Wie kommt die Inklusion in Bayern voran? Darüber diskutierten Experten und Politiker beim BLLV. Auf dem Bild (v.l.): Dr. Wolfgang Dworschak, Dr. Heide Hollmer, Thomas Gehring, Martin Güll, Dr. Fritz Schäffer.

31.10.2016

Inklusion meistern mit multiprofessionellen Teams

Experten und Politiker bei BLLV-Fachanhörung

 

Die Inklusion an Regelschulen meistern Lehrkräfte am besten mit Unterstützung zusätzlicher Fachkräfte. Doch die Zusammenarbeit im Team ist nicht immer ganz einfach. Unter welchen Voraussetzungen sie gelingen kann, diskutierten Experten und Landtags-Politiker bei der BLLV-Fachanhörung „Inklusion“.

 

Multiprofessionelle Teams: Chancen – Voraussetzungen – Hemmnisse

Die Zusammenarbeit von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften in multiprofessionellen Teams bietet viele Vorteile, wenn bestimmte Hemmnisse ausgeräumt werden, wie Prof. Dr. Erhard Fischer in seinem Einführungsvortrag erläuterte. Fischer ist Inhaber des Lehrstuhls für Sonderpädagogik an der Universität Würzburg.

 

Chancen bestehen Fischer zufolge in der Entlastung (u.a. durch gemeinsame Unterrichtsvorbereitung und Förderplanung),  in der geteilten Verantwortung (u.a. durch gemeinsame Elterngespräche),  in der fachlichen Bereicherung durch Wechsel der Perspektive  und durch höhere Motivation (Freude an Teamarbeit, kein Einzelkämpfertum).

 

Hemmnisse darstellen können unangemessene gegenseitige Erwartungshaltungen, unklare Definition von Rollen und Aufgabenteilung, fehlende Zeit für Absprachen und unterschiedliche berufs- bzw. professionsspezifische Kompetenzen.

 

Erkenntnisse aus der Forschung

Mittlerweile liegen auch erste Praxiserkenntnisse zur Arbeit von multiprofessionellen Teams vor. Die  Ergebnisse aus BIS, dem Begleitforschungsprojekt Inklusive Schulentwicklung, in Auftrag gegeben vom Bayerischen Landtag, sind ermutigend. Sie zeigen aber auch auf, wo Handlungsbedarf herrscht. Durchgeführt wurde die Langzeitstudie von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

Positive Erfahrungen zeigen sich vor allem in der zeitlichen Entlastung durch Kooperation, 91 Prozent der Lehrkräfte an allgemeinen Schulen erleben ein Lernen voneinander, 50 Prozent der Befragten sind zufrieden mit Umfang des gemeinsamen Unterrichts. Insbesondere die Freiwilligkeit wird als gewinnbringend für die Arbeit erlebt und die Lehrkräfte für Sonderpädagogik erleben Steigerung der Qualität des Unterrichts.

 

Fazit und Empfehlungen:

  • Ohne Bereitschaft zur Kooperation und zur Teamarbeit geht vieles nicht
  • Anerkennung für erhöhte Anforderungen insbesondere bei der Kooperation z.B. durch Anrechnungsstunden
  • Mehr Personalressourcen nötig; Ausstattung von allgemeinen Schulen muss auf das Niveau von Förderschulen gehoben werden
  • Stärkere Verankerung der Inklusion in der Lehrerbildung nötig
  • Ausbau der praxisorientierten Lehrerfortbildung
  • Kollegiale Fallberatung in der Schule unterstützen
  • Unterschiedliche Zieldimensionen der pädagogischen Arbeit erörtern
  • Gestaltung kooperationsfreundlicher Stundenpläne, langfristige Vorausplanung nötig

 

Schulbegleiter dürfen anderen Kindern nicht helfen

Schulbegleiter spielen in Bayern längst eine wichtige Rolle, wie Dr. Wolfgang Dworschak von der LMU München in seinem Referat aufzeigte. Aktuell gibt es ihm zufolge rund 5.000 SchulbegleiterInnen in Bayern. Nahezu alle SchülerInnen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erhielten in der Einzelintegration eine Schulbegleitung zur Seite gestellt, weiß der Experte für Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensstörungen.

 

In der Praxis werden sie oft als Lernhilfe eingesetzt, sind dafür aber meist nicht qualifiziert, wie Dworschak sagte. Das ist nicht das einzige Problem: „Schulbegleiter haben manchmal Leerlauf. Der Schüler schämt sich, der Erwachsene langweilt sich und die Lehrkraft fühlt sich oft von einem Erwachsenen im Klassenzimmer beobachtet“, berichtete Dworschak.

