Kinderarbeit – ein verdrängtes Problem
Das Kinderhaus des BLLV CASADENI in Ayacucho hilft arbeitenden Kindern, die in den Straßen der kleinen Provinzhauptstadt ihr Leben verdienen müssen. In Ayacucho schätzt man, dass etwa 600 bis 700 Kinder und Jugendliche arbeiten. Nach dem Gesetz dürfen Jugendliche in Peru erst ab dem 14. Lebensjahr arbeiten - allerdings nur mit der Erlaubnis der Eltern und mit besonderen Auflagen. Die Realität sieht anders aus.
Wer in Lima das Flugzeug verlässt und in die Hauptstadt fährt, beobachtet schon vom Auto aus viele Kinder und Jugendliche, die Lasten tragen, den Passanten allerlei Gegenstände und Nahrungsmittel verkaufen, mit einem kleinen alten Schuhputzkoffer nach Kunden Ausschau halten. Auch in Ayacucho begegnet einem das gleiche Bild: Kinder und Jugendliche als Schuhputzer am Stadtplatz, jugendliche Lastenträger in den Märkten und ein Heer von Kindern als ambulante Verkäufer. Aber das ist nur der Gipfel des Eisbergs. In unzähligen Restaurants und Bars und in besser situierten Familien arbeiten Mädchen jeglichen Alters. Sie putzen, waschen, kochen, spülen, bügeln, kaufen ein und passen auf die Kinder der Wohlhabenden auf. Auf dem Land unterstützen die Kinder schon früh ihre Eltern bei der Ernte oder bei dem Bewachen des wenigen Viehs.
Kinderarmut ist ein Skandal
Die gesetzlichen Forderungen und die Realität der Armut sprechen zwei verschiedene Sprachen: Familien mit vier, fünf und mehr Kindern und ein arbeitsloser Vater ohne soziale Absicherung, missbrauchte eingeschüchterte Mädchen, von den Männern verlassene Mütter mit ihren Kindern. Die Kinder müssen arbeiten, um zu überleben egal, ob das Gesetz ihnen Arbeit verbietet oder nicht.
Kinderarmut ist ein Skandal, Kinderarbeit ein Anschlag auf die Menschenwürde. In Lateinamerika hat Kinderarmut eine menschenverachtende Fratze. Dreckige, verwahrloste Kinder, die auf der Straße um das Überleben kämpfen durch Betteln oder Verrichten einfachster oft schwerer Arbeiten. Auch systematische Ausbeutung von Kindern in Minen und in Fabriken gibt es in Lateinamerika, allerdings nicht so extrem wie in manchen asiatischen Ländern.
Angeblich geht die Kinderarbeit in Lateinamerika zurück. Nach Untersuchungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2006 sank die Zahl arbeitender Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren weltweit um elf Prozent auf nunmehr 218 Millionen. Die Zahl derer, die bei gefährlichen Arbeiten ihre körperliche oder seelische Gesundheit gefährden, reduzierte sich im Vergleich zu 2001 um 26 Prozent auf 126 Millionen.
Raum schaffen für ein würdevolles Aufwachsen
Dennoch ist Kinderarbeit überall präsent. Immer wieder stellen sich bei den international tätigen Kinderhilfsorganisationen Fragen wie: Sollen wir fordern, dass das Verbot der Kinderarbeit von nationalen Regierungen konsequent durchgesetzt wird auf die Gefahr hin, Kinder in noch tiefere Armut zu treiben und sie quasi zu kriminalisieren. Sollen wir Unterstützungsprogramme für arbeitende Kinder finanzieren, damit diese kostenlose Verpflegung, Unterkunft und Schulbildung erhalten, um nicht arbeiten zu müssen. Oder sollen wir den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen, in begrenztem Umfang menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu bekommen, um selbst ihr Leben finanzieren zu können.
