2. Juni 2017

Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)

Gesetzentwurf zur Änderung des BayEUG - Verbandsanhörung zur Einführung des neuen neunjährigen Gymnasiums in Bayern (G9) - Stellungnahme an das Kultusministerium am 2.6.2017

 

 

Der BLLV dankt für die Zusendung des Gesetzentwurfes zur Änderung des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen zur Einführung des neuen G9 und nimmt dazu wie folgt Stellung:

 

Der BLLV hat als einziger Verband seit dem Beginn der Diskussionen um das bayerische Gymnasium die gleiche Position vertreten: Es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität von Bildungsprozessen entscheidend.

Somit hat sich der BLLV auch nie gegen ein G8 oder ein G9 ausgesprochen. Wir werden uns damit auch nicht grundsätzlich gegen den vorliegenden Gesetzesentwurf, der lediglich auf die Einführung eines neunjährigen Gymnasiums abzielt, aussprechen.

Inwieweit das G9 den Erfordernissen eines Gymnasiums im 21. Jahrhundert gerecht wird, wird sich erst mit den Neuerungen der Schulordnung für die Gymnasien in Bayern (GSO) und dem überarbeiteten LehrplanPLUS zeigen.

Gleichwohl geben die im Vorblatt genannten bzw. auch nicht genannten Aspekte eine Richtung vor und erfordern eine kritische Würdigung.

Unter Punkt A „Problem“ werden mit der gestiegenen Heterogenität, der zunehmenden Digitalisierung, der gestiegenen Bedeutung der Naturwissenschaften und der fremdsprachlichen Kompetenzen sowie der hohen Meinungspluralität und der Bedeutung politischer Bildung allesamt Punkte angesprochen, die aus Sicht des BLLV schon seit Langem eine Weiterentwicklung nicht nur des Gymnasiums, sondern aller Schulen nötig machen.

Leider finden sich im Teil B „Lösungen“ kaum Ansätze, wie diese Punkte angegangen werden sollen. Der Begriff Heterogenität taucht bspw. im gesamten folgenden Text kein einziges Mal erneut auf.

 

Zu den Punkten im Einzelnen:

1.      Qualitätsanspruch

Dass die Qualität des Gymnasiums oberste Richtschnur bei seiner Weiterentwicklung ist, findet selbstverständlich die Zustimmung des BLLV.

 

2.   Gymnasium aus einem Guss

Die Punkte

·         Beginn der 2. Fremdsprache in Klasse 6,

·         Profilbildung in Jahrgangsstufe 8,

·         Mittlerer Schulabschluss mit Bestehen der Jahrgangsstufe 10

             finden die Zustimmung des BLLV.

 

3.    Individuelle Lernzeit

Lediglich in diesem Punkt finden sich Ansätze, wie mit der zunehmenden Heterogenität am Gymnasium in Zukunft umgegangen werden soll. Allerdings stellt das Überspringen an sich noch keine Neuerung dar. Diese Möglichkeit gab es schon immer. Neu ist die Möglichkeit, das Überspringen strukturiert, mit Unterstützung einer Lehrkraft als Mentor/in und mit bis zu vier zusätzlichen Unterrichtsstunden am Nachmittag in den Jahrgangsstufen 9 und 10 vorzubereiten. Dieser Neuerung, die Aspekte des vom BLLV vorgestellten Modulsystem aufgreift, kann der BLLV im Grundsatz zustimmen.

Offen bleibt allerdings, wie genau diese Begleitung umgesetzt wird. Unklar ist ebenfalls, wie diese bis zu vier Wochenstunden verteilt werden. Offenbar werden diese nicht auf alle Kernfächer verteilt, sondern lediglich auf Deutsch, Mathematik und die Fremdsprachen. Demnach erfolgt im Kernfach Physik genauso wenig eine Begleitung wie in den Sachfächern oder in den profilbildenden Kernfächern (selbst die dritte Fremdsprache wäre die fünfte – nicht vorgesehene – Zusatzstunde).