 

Der Schulbegleiter könnte aber auch flexible Hilfe für andere Schüler sein. Nötig wäre aus seiner Sicht eine Weiterentwicklung des Schulbegleiters zur klassen- und unterrichtsbezogenen Assistenzkraft. „Das ist derzeit in Bayern rechtlich nicht möglich. Das Aufgabenprofil muss angepasst werden.“


Inklusion in Bayern: Um diese Fragen, Themen und Statements drehte sich die BLLV-Fachanhörung.

Schulische Assistenz in Schleswig-Holstein

Dr. Heide Hollmer vom Ministerium für Schule und Berufsbildung in Schleswig-Holstein zeigte den Weg und die Entwicklungen von Inklusion und schulischer Assistenz im nördlichen Bundesland auf. Schleswig-Holstein konnte die Inklusionsquote in den letzten zwanzig Jahren von 22,5 auf mittlerweile 67 Prozent steigern. „Eine inklusive Schule verlangt substantielle Veränderungen im Verständnis von Schule, aber auch in ihrer Ausstattung und in ihrer Organisation, damit sie ihren pädagogischen Auftrag erfüllen und von allen Beteiligten uneingeschränkt akzeptiert werden kann“ betonte Hollmer.

 

Mit dem Schuljahr 2015/16 wurden an den Grundschulen des Landes Schulische Assistenzen eingeführt. Entscheidungsgründe hierfür waren die hohe Heterogenität der Schülerschaft, die kritische Phase des Übergangs von der Kita in die formalen schulischen Lernprozesse, die Entlastung von Lehrkräften, die Stärkung der Schnittstelle Schule –Jugend-bzw. Eingliederungshilfe und ein erster Schritt in Richtung Pools und Aufbau von multiprofessionellen Teams an den Schulen.

 

Die schulischen Assistenzen genießen laut Hollmer eine hohe Akzeptanz bei Kollegien, Schülerschaft und Eltern. Nach dem Schuljahr 2016/17 – d.h. nach zweijähriger Laufzeit – ist eine systematische Evaluation, gemeinsam mit den Kommunalen Landesverbänden vorgesehen.

 

Diskussionsrunde zur Schulassistenz und Schulbegleitung

Anschließend diskutierten Heide Hollmer, Wolfgang Dworschak,  die Landtagsmitglieder Norbert Dünkel (CSU), Martin Güll (SPD) und Thomas Gehring (Bündnis90/Grüne) den Stand der Inklusion und den Einsatz von Schulbegleitern in Bayern. Sie waren sich einig, dass Inklusion vor diesem Hintergrund eine gesicherte Grundlage und verbindliche Rahmenbedingungen braucht, da sie ansonsten nicht nachhaltig umsetzbar ist.

 

Zu klären bleibt, wie die Ressourcenfrage angegangen werden sollte. Denkbar wären sogenannten Pools nach dem Vorbild von Schleswig-Holstein. Diese Frage soll auch in den nächsten Sitzungen der interfraktionellen Arbeitsgruppe Inklusion des Landtags thematisch aufgearbeitet werden.

 

Der gute Wille allein genügt nicht

Doch der Weg von Schulbegleitung zur Schulassistenz ist offenbar ein weiter, wie die abschließende Expertendiskussion zeigte. Neben den drei Landtagspolitikern brachten Dr. Angela Ehlers von der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg, Jun-Prof. Daniel Mays aus Siegen, die Beauftragte der bayerischen Staatsregierung für die Belange für Menschen mit Behinderung Irmgard Badura und Astrid Lurz, Lehrkraft einer Schule mit dem Profil Inklusion ihre Ansichten ein.

 

Zwar kündigte Norbert Dünkel (CSU) an, binnen Jahresfrist einen Schritt weiter sein zu wollen. Doch die Runde machte deutlich: Weder ist zurzeit erkennbar, welche Richtung Bayern bei der Inklusion einschlagen will noch gibt es ein schlüssiges Konzept für deren Umsetzung. In der Lehrerbildung spielt das Thema nach wie vor kaum eine Rolle, den Schulen mangelt es an Personal. Den bayerischen Weg, pro Jahr hundert zusätzliche Stellen für die Inklusion zu schaffen, empfand Irmgard Badura, Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, deshalb als „sehr langwierig“.

 

Moderation des Nachmittags: Dr. Fritz Schäffer, Leiter der BLLV-Abteilung Schul- und Bildungspolitik.

 

 

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