Im Lernentwicklungsgespräch bespricht die Lehrkraft mit der Schülerin den Lernfortschritt und vereinbart mit ihr Ziele. Doch das ist zeitaufwändig. Foto: BLLV

 

Lernentwicklungsgespräch:  Erster Schritt in die richtige Richtung

Lehrkräfte brauchen Begleitung bei Umsetzung

Schulen können Zwischenzeugnisse jetzt durch Lernentwicklungsgespräche ersetzen. Das ist ein echter Fortschritt zum Wohle des Kindes. Doch die Neuerung lässt viele Lehrkräfte fragend zurück.

 

Ein Kommentar von Simone Fleischmann*

 

Eine der größten Veränderungen der vergangenen Jahre hat die Grundschule erreicht: Zwischenzeugnisse können auf Wunsch von Eltern und Schulen abgeschafft und durch Lernentwicklungsgespräche ersetzt werden. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband kritisiert seit Jahren die Diskrepanz zwischen modernem Lernbegriff und innovativen Unterrichtsmethoden einerseits und den altmodischen, weil wenig aussagekräftigen, auf Noten basierenden Leistungsrückmeldungen andererseits.

 

Dieser Widerspruch kann jetzt in einem ersten Schritt aufgelöst werden: Die Lernentwicklungsgespräche stellen eine Abkehr vom tradierten Vorstellungen dar und eröffnen große Chancen, eine neues Verständnis von Leistung zu etablieren. Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr auf blanke Noten reduziert. Stattdessen schätzen sie sich selbst ein, erhalten im Gespräch mit der Lehrkraft eine individuelle Rückmeldung und entwickeln gemeinsam mit ihr und den Eltern Ziele. Das ist prima.

 

Der BLLV begrüßt jede Form der Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Schulen: Konzepte sollt man ihnen nicht von „oben“ überstülpen, sondern an der jeweiligen Schule vor Ort passgenau entwickeln. Schulen haben nun die Chance, eigenverantwortlich ihr eigenes Konzept zur Leistungsrückmeldung zu entwickeln. Wenn der Elternbeirat auch dafür ist, dann können sie die Zwischenzeugnisse abschaffen.

 

Praktische Probleme erschweren die Umsetzung im Alltag

In den Kollegien der Grundschulen wird nun eifrig diskutiert. Lehrerinnen und Lehrer wägen ab, ob das Zwischenzeugnis in den Jahrgangsstufen Eins bis Drei bleiben oder durch ein Lernentwicklungsgespräch ersetzt werden soll. Jetzt sind kritische und offene Gespräche gefragt.

 

Auch wenn das Lernentwicklungsgespräch aus pädagogischer Sicht uneingeschränkt zu befürworten ist, entscheiden sich viele Kollegien dagegen.
Der BLLV kennt die Fragen, die sich unsere Mitglieder stellen, und die Sorgen, die sie sich machen:

  • Ist das zeitlich zu schaffen?
  • Was ist, wenn dann doch einzelne Eltern ein Zwischenzeugnis wollen?
  • Wie gehen wir mit Eltern um, die unsere Sprache nicht sprechen? + Wie sollen wir das justiziabel optimal protokollieren?
  • Wenn ich 26 Kinder in der Klasse habe, dann schaffe ich das nicht!
  • Was mache ich, wenn die Eltern nicht unterschreiben?
  • Wie gehe ich damit um, wenn die Eltern nicht kommen?
  • Wie lange soll denn so ein Gespräch dauern?
  • Manche schreiben 8-seitige Dokumentationen: muss das sein?
  • Wie führt man denn eigentlich solche Gespräche mit Kindern und Eltern kompetent?

 

Der BLLV nimmt ihre Sorgen ernst und will sie in die Politik einbringen. Die Verantwortlichen müssen auf die Fragen und Probleme der Lehrkräfte konkrete Antworten geben.

 

Schreiben Sie uns! Teilen sie uns Ihre Ideen, Anregungen und Kritik zum Thema mit, damit wir diese gegenüber dem Kultusministerium kundtun können. 

 

* Simone Fleischmann ist Präsidentin des BLLV

 

 

Die Kommentierung wurde beendet.

