Das BLLV- Kinderhaus: Ein Hort menschlicher Zuwendung und Hilfe
Um wenigstens den bedürftigsten Kindern zu helfen, wurde 1996 das BLLV- Kinderhaus „Casadeni“ gebaut, das auch von „Terre des Hommes“ und „Brot für die Welt“ unterstützt wird. Casadeni war anfangs vor allem ein Zufluchtsort für Waisenkinder aus abgelegenen Dörfern des Berglandes. Diese hatten ihre Elter durch Massaker der Guerilla-Organisation „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) und des Militärs verloren. Traumatisiert, ohne amtliche Dokumente und Spanischkenntnisse wurden sie von engagierten Frauen aufgegriffen und versorgt. Allen voran hat sich die heutige Direktorin des BLLV- Kinderhauses, Mariela Molinari Palomino, engagiert. Sie besitzt Universitätsabschlüsse in Psychologie, in Sozial- und Politikwissenschaft, war Abteilungsleiterin im Ministerium für Frauen und Entwicklung und ist jetzt im Ehrenamt Regionalbeauftragte für das Regierungsprogramm gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Zu ihr knüpfte 1995 über „Terre des Hommes“ der Geschäftsführer der BLLV- Kinderhilfe, Dieter Reithmeier, erste Kontakte.
CASADENI: eine Oase für die Ärmsten
Das BLLV- Kinderhaus „Casadeni“ (Casa de Nino) liegt wie eine Oase zwischen dem Stadtzentrum und einem Armenviertel. Hier finden 180 der ärmsten Kinder ein Zuhause. Ein 12- köpfiges Arbeitsteam kümmert sich um sie: Fachlehrer, Sozialpädagogen, Psychologen, Pädagogik-Studenten als Praktikanten und Ehemalige, aber auch manche Eltern im Ehrenamt.
Das Kinderhaus bietet Kindern in Notlagen Lebenshilfe an, orientiert sich an den Bedürfnissen jedes einzelnen und fördert es in seiner ganzheitlichen Entwicklung. Casadeni versteht sich als große Familie, in der alle Kinder als gleichberechtigte Persönlichkeiten respektiert werden, Selbstvertrauen gewinnen und eine Kultur des Vertrauens pflegen. Sie sollen erkennen, dass sie imstande sind, etwas zu lernen und zu leisten, um dadurch ihre Lebenssituation zu verbessern. – Diese Erfahrung steht im Gegensatz zur Erniedrigung, die sie oft im eigenen Elternhaus ertragen müssen. Dort wird ihnen nicht selten eingeredet, dass sie dumm und nichts wert seien, und dass sie vor allem an den miserablen Lebensverhältnissen ohnehin nichts ändern könnten.
Professionelle pädagogische und soziale Betreuung
Dieser Resignation setzt Casadeni eine Hoffnung entgegen. Das Kollegium arbeitet mit den Kindern äußerst professionell, einfühlsam, engagiert und systematisch nach einem erziehungswissenschaftlich begründeten und organisatorisch differenzierten Konzept, das die Schwerpunkte Hausaufgabenhilfe und individuelle Förderung, soziales Lernen, Produktion, Freizeit und Kultur sowie Kinderrechtsarbeit umfasst.
Die besonders bedürftigen Kinder werden an den Schulen ausgewählt und mit Zustimmung der Eltern aufgenommen. Casadeni legt über jedes Kind eine Akte an. Darin ist seine Biografie rekonstruiert: Arbeitsverhältnisse und Herkunft der Eltern, Zahl der Geschwister, Zustand der Wohnverhältnisse, Einkünfte bzw. Ausmaß der Armut, häufige Krankheiten. Aber auch alle notwendigen Informationen der Schule: Beobachtungen über das Sozial- und Lernverhalten, Leistungsstärken und –schwächen, körperliche und psychische Auffälligkeiten. Das Arbeitsteam in Casadeni erstellt – vor allem gemeinsam mit Psychologen und Ärzten - eine Diagnose und entwirft einen individuellen Entwicklungsplan. Verhalten und Fortschritte eines jeden Kindes werden systematisch beobachtet, registriert und regelmäßig im Team besprochen, um die weitere gezielte Förderung zu koordinieren.
CASADENI: Ein pädagogisches Modell für die Region
Bereits eine Viertelstunde bevor das BLLV-Kinderhaus seine Pforte öffnet, drängen sich die Kinder am schmiedeeisernen Tor. Sie warten ungeduldig auf Einlass, läuten immer wieder an der Glocke, klammern sich an die Gitterstäbe, schauen mit großen Augen in den Hof. Sobald sich das Tor öffnet, stürmen sie mit lautem Jubel in die Anlage. Dort begrüßen sie jeden Erwachsenen mit einer kurzen, unverstellten Umarmung.
Bildung als Schlüssel gegen Armut und Perspektivlosigkeit
Schulkinder müssen zuerst ihre Hausaufgaben erledigen. In einem großen Unterrichtsraum bilden sie Lerngruppen, in denen sie von Fachlehrern individuell betreut und gefördert werden oder sich gegenseitig helfen. Obwohl sich etwa 60 Kinder im Raum befinden, ist der Geräuschpegel ungewöhnlich niedrig. Sie arbeiten konzentriert, sorgfältig und ausdauernd. Diese Arbeitsdisziplin und –Atmosphäre ist an sich bereits ein enormer pädagogischer Erfolg, weil die Kinder solche Arbeitshaltungen von zuhause kaum kennen. Oft herrscht dort Unordnung, Streit und Gewalt. Auch Prügelstrafen sind keine Seltenheit. Die Kinder wissen, dass sie die tristen häuslichen Verhältnisse nur überwinden, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Besonders hilfreich ist es sicher auch für sie, dass „Casadeni“ eng mit ihren Schulen zusammenarbeitet.
