14. Februar 2012

Druck belastet Schüler, Eltern und Lehrer

Individualisierte Lern- und Förderpläne statt Zeugnisse

Die Zwischenzeugnisse sollten nicht überbewertet und in dieser Form möglichst bald abgeschafft werden. Mit diesem Appell richtet sich der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, an alle Eltern von Schulkindern. Eltern sollten sich klar machen, dass die Schule heutzutage viel von ihren Kindern verlange. „Besonders anstrengend waren die vergangenen Wochen für Grundschulkinder dritter und vierter Jahrgangsstufen, aber auch für Schüler, die Eingangsklassen von Gymnasien und Realschulen besuchen.“ Grundschulkinder vierter Klassen erhalten kein Zwischenzeugnis, „sie bekommen Anfang Mai ihr Übertrittszeugnis ausgehändigt“, erklärte Wenzel. „Um diese Zeit ist der Stress besonders heftig.“ Kinder würden krank, Eltern hysterisch, Lehrer verzweifelten an ihrem Beruf. Jedes Jahr wiederhole sich das gleiche Drama und nichts ändere sich. Er bezeichnete Zwischen- und Übertrittszeugnisse als Instrumentarien eines überholten Lern- und Leistungsbegriffes. Mit der Vermittlung von Kompetenzen, nachhaltigen Lernprozessen und der Förderung von Motivation hätten sie wenig zu tun. „Die in den Zeugnissen stehenden Ziffernnoten sagen nicht viel über den tatsächlichen Lernfortschritt Heranwachsender aus. Trotzdem entscheiden sie über Bildungsbiografien.“ Zeitgemäß wären stattdessen individualisierte Lern- und Förderpläne, ebenso Lehrpläne, die auf einzelne Schüler zugeschnitten werden könnten. 

 

Der BLLV-Präsident bezeichnete es als zynisch, wenn Kultus- und Familienministerium regelmäßig vor der Zeugnisvergabe auf Sorgentelefone und spezielle Notfalladressen hinweisen würden, um vermeintlich schlechten Schülern Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen. „Um wie viel sinnvoller wäre es denn, lange Zeit vorher dafür zu sorgen, dass Kinder solche Angebote gar nicht brauchen.“ Lehrerinnen und Lehrer wüssten sehr genau, wie sie ihren Schülern am besten helfen und sie tatsächlich individuell fördern könnten. „Doch sie bekommen die dafür erforderlichen Ressourcen wie Personal und Zeit nicht zur Verfügung gestellt.“ Darüber hinaus bräuchten sie auch wesentlich mehr pädagogische Freiheit.

 

Den alljährlich stattfindenden Kampf um den Übertritt an den Grundschulen bezeichnete Wenzel als „zermürbend für alle Beteiligten.“ Obwohl bekannt sei, dass Schulstress Lernmotivation lähme und für viele psychische wie physische Beschwerden verantwortlich sei, rücke das Kultusministerium nicht von dem Übertrittsverfahren ab. Sämtliche Reformen hätten den Druck nicht abgebaut - im Gegenteil: Die Situation verschlimmere sich von Jahr zu Jahr. „Es ist in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten verständlich, dass sich Eltern für ihre Kinder möglichst hohe Schulabschlüsse wünschen und im Gymnasium den Königsweg sehen.“ Leider blieben viele Kinder beim Versuch, diesen Weg erfolgreich zu gehen, auf der Strecke: „Sie werden krank, sie scheitern oder sie verlieren die Freude am Lernen.“ Ein Schulsystem, das solche Bildungsbiografien in Kauf nehme, sei nicht nur untauglich, „es ist vor allem auch unpädagogisch und lebensfeindlich“, kritisierte Wenzel und forderte ein Umdenken: „Es muss künftig an allen Schulen um Förderung und Integration gehen, nicht um Selektion.“  

 

Erneut forderte der BLLV-Präsident, überall dort, wo es gewünscht wird, Schulen zu gründen, die Kindern längeres gemeinsames Lernen ermöglichen und ihnen alle Wege offen lassen. „In solchen Schulen sind Mittlere Abschlüsse genauso möglich wie das Abitur. Ihnen liegt ein neues Lern- und Leistungsverständnis zugrunde, bei dem es um individuelle Erfolge geht und bei dem alle Kinder gefördert werden. Die Schulen sollen darüber hinaus echte Ganztagsschulen sein.“    

 

Für den Zeugnistag gibt Wenzel folgende Tipps: 

  • Gute Leistungen sollten anerkannt und nicht einfach übergangen oder als selbstverständlich angesehen werden.
  • Belohungen sind angebracht, sollten aber nicht unbedingt aus Geldgeschenken bestehen. Gemeinsam verbrachte Zeit ist wertvoller als jeder Geldschein.
  • Bei schlechten Noten sollten Eltern versuchen, ruhig zu bleiben und nicht zu schimpfen oder zu strafen.
  • Es empfiehlt sich, möglichst schnell das Gespräch mit den Lehrkräften zu suchen.
  • Gemeinsam mit dem Kind sollten Lösungen entwickelt werden. Es ist ratsam, beim Kind nachzufragen, woran es gelegen haben könnte und welche Unterstützung es wünscht.
  • Es muss auch nicht immer gleich ein Nachhilfeinstitut eingeschaltet werden. Lerngruppen, in denen sich die Kinder gegenseitig helfen, können eine hilfreiche Alternative sein.

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