Die Experten v.l.n.r.: Christiane Eich, Andrea Silz, Dr. Johannes Streif, Petra Rexroth, Marianne Marbach.

Viele Fragen, viele Antworten

Was Experten Lehrkräften und Eltern zu ADHS raten

Wie können Lehrer lernen, mit ADHS-Kindern umzugehen? Kann ein ADHS-Kind eine Regelschule besuchen? Fünf Experten standen im Rahmen der Telefonaktion "ADHS und Schule" parat, um diese und viele andere Fragen der anrufenden Lehrer und Eltern zu ADHS zu beantworten. Das waren die am häufigsten gestellten Fragen:

 

Frage 1: Können Kinder mit ADHS eine Regelschule besuchen oder sollte ich mein Kind besser gleich auf eine Förderschule schicken?

Expertenantwort: Eine ADHS hat nichts mit der Intelligenzleistung zutun. Sie kommt bei Hochbegabten ebenso vor wie bei geistig behinderten Menschen, bei Gymnasiasten wie bei Förderschülern. Über die für ein Kind empfehlenswerte Schulart entscheidet die Einschätzung der Intelligenzleistung. Ob das Kind dort zurechtkommt, liegt daran, wie das Kind therapiert wird. Im Rahmen einer umfassenden Therapie können Schulen Hilfestellungen bieten, damit das Kind sein schulisches Potenzial ausschöpfen kann.

 

Frage 2: Von seinen Lehrern hören wir oft, dass unser Sohn wieder den Unterricht gestört hat. Zu Hause verhält er sich uns gegenüber aber völlig normal. Warum ist er im Beisein anderer Kinder so auffällig?

Expertenantwort: Viele Kinder mit ADHS sind in der Gruppensituation aufgrund der Reizüberflutung überfordert. In der 1:1-Situation können sie hingegen weitgehend unauffällig sein. Falls die Diagnose ADHS bereits gestellt wurde, sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, welche therapeutischen Maßnahmen für Ihren Sohn sinnvoll sind.

 

Frage 3: Unsere Tochter geht bald auf eine weiterführende Schule. Wie können wir vorab in Erfahrung bringen, ob diese Schule auf ihre ADHS-Erkrankung Rücksicht nimmt?

Expertenantwort: Informieren Sie sich über die Größe, die Ausstattung sowie das Betreuungsangebot der Schule. Nehmen Sie mit den Elternvertretern Kontakt auf. Fragen Sie, ob es an der Schule Kinder mit Lern- und Verhaltensproblemen gibt und wie mit Schwierigkeiten umgegangen wird, die sich aus der ADHS ergeben können. Dabei müssen Sie nicht erwähnen, dass ihr Kind eine ADHS hat. Setzen Sie sich, falls möglich, auch mit den Lehrern in Verbindung.

 

Frage 4: Können ADHS-Symptome auch auf eine Unterforderung des Kindes hinweisen?

Expertenantwort: Es gibt Verhaltensweisen von Kindern, die man mit Symptomen von ADHS verwechseln kann, die aber nichts mit dieser Erkrankung zu tun haben. Unterforderung und ADHS haben ebenfalls nichts miteinander zu tun. Es ist wichtig, durch einen spezialisierten Arzt abklären zu lassen, was vorliegt, um nicht zu falschen Schlüssen zu gelangen.

 

Frage 5: Was kann ich als Lehrer tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Schüler unter ADHS leidet?

Expertenantwort: Sprechen Sie mit Ihren Kollegen: Haben diese denselben Eindruck oder wissen sie möglicherweise schon mehr über das Kind? Nehmen sie Kontakt zu den Eltern auf und schildern Sie möglichst genau, wie sich das Kind unter Anforderungsdruck im Unterricht und im Kontakt mit anderen verhält. Erwähnen Sie dabei nicht die Diagnose ADHS. Erläutern Sie den Eltern, dass es negative Konsequenzen für das Kind haben kann, wenn die Ursache des Verhaltens nicht abgeklärt wird.

 

Frage 6: Was muss ich als Lehrer beachten, wenn ich weiß, das ein Schüler ADHS hat und eine entsprechende Therapie erhält?

Expertenantwort: Für das betroffene Kind und seine Eltern ist das oftmals ein sensibles Thema. Grundsätzlich unterliegen Lehrkräfte diesbezüglich der Schweigepflicht. Selbstverständlich darf das Kind auf keinen Fall durch unbedachte Bemerkungen vor der Klasse bloßgestellt werden. Wichtig ist eine enge Abstimmung mit den Eltern, gerade dann, wenn das Kind während der Unterrichtszeiten Medikamente einnehmen muss oder es um Absprachen vor Klassenfahrten geht.

 

Frage 7: Ich bin Lehrerin und habe in meiner Klasse drei Kinder mit ADHS. Durch die Reizüberflutung sind sie oft so aufgedreht, dass ich Mühe habe, einen geordneten Unterricht abzuhalten. Was kann ich tun?

Expertenantwort: Lassen Sie die Kinder mit ADHS nach Möglichkeit in Ihrer Nähe und jeweils an einem Einzeltisch sitzen. Bei den unmittelbaren Sitznachbarn sollte es sich um ruhige Klassenkameraden mit guten Leistungen handeln. Hilfestellungen zum Umgang mit ADHS-Betroffenen im Unterricht bieten zudem Fortbildungen oder entsprechende Literatur. Erste Informationen erhalten Sie auf den Websites www.adhs-deutschland.de, www.adhs-lebenswelt.de und www.zentrales-adhs-netz.de.