 

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Kommentare

Bettina Engl | 14:49 Uhr - 13.02.2015
Warum wird nicht VORHER das ganze Procedere von den "Verantwortlichen" durchdacht und das Gesamtkonzept den Lehrern zunächst übermittelt, bevor es zu einem zeitlich MACHBAREN Termin eingeführt wird?
Wie ist es zeitlich von JEDER Schule zu schaffen, in Absprache mit den Kollegen ein eigenes Verfahren/ eigene Formblätter zu erstellen? Ist das überhaupt wünschenswert, machen wir uns nicht wieder einmal angreifbar?
Warum immer wieder "Schnellschüsse", die die Eltern und Lehrer verunsichern und stressen!?
Wie soll mit den Ganztagsklassen verfahren werden? Weder Eltern, noch Kinder, noch die Lehrer sind am Nachmittag ab 16 Uhr noch in der Lage, bzw. bereit, bzw. vom Arbeitgeber freigestellt, um ein Lernentwicklungsgespräch zu führen !? ( v.a.1. und 2. Klasse)
Und überhaupt: Ist es NICHT so, dass die Lehrer den Kinder eigentlich TÄGLICHE Rückmeldung geben (sollten) , bzw. auch kleine Erfolge sehen und würdigen?
Ist es nicht so, dass wir (viele) Elterngespräche führen und auch bei Bedarf/ auf Wunsch die Kinder mit eingeladen werden?
Ein weiteres Mal hat man den Eindruck, dass die engagierte Arbeit der Lehrkräfte nicht gesehen/ gewürdigt wird.
Im Gegenteil. Ohne Reduzierung des Pflichtstundenmaßes oder Anrechnung einer Elternsprechstunde, oder zusätzliches pädagogisches Personal zur VERLÄSSLICHEN Entlastung der Lehrkräfte, ohne Mobile Reserven, uvm. kann Schulentwicklung nicht gelingen.
JaRi | 17:27 Uhr - 05.01.2015
Gibt es Videos, die den Ablauf eines Lernentwicklungsgesprächs exemplarisch zeigen? Dies könnte für KollegInnen, die diese Gespräche erstmals führen sollen, sehr hilfreich sein.
Claudia Seitz | 15:38 Uhr - 07.11.2014
Ich unterrichte seit 29 Jahren noch immer mit großer Freude an einer Grundschule.
Der zeitliche Aufwand und die Aufgaben an uns Lehrer sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Individualisierende Maßnahmen, vertiefte Elternberatung, erhöhter Mehraufwand bei der Unterrichtsvorbereitung, Integration von Menschen mit Beeinträchtigung bzw. Migrationshintergrund sind nur wenige Schlagworte, die jedem geläufig sind. Zu guter Letzt steht der Lehrplan plus mit seinen durchaus positiven Neuerungen. Will man ihn sinnvoll umsetzen, gelingt dies ebenfalls nur mit hohem zeitlichen Engagement.
Das Lernentwicklungsgespräch ist eine von diesen pädagogisch begrüßenswerten Neuerungen, die wir Lehrer gerne verwirklichen würden. In einer 40 Stunden Woche wohl gemerkt. Mit einer Unterrichtsverpflichtung von 28 Wochenstunden kann dies leider nicht erfolgen.
Deshalb mein Appell an den BLLV:
Nur mit einer Kürzung der Wochenstunden können wir die Anforderungen des neuen Lehrplans erfüllen. Die Anrechnung der Elternsprechstunde wäre der erste Schritt, um einen zeitlichen Ausgleich zu schaffen.
Simone Fleischmann | 21:19 Uhr - 22.10.2014
....wir fragen hier die Experten vor Ort, also sie und sind dankbar, dass sie schildern wie sie es empfinden. Wir sehen immer die eine Seite, nämlich die der prima Visionen wie Lernen in der Zukunft sein soll. Modernes Lernen braucht moderne Formen der Leistungsrückmeldung. Und, als Schulleiterin einer Grund- und Mittelschule sehe ich jeden Tag die anderer Seite: die Realität. Sie lässt oftmals nicht zu, dass gute Ansätze umzusetzen sind. Wir maßen uns nicht an, alles zu wissen. Wir wollen aufzeigen, wo Grenzen sind und das tun wir!
Simone Fleischmann | 21:12 Uhr - 22.10.2014
Zu Frau Ruhland: wir sind da und artikulieren genau das was Sie schreiben. Deswegen bitte wir hier auch um Ihre Kommentare. Danke, dass Sie schildern was sie erleben. Glauben Sie uns, dass wir die Schwierigkeiten bei der Umsetzung sehen. Als Schulleiterin hab ich jeden Tag die Realität vor Augen: ich weiß, dass die Rahmenbedingungen fehlen...
Günter Roth | 17:32 Uhr - 17.10.2014
Es wäre für den BLLV und seine Miglieder sehr hilfreich, wenn hier endlich einmal Foren eingerichtet würden, in denen man seine Meinung offfen und öffentlich kundtun kann. So entsteht der Eindruck, der BLLV wünsche keine echte Mitgliederbeteiligung, weil ja schließlich Kommentare per e-mail ganz leicht der Zensur zum Opfer fallen können.
