man bereits sechs mal drei Stunden je Jahrgangsstufe. Doch erhalten die einzelnen Schulen nicht die daraus erforderlichen 54 Lehrerwochenstunden (in 8 bis 10 je 18 Stunden). Symptomatisch für die Taktik, schöne Worte zu verkaufen, die nichts kosten dürfen, ist die Tatsache, dass die auf der website des KM angepriesenen Maßnahmen der Modellschulen zum Teil dort von Elterninitiativen und den Sachaufwandsträgern organisiert und finanziert werden. Das KM hat damit nur eins zu tun: Es schlachtet diese sinnvollen Initiativen für sich aus!

 

Bisher setzte jede Nachbesserung des KM auf den Placebo-Effekt. Der Öffentlichkeit – und vor allem den Wählern – wird vorgegaukelt, dass man etwas tue, um die Probleme des G8 zu lösen. Doch es bleibt bei Worthülsen und Hilfen in homöopathischen Dosen, ohne dass die nötigen Mittel oder sonst echte Hilfen für die Umsetzung bereitgestellt werden. Kein Wunder, dass das Vertrauen dahin ist. Dem bayerischen Gymnasium kann nur geholfen werden, wenn es sich für tiefgreifende Reformen öffnen darf. Dazu gehören eine Neudefinition des überholten Lern-  und Leistungsverständnisses und  ausreichend mit Ressourcen, insbesondere mit ausreichend Lehrerstunden ausgestattete Maßnahmen für mehr individuelle Förderung aller Schüler. Beides lässt sich weder in dem Sammelsurium der kürzlich vorgestellten Ideen des Kultusministeriums noch in einer Rückkehr zum alten G9 erkennen.

 

Fritz Schäffer

 

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