10. Februar 2001

Technische Analphabeten werden die Zukunft nicht meistern

Experten bei BLLV-Symposium: Allgemeine technische Bildung in Deutschland liegt unter westeuropäischem Standard

München - "Die Notwendigkeit der allgemeinen technischen Bildung aller Schülerinnen und Schüler wird von der Schulpolitik immer noch nicht angemessen erkannt, obwohl die Entwicklungen atemberaubend und die Herausforderungen epochal sind", stellte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Albin Dannhäuser, auf einer Expertentagung seiner Organisation in München fest.

Der BLLV-Präsident kritisierte, dass Haupt- und Realschüler praktische Fächer mit technikbezogenen Inhalten und Zielen abwählen können und dass in den Gymnasien technische Bildung lediglich eine von 17 fächerübergreifenden Aufgaben ist. Damit liefen viele Schülerinnen und Schüler Gefahr, als technische Analphabeten abgehängt zu werden und somit die Zukunft nicht meistern zu können.

Dannhäuser verlangte überzeugendes pädagogisches und schulpolitisches Handeln: "Es passt nicht zusammen, die Hochtechnologie in der politischen Rhetorik als Lieblingskind zu hätscheln und die technische Bildung in der schulischen Realität als Stiefkind zu behandeln". Als Sofortmaßnahmen fordert der BLLV die Einrichtung eines Faches oder Lernbereichs Technik an allen Schularten, die fachgerechte Ausstattung für technische Bildung einschließlich moderner Kommunikationstechnologie sowie eine entsprechende Qualifizierung der Techniklehrkräfte.

Technik als Bestandteil der Allgemeinbildung betrachten

In Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion forderten prominente Experten aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Verwaltung ebenfalls eine stärkere Verankerung der technischen Bildung in der Schule. So betonte Hans Schulte, Professor an der Universität Flensburg und Mitglied im Verein Deutscher Ingenieure, die "kulturprägende Wirkung" der Technik für unsere Gesellschaft, aber auch die Bedeutung technologischen Wissens und Könnens als "einen entscheidend wichtigen Produktionsfaktor". Es müsse in der Bildungspolitik die Erkenntnis wachsen, so Schulte, dass technische Bildung "ein unverzichtbarer Bestandteil notwendiger Allgemeinbildung ist".

Parteiübergreifende Einigkeit: Technik Know-how ist unverzichtbar

Wie dringlich die Frage der technischen Bildung in der Schule ist, betonten auch die Vertreter der Landtags-Fraktionen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Heinz Donhauser appellierte an Berufspolitiker, Lehrer und Ausbilder, eigene Defizite in Bezug auf technisches Wissen abzubauen. "Wissen - auch um technische Zusammenhänge und Anwendungen - wird zum wichtigsten Rohstoff. Darauf müssen wir unser Bildungssystem abstellen, auf allen Ebenen und auch besonders in den allgemeinbildenden Schulen", so Donhauser. Schon dort müsse künftig das notwendige technische Rüstzeug vermittelt werden, mit angepassten Lehrinhalten und größtmöglichem Praxisbezug.
Nach Meinung des SPD-Bildungspolitikers und Landtagsabgeordneten Udo Georg Egleder ist Deutschland in Bezug auf technische Bildung "längst ins untere Mittelfeld abgerutscht". Deutschlands Schulen seien eine "Technik-Wüste". Egleder zeigte sich überzeugt, dass man mit technischer Bildung nicht früh genug beginnen könne: "Bereits in der Grundschule muss das natürliche Interesse für Technik aufgegriffen und grundlegendes Wissen verstärkt vermittelt werden." Nur so könne die Basis für technisches Interesse auch in weiterführenden Schulen gelegt werden.
Auf die Notwendigkeit, verstärkt Frauen für technische Berufe zu begeistern, machte Petra Münzel, Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, aufmerksam. Denn einerseits hätten Frauen mit technischem Know-how in der boomenden IT-Branche "hervorragende berufliche Perspektiven", andererseits halte die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie auch in die klassischen Frauenberufe unaufhaltsam Einzug. Münzel: "Wir halten es für notwendig, dass eine mädchengerechte Unterrichtsdidaktik und -methodik entwickelt wird, da Mädchen einen anderen Zugang zur Technik haben als Jungen".


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