Foren wären Basisdemokratisch!
Rosmarie Ruhland | 16:11 Uhr - 15.10.2014
Auch ich denke, dass diese vielleicht durchaus wünschenswerte und idealistische Vorstellung von einem guten Gespräch, so wie es praktiziert werden soll und rechtlich wahrscheinlich auch muss, uns Lehrer bei Klassen bis zu 30 Kindern noch weiter belastet. Hier wurde das Pferd wieder einmal von hinten aufgezäumt. Solche Gespräche erfordern viel Zeit, sowohl in der Vorbereitung, beim Führen als auch in der Nachbereitung. Mit Klassenstärken von mehr als 20 Kindern kann das kaum funktionieren. Wenn solche Gespräche mit Protokoll Standard werden sollen, dann doch bitte in umgekehrter Reihenfolge: Erst einmal sind kleinere Klassen wichtig, damit man auch wirklich wenigstens ansatzweise individuell unterrichten kann. Dann kann man auch individuelle und wirklich zielführende Gespräche führen! Wo bleibt unser BLLV, den wir mit unseren Beiträgen finanzieren? Solche Halberrungenschaften machen uns Lehrer mehr Probleme als sie bringen!
Außerdem lassen sich unsere Zeugnisbemerkungen heute ja auch bei einem Gespräch erklären, wenn die Eltern und das Kind es wünschen. Eltern und Lehrer, die im Gespräch sind, brauchen eigentlich weder Zeugnis noch Lernentwicklungsgespräch zu einem festgesetzten Zeitraum. Sie haben ihr Gespräch zu Zeiten, wo es etwas Neues gibt, also eine Lernhürde zu überwinden ist oder eine überwunden wurde. Dabei ist Lernhürde nicht nur intellektuell zu verstehen.
Mir scheint, als könne unser Verein sich nur dort durchsetzen, wo sich wieder einmal einige eine goldene Nase verdienen wollen. Wo aber das Wohl der Kinder und die Gesundheit von uns Lehrern Geld kosten ( mehr Personal, kleinere Klassen ), wird er ganz klein. Für solche Errungenschaften ist unser finanzieller Beitrag zu hoch, es reicht der gesundheitliche, den wir leisten müssen.
Weiß | 07:46 Uhr - 14.10.2014
Ich habe ebenso wie viele andere Kollegen ein Problem mit der Scheinheiligkeit des Ganzen: was soll so ein individuelles Lernentwicklungsgespräch in den Jahrgangsstufen 1-3, wenn in der 4. Klasse immer noch die Brechstange angesetzt wird, die Kinder durch ein einheitliches System gepresst werden, um sie anschließend in drei Kategorien einzuteilen. Wo bleibt hier das individuelle Eingehen auf die Kinder? Wieder einmal wird von den Entscheidungsträgern das Pferd von hinten aufgezäumt.
Marita Wutzer | 11:29 Uhr - 12.10.2014
Das sind alles sehr gute Fragen. Noch eine weitere Frage:
Wie wird damit umgegangen, wenn diejenigen, die diese Entscheidung trafen nämlich der Elternbeirat und das Kollegium nach einiger Zeit gar nicht mehr vorhanden sind? Wir haben keine lange bestehenden Kollegiuen mehr wie anno dazumal und der EB wird jährlich neu gewählt. Wie lange also ist die gemeinsame Entscheidung gültig?
Fritz Zinnecker | 22:20 Uhr - 10.10.2014
Warum befragt der BLLV seine Mitglieder nicht zu diesem stark kontrovers diskutierten Thema? Wieso maßen sich einige wenige selbsternannte Experten an, über die Köpfe der Basis hinweg zu entscheiden? Das Deckmäntelchen der Erprobung in der Flexiblen Eingangsstufe hänge ich mir nicht um! Wo soll hier ein echter Fortschritt erkennbar sein? Wie soll ein Erstklässler mit 6 Jahren eine Zielvereinbarung unterschreiben? Wie läuft ein Elterngespräch mit getrennt lebenden Eltern, die beide das Sorgerecht haben? Eine Schule hat das LEG, die andere das Zeugnis. In einer Schule ist der dritte Jahrgang dafür, die Jahrgänge 1 und 2 nicht. In einer Klasse erhalten viele Schüler das Protokoll des LEG, bei einigen bestehen die Eltern auf Ausstellung eines Zeugnisses. Wo und für wen ist hier ein Vorteil ersichtlich? Warum wird hier zuerst entschieden und dann nachgedacht? Der BLLV hat in meiner 42-jährigen Mitgliedschaft viel erreicht, aber jeder Neuerung kritik- und vorbehaltlos zuzustimmen, halte ich für deplatziert und enttäuschend!

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