 

Frage 8: Wie können Lehrer lernen, mit ADHS-Kindern umzugehen?

Expertenantwort: Es gibt gute Bücher für Lehrer, zum Beispiel „ADHS – der praktische Ratgeber für Schule und Unterricht“ von Kathrin Hoberg. Außerdem werden bereits für Referendare Seminare zu diesem Thema angeboten. Fragen Sie in Ihren regionalen Fortbildungsinstituten nach. Sie können das Thema auch für eine pädagogische Konferenz an Ihrer Schule vorschlagen und einen Experten einladen. Gerade bei ADHS ist ein abgestimmtes Vorgehen des Kollegiums zu empfehlen. 

 

Frage 9: Dürfen Lehrer die Leistungen von Kindern mit ADHS anders bewerten als die nicht betroffener Kinder? Gibt es hierzu eine gesetzliche Regelung?

Expertenantwort: Nein, eine derartige Regelung gibt es derzeit nicht. Lehrer haben aber die Möglichkeit, Kinder mit ADHS im Rahmen eines gesetzlich verankerten Nachteilsausgleichs individuell zu unterstützen. Dies ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt, einen Überblick geben die Stellungnahmen der Kultusminister (siehe www.zentrales-adhs-netz.de > Für Pädagogen > Aktivitäten, www.zentrales-adhs-netz.de/fuer-paedagogen/aktivitaeten.html). Bei der Antragstellung kann Sie der behandelnde Arzt oder eine ADHS-Selbsthilfegruppe unterstützen.

 

Frage 10: Was kann ich als Lehrer tun, um Kinder mit ADHS optimal zu unterstützen?

Expertenantwort: Schülern mit ADHS fällt es besonders schwer, konzentriert und ausdauernd zu arbeiten. Entsprechende Bemühungen sollten Sie deshalb unterstützen und die Kinder loben. Da Kinder mit ADHS mehr Führung von außen benötigen, sollten Sie klare Regeln aufstellen und Zeichen vereinbaren, mit denen Sie das Kind auf sein störendes Verhalten aufmerksam machen können. Es ist sehr hilfreich, wenn Sie sich um eine positive Beziehung zu dem Kind bemühen.

 

Frage 11: Ich habe einen Schüler mit ADHS, der permanent meinen Unterricht stört. Unterhalte ich mich mit Kollegen, so können sie meine Erfahrungen nicht teilen. Wie kann das sein?

Expertenantwort: Kinder mit ADHS sind nicht zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen auffällig. In der Regel tritt das ADHS-typische Verhalten verstärkt später am Tag auf. Die Kinder können sich dann aufgrund zunehmender Erschöpfung und möglicherweise nachlassender Medikamentenwirkung nicht mehr so gut kontrollieren. Das Auftreten von ADHS-Symptomen wird zudem begünstigt durch einen hohen Lärmpegel im Klassenzimmer, ablenkende Einrichtungsgestände und Aussichten, häufige Ortswechsel oder Veränderungen des Sitzplatzes, wechselnde Zusammensetzung von Lerngruppen oder häufigen Lehrerwechsel, unstrukturierter Unterricht, Langeweile, Stress und nicht zuletzt durch fehlende Autorität sowie mangelndes Vertrauen des Kindes in die Lehrerin oder den Lehrer.

 

Frage 12: Nicht jeder unaufmerksame Schüler, der den Unterricht stört, hat ja gleich ADHS. Wie erkenne ich als Lehrer den Unterschied?

Expertenantwort: Das ist nicht einfach. Zwischen völlig unauffälligem Verhalten und sehr starker ADHS-Symptomatik gibt es alle möglichen Ausprägungen. Typische Symptome einer ADHS sind leichte Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten bei erkennbarem Leistungswillen, aber auch Impulsivität und Hyperaktivität. Diese äußern sich durch häufiges unaufgefordertes Reden, Unruhe am Platz sowie Aufstehen während des Unterrichts, obwohl das Kind die Verhaltensregeln kennt und grundsätzlich achtet. Eine gesicherte Diagnose kann jedoch nur ein spezialisierten Kinderarzt oder ein Kinder- und Jugendpsychiater stellen.

 

Frage 13: In meiner Klasse ist eine Schülerin, die sehr unaufmerksam ist, sehr langsam arbeitet, oft abwesend wirkt und träumt. Könnte es sich hierbei auch um eine ADHS handeln?

Expertenantwort: Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen ohne ausgeprägte Hyperaktivität oder Impulsivität (ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Typ) zeigen zusätzlich ein verlangsamtes Verhalten. Sie bekommen oft Unterrichtsinhalte nicht mit, wirken abwesend, teilweise regelrecht apathisch. Diese Form der ADHS ist besonders schwierig zu diagnostizieren, weil sie von einer generellen schulischen Überforderung, aber auch von Ängsten oder Depressionen unterschieden werden muss. Auch hier ist eine eingehende Untersuchung durch einen spezialisierten Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater notwendig.

 


Das Expertenteam:

  • Christiane Eich (ADHS Deutschland e.V.)

  • Marianne Marbach (Leiterin der Schule für Kranke in der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psycho-therapie)

  • Andrea Silz (Gymnasiallehrerin, Koordinatorin des ADHS-Netzwerks Gotha)

  • Petra Rexroth (Leiterin der Schule für Kranke am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim)

  • Dr. Johannes Streif (ADHS Deutschland e.V.)

     

Weiterführende Links:

»Themen-Spezial ADHS

 

 

 

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