Bücherkisten gehen auf Reisen
BLLV startet Leseprojekt für Jungen / Vizepräsidentin Lucic: „Die meisten Buben lesen nicht gern oder freiwillig - das ist ein alarmierender Befund“
München - Nur 20% aller Jungen in Deutschland lesen gerne und tun dies freiwillig. Der überwiegenden Mehrheit geht so die Schlüsselkompetenz „Lesen“ verloren. Lesen fördert Textverständnis, Sprach- und Konzentrationsfähigkeit, Fantasie und Empathievermögen. Um Abhilfe zu schaffen, startet der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) ein zunächst für ein Jahr befristetes Leseprojekt. Es wendet sich an Jungen im Alter von sieben bis 15 Jahren. „Wir verschicken speziell zusammengestellte Bücherkisten auf die Reise durch ganz Bayern“, informierte die BLLV-Vizepräsidentin Waltraud Lucic im Vorfeld der Fachanhörung „Jungen lesen? Anders!“, die am Mittwoch in der BLLV-Geschäftsstelle stattfindet. Die Kisten werden auf Anforderung an alle bayerischen Schulen bis zur Sekundarstufe verschickt und sind mit rund 50 jungenspezifischen Büchern bestückt. „Sprachbeherrschung sei unverzichtbar, nur mit diesem Fundament könnten Kindern weitere Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben vermittelt werden“, betonte Lucic. Lesen habe für die Persönlichkeitsbildung eines Kindes und für seine seelische und geistige Entwicklung herausragenden Stellenwert. Umso erschreckender sei die Tatsache, dass die meisten Jungen nicht gerne lesen und darin mehr eine lästige Pflicht und weniger ein Vergnügen sehen. Der Befund sei alarmierend und heize die Debatte um soziale Benachteiligung von Jungen an. „Sie werden inzwischen von einigen Wissenschaftlern als die neuen sozialen Verlierer an den Schulen und Hochschulen betrachtet.“
Die Befunde sämtlicher PISA-Erhebungen zur Lesekompetenz von Jungen sind gleichbleibend alarmierend. Sie weisen durchgängig eine deutlich geringere Lesekompetenz auf als Mädchen. Nach wie vor würden Mädchen erhebliche Vorteile gegen über Jungen im Bezug auf ihre Lesekompetenz aufweisen, so lautet die Zusammenfassung im Pisa-Bericht 2009.
„Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Kindern Lust auf lesen zu machen“, erklärte Lucic. „Wir sind längst eine Internet- und Fernsehgesellschaft, keine Lesegesellschaft.“ So spielt Fernsehen im Alltag vieler Kinder eine zentrale Rolle. Laut KIM-Studie 2010 sehen 75 Prozent der 6 bis 13-Jährigen jeden oder fast jeden Tag in der Woche fern, durchschnittlich 98 Minuten pro Tag. 45 Prozent haben einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer. „Die Sendungen werden oftmals nicht konzentriert angeschaut, Kinder zappen vielmehr von Sender zu Sender. Es ist dann auch nicht verwunderlich, wenn sie sich im Unterricht kaum noch auf längere Texte konzentrieren können“, so Lucic. Hinzu komme, dass sich der einzelne im öffentlichen Raum auch ohne Lesen orientieren könne. „Vorherrschend ist eine Kultur der Bilder. Die Welt ist voll von Logos und Symbolen.“ Hinzu komme, dass Kindern das „positive Vorbild“ fehle. In vielen Familien spiele heute Lesen keine Rolle mehr, weil die Eltern selbst nicht lesen. Viele Erwachsene würden ihren Kindern auch nicht vorlesen. Genau dies aber könnte das Interesse bei den Kindern für Bücher wecken. Häufig fehlten Jungen auch männliche Sozialisationsvorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. „Lesekompetenz bei Kindern kann nur gestärkt werden, wenn alle - Eltern, Lehrer und verantwortliche Politiker - an einem Strang ziehen“, erklärte sie.
Mit dem Leseförderprojekt will der BLLV einerseits auf das Problem hinweisen, andererseits einen positiven Beitrag zur Verbesserung der Lesekompetenz von Kindern, insbesondere von Jungen, leisten. „Unser Ziel es, die Lust und Freude am Lesen zu wecken.“ Nur so kann die Vorstellungskraft gestärkt und das Tor zur Sprache, zum Denken und zum Lernen geöffnet werden. Dass das Lesen so wichtig ist für die Entwicklung von Kindern, hat nicht nur mit unserer Kultur zu tun, die voraussetzt, dass jeder lesen und schreiben kann. Es hängt auch damit zusammen, dass die Schriftsprache abstrakter ist als die mündliche Sprache und so die Phantasie und die Begriffsbildung besonders herausfordert“, sagte Lucic.
Schulen, die sich beteiligen wollen, können sich die speziellen Jungen-Bücherkisten ausleihen. Mit den Bücherkisten können Leseprojekte durchgeführt werden. Die besten Projekte werden bei einer Abschlussveranstaltung 2013 vorgestellt und prämiert.


