23. Februar 2011

BLLV: Kinder sind keine Lernroboter

Mit Hilfe von Internetportalen und Probenbüchern werden Grundschulkinder systematisch auf Prüfungen vorbereitet / Wenzel: „Auswendiglernen hat mit Bildung nichts zu tun“   

München - Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) macht auf einen besorgniserregenden Trend aufmerksam: So beobachten Lehrkräfte an Grundschulen immer häufiger, dass Schüler mit Hilfe von Probenbüchern oder Internet-Lernportalen systematisch auf Prüfungen vorbereitet werden. Sie lernen die entsprechenden Aufgaben auswendig. „Es gibt Schüler, die 13 Proben und mehr auswendig herunter sagen und Antworten ohne nachzudenken wiedergeben können“, schilderte BLLV-Präsident Klaus Wenzel die Situation. „Auf diese Weise wird der pädagogische Bildungsanspruch nicht nur in Frage gestellt, sondern pervertiert“, kritisierte er. Auswendiglernen habe mit Bildung nur wenig zu tun. „Anstatt Kinder zu kompetenten Erwachsenen heranzubilden, die teamfähig und kommunikativ sind, setzen wir sie einem Prüfungsterror aus und machen ihr Wohl von Ziffernnoten abhängig. Kinder, die so auf gute Noten getrimmt werden, tun sich schwer, Freude am Lernen zu entwickeln. Die Schulen verkommen zu reinen Prüfanstalten, die pädagogischen Kompetenzen der Lehrkräfte werden ad absurdum geführt.“ Wenzel appellierte an die Eltern, die Angebote im Internet und auf dem Büchermarkt kritisch zu hinterfragen. „Auf den Prüfstand gehört vor allem aber auch das bayerische Schulsystem, das solche Blüten überhaupt erst möglich macht.“ 

Er wolle Eltern nicht kritisieren, betonte der BLLV-Präsident. Im Gegenteil: „Ich kann verstehen, wenn sie so agieren. Wenn einzig Noten über Bildungswege entscheiden, setzen sie eben alles daran, für möglichst gute Noten zu sorgen.“ Leider werde dabei übersehen, dass Auswendiglernen nur wenig mit Anreicherung von Wissen und Kompetenzen zu tun hat. Sie haben nur den kurzfristigen Erfolg im Blick: die möglichst gute Note und den Übertritt.“  

Relevantes Prüfungswissen ist inzwischen allgegenwärtig und genormt. Rund 33 Euro im Jahr kostet der Zugriff auf Lernhilfen im Internet. Auch der Büchermarkt bietet eine breite Produktpalette an, aus der die Eltern beliebig wählen können, vor allem boomen sogenannte Probenbücher.

Eltern haben das Gefühl, ihrem Kind so zu helfen und den Weg auf eine weiterführende Schule wie Gymnasium oder mindestens Realschule zu ebnen.

„Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich weniger als Pädagogen, Förderer und Erzieher, sondern mehr als Gegner von Eltern und Kindern. Im Mittelpunkt ihres beruflichen Alltags steht die Vereinheitlichung und Standardisierung. Mit individualisiertem und am Kind orientierten Unterricht hat das alles nichts mehr zu tun.“ Schließlich müssten sie auswendig erlernte Leistungen mit guten bis sehr guten Noten belohnen - wenn auch kopfschüttelnd. „Sie halten normierten Unterricht, orientieren sich an gemeinsam vereinbarten Probeninhalten und müssen abweichende Schülerfragen und -interessen beiseite schieben.

Für den BLLV forderte Wenzel einen anderen Lern- und Leistungsbegriff. „Wir dürfen aus unseren Kindern keine Lernroboter machen, die Wissen reinstopfen und bei Bedarf ausspucken.“ Lernen sei ein konstruktiver, individueller, kompetenzorientierter und kommunikativer Prozess. Lehrerinnen und Lehrer hätten die Fähigkeit, in diesem Sinne zu wirken und Kindern solche Lernprozesse zu ermöglichen.


Dateien:
20110223.pdf27 K

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