BLLV fordert Intensivierungsstunden für alle Schüler und lehnt Noten in der zweiten Grundschulklasse ab
BLLV-Präsident Albin Dannhäuser: "Schüler brauchen mehr Förderung und weniger Noten" / Bei schlechten Zeugnisnoten helfen Strafen nicht weiter
München – Die Zeugnisvergabe zum Schuljahresende ist für die meisten Schüler ein Grund zu feiern, aber leider nicht für alle. Viele Kinder haben Angst vor schlechten Noten und vor der Reaktion ihrer Eltern. "Diese Entwicklung ist alarmierend", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Albin Dannhäuser, anlässlich der Zeugnisvergabe am Freitag. "Wenn Schüler Leistungsdefizite haben, sollten sie nicht durch schlechte Noten gedemütigt und demotiviert werden. Vielmehr sollte versucht werden, mit entsprechenden Fördermaßnahmen Defizite auszugleichen." Intensivierungsstunden, wie sie für das achtjährige Gymnasium geplant sind, muss es künftig für alle Schüler aller Schularten geben. Die Pläne des Kultusministeriums, bereits ab dem kommenden Schuljahr in zweiten Grundschulklassen wieder Ziffernnoten einzuführen, lehnt der BLLV ab. Die einjährige Erprobung an ausgewählten Schulen ist noch sehr unausgegoren. An die Eltern appellierte der BLLV-Präsident, bei schlechten Noten nicht überzureagieren, sondern gemeinsam mit dem Kind nach konstruktiven Lösungen zu suchen.
Im Mittelpunkt bildungspolitischer Reformen sollten Maßnahmen zur individuellen und gezielten Förderung von Schülern stehen. So müsste es zum Beispiel selbstverständlich sein, Intensivierungsstunden künftig auch allen Grund-, Haupt- und Realschülern anzubieten. Insbesondere müsse die kurze Grundschulzeit optimal genutzt werden. "Grundschulkinder brauchen nicht mehr Tests und härtere Noten, sondern mehr Hilfe, Förderung und Ermutigung", erklärte Dannhäuser. Die Erprobungsphase an 30 Modellschulen hat klar gezeigt, dass für eine differenzierte Beurteilung von Schülern immer noch die Voraussetzungen fehlen. Der Zeitaufwand steht in keinem Verhältnis zum Effekt. Bei vielen Eltern und Lehrern entsteht der Eindruck, dass die neue Notengebung unter dem Diktat der zu frühen Auslese steht.
Grundschullehrer/innen beobachten mit großer Sorge, dass Schüler zum Teil verzweifelt auf Note Drei reagieren. Der Auslesedruck setzt oftmals schon ab der ersten Klasse ein. "Kinder brauchen aber Zeit, um mit Neugier und Freude zu lernen und um sich in Ruhe entwickeln zu können." Dannhäuser wies darauf hin, dass Zeugnisnoten oder Wortgutachten nur wenig über generelle Begabungen oder Fähigkeiten eines Schülers aussagen. "Mit Ziffernnoten werden schulische Leistungen eines Schülers vorwiegend im Vergleich zu seinen Mitschülern bewertet. Sie geben keine Hinweise darauf, wie es um seine soziale Kompetenz bestellt ist, seine Kreativität, Originalität, Phantasie oder Ausdauer." Eltern, die sich kontinuierlich für den Schulalltag ihrer Kinder interessieren und sie aufmerksam durch die Schulzeit begleiten, sind von den Noten am Zeugnistag nicht überrascht. "Deshalb ist das Gespräch der Eltern während des Schuljahres mit ihren Kindern und deren Lehrerinnen und Lehrern hilfreicher als das große Staunen am Zeugnistag", betonte der BLLV-Präsident.
Gute Leistungen müssen natürlich anerkannt werden. "Die Freude der Eltern ist für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Motivationsschub", so der BLLV-Präsident. Bei einem guten Zeugnis sollte also nicht mit Lob gespart werden. Die Motivation darf aber im Falle schlechterer Leistungen nicht ausbleiben, sie muss sogar noch verstärkt werden. "Eltern sollten sich gemeinsam mit ihren Kindern beraten und festlegen, wie die Schulleistungen verbessert werden könnten. "Strafen sind mit Sicherheit der falsche Weg, Kinder zu ermutigen und anzuspornen. Sie zerstören Selbstvertrauen und lösen Versagensängste aus."
Rund 30 000 Schülerinnen und Schüler werden auch in diesem Schuljahr das Klassenziel nicht erreichen. Entwicklungsstörungen, schwierige Familienverhältnisse, der Tod eines Familienangehörigen, ein Umzug oder schlechte Lernbedingungen sind die häufigsten Ursachen für Schulversagen. "Immer mehr Kinder und Jugendliche werden mit ihren Problemen allein gelassen und sind völlig überfordert. "Sie brauchen besondere Hilfe und Unterstützung, nicht Drohungen und Sanktionen."
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