Darüber hinaus ist nicht klar, welche Inhalte in den Zusatzmodulen der Kernfächer in den Jahrgangsstufen 9 und 10 behandelt werden, damit die 11. Jahrgangsstufe ausgelassen werden kann. Sofern die Stoffprogression dort erhöht werden soll, ist fraglich, wie sich dies mit der weiterhin stattfindenden Teilnahme am Unterricht im Klassenverband verträgt.

Leider werden im Rahmen der individuellen Lernzeit neben den Schülerinnen und Schülern, die den Bildungsgang „normal“ durchlaufen, nur jene berücksichtigt, die ihn schneller durchlaufen wollen und können. Schülerinnen und Schülern, die mehr Zeit in bestimmten Fachbereichen oder aufgrund persönlicher Umstände (z.B. Umzug, Trennung der Eltern) nur temporär mehr Zeit benötigen, werden offenbar keine individualisierten Wege aufgezeigt. Individuelle Lernzeit müsste aber auch diese Aspekte berücksichtigen. Leider schweigt sich der Text auch komplett zur Frage des Wiederholens aus. Offenbar sollen im neuen G9 Schülerinnen und Schüler wieder alle Fächer einer Jahrgangsstufe wiederholen müssen, auch wenn sie nur in einem oder zwei Fächern die nötigen Kompetenzen nicht erworben haben. Hier wird die einmalige Chance vertan, einen großen Schritt in Richtung echter Individualisierung zu gehen.

Hier zeigt sich, dass es einfacher gewesen wäre, ausgehend vom G8 im Rahmen eines gesamten Modulkonzeptes individuelle Möglichkeiten des Dehnens anzubieten, anstatt ausgehend vom G9 nur eine einzige Möglichkeit der Beschleunigung anzubieten. So wäre eine echte Individualisierung mit mehreren unterschiedlichen Bildungsverläufen möglich gewesen und nicht nur eine Pseudoindividualisierung mit einem einzigen alternativen Weg durch das Gymnasium. Wir regen daher an, versuchsweise für eine Weiterentwicklung des Gymnasiums den Schulen vor Ort freizustellen, ob Sie ab Jahrgangsstufe 7 ein Modulsystem einführen wollen.

 

4.   Optionales Auslandsjahr

Das optionale Auslandsjahr entspricht in der Umsetzung dem Überspringen einer Jahrgangsstufe. Es gelten die im Vorpunkte genannten Argumente.

 

5.   Konzeptionelle Möglichkeiten

Kritisch sieht der BLLV die Aussage, wonach die zusätzliche Lernzeit „auch zur Behandlung zusätzlicher, d.h. neu aufzunehmender Inhalte im Sinne eines vertieften Kompetenzerwerbs genutzt werden“ sollen. Zwar erfolgten bei der Umstellung auf den    LehrplanPLUS teilweise Streichungen, die keinen Zeitvorteil erbrachten, aber das tiefere Verständnis eines Zusammenhangs erschweren.

Als Beispiel sei hier Punkt M11.3.2 des Fachlehrplanes Mathematik genannt, wonach gebrochen-rationale Funktionen nur noch behandelt werden, wenn sie in gekürzter Form vorliegen und sowohl Zähler- als auch Nennerpolynom maximal Grad 2 aufweisen. Durch diese Vorgabe wird nicht nur die Möglichkeit an Übungs- und Prüfungsaufgaben erheblich eingeschränkt. Darüber hinaus kann der Zusammenhang zwischen dem Grad der Polstelle und dem Vorliegen eines Vorzeichenwechsels in Analogie zum Grad der Nullstelle und dem dortigen Vorzeichenwechsel nicht mehr sinnvoll dargestellt werden. Dieser Zusammenhang richtet sich danach, ob die Polstelle einen ungeraden oder geradzahligen Grad hat. Da durch diese Einschränkungen aber nur noch Polstellen vom Grad eins oder zwei auftreten können, lässt sich die Frage nach der Geradzahligkeit nicht mehr sinnvoll motivieren.