Die BLLV-Kinderhilfe hat sich ähnlich wie die renommierte Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes, mit der wir zusammenarbeiten, entschieden: Oberstes Ziel ist es, dass Kinder würdig und ihrem Alter angemessen erwachsen werden können. In kinderfeindlichen armen Gesellschaften müssen wir helfen, Räume zu schaffen, damit die Kinder, die ihren Lebensunterhalt selbst auf den Straßen verdienen müssen, Zuflucht, Anerkennung, Zuneigung und Unterstützung finden. Räume, die ein anderes Miteinander erlebbar machen als das raue, rücksichtslose und aggressive Leben auf der Straße. Räume, in denen zuverlässige, verantwortungsbewusste und einfühlsame Erwachsene da sind und den langsamen Kontakt mit den von Misstrauen und Aggression oder Angst geprägten Kindern und Jugendlichen anbahnen. Räume, in denen konkrete Hilfe gegeben wird wie z. B. Hausaufgaben- und Nachhilfe, berufsausbildende Kurse, künstlerische Workshops und schlichtweg Platz und Frieden zum Spielen, Reden und Ausruhen.
Das BLLV-Kinderhaus in Ayacucho macht genau dies: Es schafft Raum, um Kinder wegzuholen aus dem täglichen Kampf ums Überleben auf den Straßen und oft auch in den Familien. Es schafft Raum, in dem die Kinder und Jugendlichen zur Ruhe kommen, Vertrauen schöpfen und konkrete Hilfe erhalten. Das Kinderhaus arbeitet in diesem Sinne nicht karitativ. Niemand erhält hier Geld oder kostenlos Nahrungsmittel oder Schulbücher. Die Kinder erhalten Anerkennung, Interesse und konkrete Hilfen, um langfristig ihre Lebenssituation zu verändern.
Das Kinderhaus und die Kinderrechtskonvention der UN
Das BLLV-Kinderhaus orientiert sich an der Kinderrechtkonvention der UN. 1989 verabschiedete die UNO nach jahrzehntelangem Ringen um einen international anerkannten Text die Kinderrechtskonvention. Sie wurde zwar von zahlreichen Staaten anerkannt, aber in den meisten Ländern ist sie nicht umgesetzt. Weltweit ist in den letzten Jahren aber eine Bewegung der arbeitenden Kinder entstanden, die intensiv die Rechte der Kinder diskutiert und sie einfordert. Die Kinder und Jugendlichen beziehen sie auf ihre konkrete Lebenssituation und versuchen auf ihre Rechte aufmerksam zu machen.
Auch das BLLV-Kinderhaus in Ayacucho ist Teil der Bewegung der arbeitenden Kinder in Peru. Über die Einforderung der Rechte gegenüber Behörden und Arbeitgebern hinaus geht es vor allem auch um gegenseitige Unterstützung und Solidarität, um Aufklärung und gemeinsames Lernen. Die Beschäftigung mit der Kinderrechtskonvention gibt den Kindern und Jugendlichen Sicherheit. Sie werden sich bewusst, dass sie einen Anspruch auf eine würdige Behandlung haben. Und sie lernen gemeinsam, sich gegenseitig mit Respekt und Solidarität zu begegnen. Die Mitarbeiter im Kinderhaus selbst schulen sich systematisch in diesen Themen.
Die BLLV-Kinderhilfe unterstützt die Kinderrechtsbewegung, weil sie daran glaubt, dass Kinder ein Recht auf würdevolle Behandlung haben. Unterstützen Sie unser BLLV-Kinderhaus in Ayacucho. Wir brauchen Ihre Hilfe!
Die Kinderrechtskonvention der UN
Kinder haben ein Recht auf
1. Gleichbehandlung
2. Name,Staatsangehörigkeit
3. Gesundheit
4. Bildung und Ausbildung
5. Freizeit, Spiel, Erholung
6. Informationsfreiheit
7. Schutz vor Gewalt
8. Sofortige Hilfe in Notlagen
9. Familie, Fürsorge
10. Betreuung bei Behinderung
Weiterführende Links:
»Die UN-Kinderrechtskonvention





