Die Hauptschulinitiative der Staatsregierung
Warum sie nicht funktionieren kann!
- Einschätzungen des BLLV -
Die erfolgreiche Aufklärungsarbeit des BLLV in den Regionen in den letzten Jahren hat die Staatsregierung in Zugzwang gebracht, weil sie bislang keine Lösungen für das Schulsterben in ländlichen Regionen entwickelt hatte. Das Kultusministerium hat nun eine Hauptschulinitiative angekündigt, die aus vier Elementen besteht: Kooperationsmodelle von Haupt- und Realschulen, Weiterentwicklung von Hauptschulen zu Mittelschulen, Schulverbünde von Hauptschulen und Dialogforen. Der BLLV hat dazu vor zwei Jahren bereits eine Alternative vorgestellt: Regionale Schulentwicklung (RSE)
Kooperationsmodelle Realschule - Hauptschule
Haupt- und Realschulen sollen in außerunterrichtlichen Bereichen (Schul-, Sportfesten etc.), bei Wahlangeboten und beim Förderunterricht kooperieren, nicht in den Kernfächern. Voraussetzung dafür sind u. a. die räumliche Nähe der Schulen sowie das Einverständnis der Landkreise und Gemeinden, Schulen und Eltern. 47 Anträge wurden von Hauptschulen zu Beginn des Schuljahres eingereicht. 30 Schulen konnten keinen konkreten Kooperationspartner ausweisen, nur 16 wurden genehmigt.
- In drei genehmigten Fällen muss die Realschule erst noch gegründet werden.
- An zwei weiteren Schulen scheiterte eine Kooperation am Einspruch der Realschuleltern.
- In der Gesamtschule Treuchtlingen ist Kooperation seit ihrem Bestehen Programm.
- Schulleiter der verbliebenen Realschulen rühmen sich öffentlich, dass sich bei ihnen durch den Schulversuch nichts ändern wird.
Die räumliche Nähe der Schulen und das Einverständnis aller als Bedingung für Kooperationsmodelle bewirken, dass Kooperationsmodelle für das Problem des Erhalts wohnortnaher Schulen keinen Beitrag leisten können. Das sieht mittlerweile auch das Kultusministerium so.
Mittelschulen
Hauptschulen sollen zu Mittelschulen ab 2010 weiter entwickelt werden, wenn sie u. a. die Berufsorientierung verstärken, die drei Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales anbieten, Ganztagsangebote bereitstellen und in den Jgst 9 und 10 eigene M-Klassen vorhalten, um die Schüler zu einem „Mittlere-Reife-Abschluss auf dem Niveau der Wirtschafs- und Realschule“ zu führen. Zwar ist keine Schülermindestzahl vorgeschrieben, doch die Breite des Angebots und die Budgetierung der Lehrerstunden erfordert eine Schule mit drei Parallelklassen.
Der BLLV sieht durchaus auch positive Elemente im Konzept der Mittelschule, die dem BLLV-Konzept der Regionalen Schulentwicklung (RSE) entnommen sind:
- Die Mittelschule bringt ein flächendeckendes Angebot an Ganztagesschulen
- Sie kann die engagierte Arbeit der Lehrkräfte an Hauptschulen in der Öffentlichkeit verdeutlichen und damit das Image verbessern helfen.
Die Mittelschule löst jedoch die größten Probleme der Hauptschule nicht:
- Die Formulierung zum neuen M-Abschluss „auf dem Niveau des Realschulabschluss“ ist ein Eingeständnis der Schlechterstellung des bisherigen M-Abschlusses der Hauptschule und wird Eltern nicht überzeugen, die für ihr Kind einen Realschulabschluss anstreben
- Das Stigma als Schule der Leistungsschwachen und Übriggebliebenen, das jetzt die Hauptschule und ihre Schüler tragen müssen, wird durch die Mittelschule nicht beseitigt.
- Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz verbessern sich für Mittelschüler nicht entscheidend. Real- und Wirtschaftsschüler werden in der Konkurrenz um Ausbildung weiterhin den Vorzug erhalten.
- Eltern erkennen, dass die Mittelschule eine neue Verpackung für die ungeliebte Hauptschule ist. Dies verstärkt das Misstrauen gegenüber dieser Schulart. Der neue Name wird den Hauptschulen nicht mehr Schüler bringen.
- Die Übertrittsquoten in Gymnasien und Realschulen werden durch die Mittelschule nicht zurückgehen. Davon geht auch der Kultusminister aus.