Sofern solche Einschränkungen behutsam revidiert werden, kann sich der BLLV im Einzelfall damit anfreunden. Wir sprechen uns aber klar gegen die Aufnahme von neuem, zusätzlichem Faktenwissen in die Lehrpläne aus.

 

6.   Jahrgangsstufe 11

Die Beibehaltung des P-Seminars in der elften Jahrgangsstufe sieht der BLLV positiv. Auch eine Neuakzentuierung der Berufs- und Studienorientierung auf Basis des derzeit durchgeführten BuS-Teiles befürworten wir.

Kritisch sehen wir die Aussage, die 11. Jahrgangsstufe böte „Raum für eine Stärkung der digitalen und politischen Bildung“. Hier sehen wir die Gefahr, dass diese unbestreitbar wichtigen überfachlichen Elemente lediglich in einer Jahrgangsstufe, schlimmstenfalls als eigenes neues Fach behandelt werden sollen. Digitale und politische Bildung muss aber alle Jahrgangsstufen und ein möglichst breites Fächerspektrum umfassen. Wir regen daher erneut an, Fachlehrpläne und Stundentafel so zu gestalten, dass in jeder Jahrgangsstufe obligatorisch für mehrere Wochen die Grenzen zwischen bestimmten Fächern zugunsten fachübergreifender Themenprojekte aufgehoben werden.

 

7.   Stundentafel

Da noch nicht klar ist, wie genau die neuen Stundentafeln aussehen sollen, kann hier nur eine allgemeine Beurteilung abgegeben werden.

 

            7.1   Intensivierungsstunden

            Die Reduzierung des Pflichtunterrichts in den Jahrgangsstufen 6 und 7 auf 30 Stunden
            (ohne 3. Sportstunde) lässt vermuten, dass in diesen Jahrgangsstufen nur noch im
            Zusatzangebot Intensivierungsstunden eingerichtet werden.
            Damit würde ein bewährtes Mittel der Individualisierung aufgegeben werden.

 

7.2   Stundenausstattung

Dass in einem um ein Jahr verlängerten Bildungsgang kein Fach mit weniger Stunden ausgestattet wird, liegt auf der Hand und erfordert keiner eigenen Erwähnung.

Völlig unklar ist, wie die Stundenstreichungen in den einzelnen Jahrgangsstufen verbunden mit der Ausweitung von Stunden in den Kernfächern konkret umgesetzt werden sollen. Am Beispiel der 9. Jahrgangsstufe kann dies deutlich gemacht werden, wenn die bisherigen Stunden im G8 mit den „gesetzten“ Stunden im G9 verglichen werden, siehe folgende Tabelle „Stundentafel G 8“.

 

              Stundentafel G8:

Fach

Umfang G8

Umfang G9
Variante 1

Umfang G9
Variante 2

Religionslehre/Ethik

2

2

2

Deutsch

4

4

4

1. FS

3

4

3

2. FS

3

4

3

3. FS

4

4

4

Mathematik

4

4

4

Physik

2

2

2

Chemie

2

 

 

Biologie

2

 

 

Geschichte

2

 

 

Geographie

0

 

 

Wirtschaft und Recht

2

 

 

Kunst

1

 

 

Musik

1

 

 

Sport

2

2

2

Summe

34

26

24


 

Somit bleiben für sieben weitere Fächer lediglich vier bzw. sechs Unterrichtsstunden übrig. Wenn Informatik als Pflichtfach in allen Ausbildungsrichtungen eingeführt werden soll, verteilen sich diese Stunden sogar auf acht weitere Fächer. In der Konsequenz würde dies dazu führen, dass mehr Fächer als bisher im jährlichen Wechsel unterrichtet bzw. nicht unterrichtet werden. Dies würde nicht nur das kontinuierliche fachliche Lernen einschränken, sondern dadurch würde auch fachübergreifendes Arbeiten in mehrwöchigen Projekten, in denen obligatorisch die Fachgrenzen aufgehoben werden, deutlich erschwert, wenn nicht fast unmöglich gemacht.

 
 


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