Schulen suchen händeringend Lehrkräfte
Gleichzeitig stehen junge Lehrer auf der der Straße / BLLV-Präsident Wenzel sieht das KM-Vorhaben gefährdet: „So kann individuelle Förderung nicht gelingen“
München - Die Unterrichtsversorgung steht an vielen bayerischen Schulen auf der Kippe. „Weil die Personaldecke hauchdünn ist, können Stundenstreichungen und -kürzungen im zweiten Schulhalbjahr dramatische Formen annehmen“, befürchtet der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. Betroffen seien alle Schularten, doch besonders schlimm sei es derzeit an Grund- Haupt- und Mittelschulen in Oberbayern und Unterfranken. Allein in Oberbayern werden für das zweite Schulhalbjahr über 100 Lehrkräfte gesucht. In Unterfranken ist die Deckung des Aushilfsbedarf aus dem eigenen Personal heraus nicht mehr sicherzustellen. Die Mobile Reserve ist aufgebraucht. Im Sommer 2011 arbeitslos gewordene Junglehrer wurden bereits alle mit Aushilfsverträgen versorgt oder aber sie haben anderweitige Beschäftigungen angenommen, z.B. an Privatschulen, im außerbayerischen, zumeist hessischen oder baden-württembergischen Schuldienst. Jetzt versucht man dort sogar Lehramtsstudenten an die Schulen zu holen. „Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab - es ist beklemmend“, erklärte Wenzel heute in München. Auch an den Gymnasien sei es eng. Obwohl sie dringend gebraucht würden, werde ein großer Teil der Hochschulabsolventen im Februar auf die Straße geschickt. Wenzel appellierte an das Kultusministerium, die Situation nicht schön zu reden, sondern rasch Gegenmaßnahmen einzuleiten. „Das ist angesichts der Steuermehreinnahmen der vergangenen zwei Jahre kein Problem.“ Er erinnerte auch an das Versprechen der Landesregierung, Bildung höchste Priorität einzuräumen. „An den Schulen merken wir von dieser Prioritätensetzung immer noch nichts. Das KM-Vorhaben, alle Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern, wird so nicht gelingen.“
Wenn es für das Kultusministerium bereits ein Erfolg sei, alle zum Halbjahr frei werdenden Stellen an den Gymnasien zu besetzen, sei dies kein gutes Zeichen. „Es ist doch selbstverständlich, dass pensionierte und kranke Lehrkräfte oder schwangere Kolleginnen ersetzt werden. Was die Gymnasien brauchen, sind neue, zusätzliche Kräfte, um die angespannte Situation zu entschärfen”, stellte Wenzel klar.
Anstatt junge Lehrer einzustellen, werden an vielen Gymnasien Referendare eingesetzt, in der Regel mit 17 Unterrichtsstunden pro Woche. „Das ist aus Sicht des BLLV fragwürdig und problematisch“, sagte Wenzel. Die hohe Unterrichtspflichtzeit stelle für viele eine hohe zeitliche Belastung dar. Sorgfältige Vorbereitung der einzelnen Unterrichtsstunden und der Prüfungsaufgaben sowie Korrekturarbeiten seien kaum noch möglich. „Die Vorgehensweise verhindert zudem die Festeinstellung bereits fertig ausgebildeter Lehramtsanwärter. Die eigentliche Zielsetzung des eigenverantwortlichen Unterrichts, nämlich eine möglichst gute Ausbildung der Referendarinnen und Referendare, wird konterkariert.“ Im Februar dürfe sich für Lehramtsstudenten aus dem gymnasialen Bereich die absurde Situation vom Sommer vergangenen Jahres nicht wiederholen: „Sie werden - genauso wie ihre jungen Studienkolleginnen und Kollegen aus dem Haupt- und Grundschulbereich - dringend gebraucht.“
Die kurzsichtige Spar- und Einstellungspolitik des Kultusministeriums rächt sich. Wohin sie führt, zeigt sich derzeit besonders dramatisch an Grund- Haupt- und Mittelschulen in Oberbayern und Unterfranken. Dort werden händeringend Lehrerinnen und Lehrer gesucht. Die Regierung von Unterfranken versucht sogar, Lehramtsstudierende höherer Semester mit Hilfe befristeter Arbeitsverträge in die Schulen zu holen, um so die die Situation zu entschärfen. „Lehramtstudierende sind aber keine Aushilfslehrer“, betonte Wenzel. Die Unterrichtsqualität müsse auch im Vertretungsfall sichergestellt sein.
Angefragt werden neben pensionierten Lehrkräften vor allem auch arbeitslose Junglehrer. „Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte das Kultusministerium trotz vielfacher Warnungen und unter großen Protesten Tausende Lehramtsstudierende in die Arbeitslosigkeit entlassen. Betroffen war v. a. der Lehrernachwuchs für Grund, Haupt- und Mittelschulen. Jetzt sollen sie mit Aushilfsverträgen an die Schulen gelockt werden. Der Erfolg ist mäßig, denn die Verträge sind meistens befristet und bieten wenig Perspektive“, schilderte Wenzel. Viele hätten sich beruflich neu orientiert, hätten Bayern verlassen oder seien in privaten Bildungseinrichtungen untergekommen. Das sei nicht nur für die jungen Lehrkräfte bitter, sondern auch für Schüler und Lehrerkollegien.
„Junglehrer brauchen attraktive Planstellen. Ich sehe auch nicht, wie die ambitionierten Ziele des Kultusministers wie individuelle Förderung, Bereitstellung zusätzlicher Angebote, Ausbau von Ganztagsangeboten, Verringerung der Unterrichtsausfälle oder Umsetzung der Inklusion mit so wenig Personal umgesetzt werden sollen.“
- Dateien:
20120118.pdf32 K