- Durch den starken Schülerrückgang in den nächsten Jahren wird ein Großteil der Schulen trotz Mittelschule schließen müssen. Das Schulangebot wird regional zentralisiert.
Mittelschulen sollen jedoch nicht nur in dreizügigen Schulen eingerichtet werden, sondern auch an kleinen Schulen. Instrument dazu ist die Gründung eines Schulverbundes von zwei oder mehr Hauptschulen.
Schulverbünde
Durch eigen verantwortete Schulverbünde soll das wohnortnahe Schulangebot gesichert und sollen Schulschließungen vermieden werden. Kleine Schulen sollen im Verbund die für eine Mittelschule erforderlichen Angebote arbeitsteilig an verschiedenen Ort vorhalten und dadurch für Eltern und Schüler attraktiver werden. Die einzelnen Schulen und Schulleitungen sollen im Verbund selbstständig bleiben.
Der BLLV hat bezüglich der Schulverbünde grundsätzliche Einwände und Zweifel an einer problemlosen Umsetzbarkeit.
- Eine Schule in drei Schulhäusern, die an verschiedenen Orten untergebracht sind, ist für Eltern und Schüler nicht attraktiv.
- Bei Verteilung der verschiedenen Bildungsangebote auf verschiedene Standorte müssen bis zu 60 % der Schüler zwischen den einzelnen Standorten des Verbundes transportiert werden.
- Je nach Entfernung der Gemeinden von einander ergeben sich Fahrzeiten für eine Strecke von bis zu einer Stunde. Für Schüler aus Randgemeinden sind diese Fahrzeiten zusätzlich zu den bisherigen Fahrzeiten zu ihrer Hauptschule.
- Für die Gemeinden im Schulverbund können sich die Kosten für diese zusätzliche Schülerbeförderung auf bis zu 200.000 Euro summieren.
- Die Mehrkosten bei der Schülerbeförderung und evtl. notwendigen Investitionsmaßnahmen (z.B. Ausbau des Ganztagesangebotes) werfen bei „freiwilligen“ Schulverbünden die Frage der Konnexität zwischen Staat und Kommunen auf.
- Schulverbünde zerstören den Standortvorteil der Hauptschule als wohnartnahes Schulangebot. Wenn Kinder mit dem Bus zur nächsten Mittelschule mit dem gewünschten Profil transportiert werden müssen, können sie auch gleich die nächste Realschule besuchen.
- Schulverbünde treiben die existenzgefährdeten Hauptschulen in einen Überlebenskampf untereinander. (Mittelschule, Ganztagsschule, P-Klassen, Profile, etc.).
- Schulverbünde führen zu enormen organisatorischen Problemen (verstreute Bildungsangebote, Busorganisation, Personaleinsatz, Planung der Zügigkeit in Folge der unterschiedlichen Nachfrage, etc.).
- In Schulverbünden sind eine Vielzahl von pädagogischen Problemen zusätzlich zu bewältigen (Gestaltung eines gemeinsamen Schulprogramms, Abstimmung von Lerninhalten und erzieherischen Maßnahmen, Koordinierung der Wahlpflichtfächer, etc.).
- Schulverbünde verlagern die Verantwortung für das kommende Schulsterben auf die regionalen Entscheidungsträger. Diese haben jedoch die Schulmisere nicht zu verantworten, die durch das Festhalten an alten Schulstrukturen verursacht ist.
Zur Gründung eines Schulverbundes bedarf es einer Kooperationsvereinbarung der Schulen und einer kommunalen Zweckvereinbarung der Schulaufwandsträger. Diese sollen in Dialogforen unter Federführung des Schulamts von Bürgermeistern und Schulleitern ausgehandelt werden.
Dialogforen
Dialogforen sollen auf Landkreisebene eingerichtet werden. Zunächst soll die Hauptschulsituation im Landkreis geklärt und von Schulamt und Bezirksregierung „Strukturszenarien“ ausgearbeitet werden. Diese werden dann im Dialogforum „mit örtlichen Vertretern“ erörtert, um in ein Planungsmodell des Schulamts zu münden, das mit Bürgermeistern und Schulleitern nochmals besprochen wird. Zum Abschluss informiert das Schulamt die Beteiligten über die notwendigen Organisationsänderungen.
- Die dominante Rolle der Schulverwaltung in den Dialogforen legt den Verdacht einer nur scheinbaren Mitbestimmung der Beteiligten und Betroffenen nahe.
- Trotz straffer Steuerung durch die Schulverwaltung dürfte ein gerechter und einvernehmlicher Ausgleich der Interessen der einzelnen Gemeinden (wer bekommt das Ganztagsangebot, wer den M-Zug, etc.) schwierig sein.
- Die gewünschte Beteiligung von Vertretern der verschiedenen Eltern- und Lehrerverbänden aller Schularten scheint nicht sinnvoll, wenn es nur um die Kooperation der Hauptschulen gehen soll. Eine Einigung auf ein umfassendes Konzept wird so unmöglich.
Mit Dialogforen werden zwei politische Ziele verfolgt. Es soll der zunehmende Widerstand der Kommunalpolitiker gegen die Bildungspolitik auf Landesebene, der durch die Hauptschulschließungen ausgelöst wurde, gebrochen werden. Gleichzeitig soll die existierende Schulstruktur mit der strikten Trennung der Schularten erhalten und gefestigt werden. Alle Formen schulartübergreifender Schulmodelle sollen verhindert werden.
Die Alternative: Regionale Schulentwicklung
Den demographischen Herausforderungen, dem veränderten Schulwahlverhalten und dem immer stärker werdenden Übertrittsdruck in den Grundschulen kann nur eine längere gemeinsame Schulzeit erfolgreich begegnen. Nur wenn in einer Schule auf dem Land neben dem Hauptschulabschluss auch der Realschulabschluss angeboten wird, verbleiben mehr Schüler am Ort. Einer Zentralisierung der Schulen wird nur so nachhaltig Einhalt geboten, ein zentraler Standortfaktor bleibt den Gemeinden erhalten. Die vom BLLV eingebrachte Konzeption der Regionalen Schulentwicklung (RSE) ist nach wie vor die einzige zukunftsfähige Strategie in der bildungspolitischen Diskussion in Bayern.
Vorteile regionaler Schulentwicklung:
- Kinder bleiben in der Gemeinde verankert statt auspendeln zu müssen.
- Kinder vergeuden nicht Wochen in Schulbussen, sondern haben mehr Zeit zum Lernen.
- Klassen haben vernünftige Größen und variieren nicht zwischen 12 und 35 Schülern.
- Lehrer an den Realschulen haben durch kleinere Klassen deutlich bessere Arbeitsbedingungen, weniger Belastungen und mehr Zeit für individuelle Förderung.
- Finanzielle Ressourcen werden „klüger“ und effektiver eingesetzt und nicht in Schülertransporte verschleudert.
- Kinder lernen in überschaubaren Schulen mit engem persönlichen Kontakt statt in riesigen anonymen Schulzentren.
- Wohnortnahe Schulen können erhalten und müssen nicht geschlossen werden.
- Langsame und situationsangemessene Entwicklung der Schulen
Differenzierte Lerninhalte und moderne Unterrichtsmethoden machen es heute möglich, Schüler unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Lerninteressen in kleinen Schuleinheiten optimal zu fördern. Mehr Schüler können am Wohnort zu besseren Abschlüssen geführt werden, die ihnen alle Optionen für eine zukünftige Berufs- und Lebensgestaltung offen halten und dabei ihre Heimatbindung erhalten. Eine alte und pädagogisch längst nicht mehr haltbare Ideologie, mit der die vermeintliche Notwendigkeit von drei Schularten nach der vierjährigen Grundschule begründet wird, darf nicht vor das Wohl der Kinder und der Entwicklung der Gemeinden gestellt werden, für die Schule einer der wichtigsten Standortfaktoren ist. Die große Mehrheit der deutschen Bundesländer ist den Weg der Entkoppelung von Schulart und Abschlüssen bereits gegangen. Jede Pflichtschule muss in die Lage versetzt werden bis zur 10. Klasse alle Abschlüsse anzubieten: den Hauptschulabschluss, den qualifizierenden Hauptschulabschluss und einen „echten“ Realschulabschluss und diese Abschlüsse müssen für weitere Bildung und Ausbildung anschlussfähig sein.
Ausführliche Informationen zur RSE finden Sie unter www.regionale-schulentwicklung.bllv.de
Bildung braucht Lehrer!
8254 haben schon unterschrieben! Unterstützen auch Sie unsere Petition für mehr Planstellen an allen Schularten!
Service für Referendare
Für Referendare, die im September 2010 das Referendariat antreten, bietet der BLLV Vorbereitungsworkshops an. Hier finden Sie weitere Informationen.