Großen Wert legt BLLV- Kinderhaus auf soziales Verhalten. Die Regeln dazu werden von den Kindern selbst aufgestellt. Darin heißt es u.a.: „Keiner darf dem anderen weh tun, nicht beleidigen, nicht schädigen. Wir alle müssen aufeinander Rücksicht nehmen, uns respektieren und einander helfen.“ Ziele sind Selbstbeherrschung, Gruppenbewusstsein und Mitverantwortung.
In diesem Bereich „Freizeit und Kultur“ ist das BLLV-Kinderhaus ein Stück heile Welt. Das Gegenstück dazu ist der konsequente Kampf des Hauses gegen die Verletzung der Rechte von Kindern. Dieser wird mit den Kindern und Eltern in regelmäßigen Workshops konsequent thematisiert. Kinder sollen vor allem ihre Rechte kenne, die ider UN- Konvention von 1990 festgeschrieben sind: So das Recht auf Schutz vor Gewalt und Misshandlung, vor Ausbeutung und Missbrauch, das Recht auf Fürsorge nämlich soziale Sicherheit, Ernährung, Kleidung, Wohnung und Gesundheit, sowie das Recht auf Bildung, auf die Entfaltung seiner Begabungen, seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten.
"Kindgerechte Produktion“ ja. Schädigende Kinderarbeit nein
Diese sozialen Kompetenzen und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit eignen sich die Kinder auch im Sektor „Produktion“ an. Sie werden zu systematischen Arbeiten in Hauswirtschaft, Textilarbeit und Werken angeleitet. Das Kochen orientiert sich an der heimischen Küche. In der Textil- und Handarbeit fertigen sie Puppen und Puppenkleider an, besticken Stofftaschen und weben kleine Teppiche, nähen Röcke und Blusen. Leider steht ihnen dafür nur eine einzige Nähmaschine zur Verfügung. Im Werken formen und bemalen sie Vasen und Tiere aus Ton und stellen nützliche Gebrauchsgegenstände her: Brotkörbchen, Behälter für Schreibutensilien oder Schmuckkästchen.
Besonders vielfältig ist das Sortiment an originellen Glückwunschkarten und an Weihnachtsschmuck. Dadurch entwickeln die Kinder nicht nur ihre gestalterische Kreativität und Feinmotorik, sondern lernen durch den Verkauf ihrer Produkte auch unternehmerisches Denken. Die Mitarbeiter/innen in Casadeni wollen durch diese Art der „Produktion“ zeigen, dass Kinder durchaus arbeiten können und sollen. Aber sie bekämpfen jede Form schwerer, unwürdiger und entwicklungsschädigender Kinderarbeit.
Kinder werden über ihre Rechte aufgeklärt
Für die Rechte von Kindern wurden von Casadeni aus bereits mehrere politische Appelle an die Regierung gerichtet und einige Demonstrationen organisiert: Auf Transparenten wurde gefordert, endlich die Rechte von Kindern zu schützen und zu respektieren. Casadeni-Kinder marschierten zum Hauptplatz der Stadt, musizierten, tanzten, verschenkten Freundschaftsbänder oder Kleider an Kinder, die noch ärmer waren. Casadeni ist eingebunden in die Kinderrechtsorganisation “Movimento Nacional de Ninos y Ninas Adolescentes Trabajadores Organizados de Peru“. Ziel ist es, die Öffentlichkeit und Politik für die erschütternden Lebensverhältnisse zu sensibilisieren und die Verantwortlichen durch Öffentlichkeitsarbeit unter Druck zu setzen.
Mitarbeiter von Casadeni wirken aber nicht nur im Kinderhaus, sondern auch dort, wo Kinder arbeiten: Auf den Straßen, in den Märkten und Friedhöfen. Sie bauen zu den Kindern Vertauen auf, laden sie zum Essen ein, sprechen mit ihnen in Workshops über ihre Probleme. Sie regen zum gemeinsamen Sport und Spiel an, und zur Wahl ihrer Vertreter an, die mit ihnen Unternehmungen planen und durchführen. Zu diesen Treffen kommen täglich an den verschiedensten Orten 40 bis 80 Kinder und Jugendliche. Ein Großteil davon nimmt oft einen langen Fußweg auf sich, um die Lern- und Spielzeit im BLLV- Kinderhaus zu verbringen.
Sozial- und Bildungsarbeit in abgelegenem Andendorf
Einer besonders kräftezehrenden, pädagogischen und humanen Mission haben sich einige Mitarbeiterinnen Casadenis in dem zwei Stunden entfernten und auf 3.400 m hochgelegenen Andendorf Accoylla verschrieben. Das Dorf ist nur über eine Geröllstraße zu erreichen. Es wurde im August 2007 von einem Erdbeben nahezu vollkommen zerstört. Heute leben dort noch rund 350 Einwohner darunter etwa 70 Kinder unter primitivsten Verhältnissen: In kalten Steinhütten zusammen mit ihren Tieren, mit rationierten Wasservorräten, ohne medizinische Versorgung. Man bezahlt nicht mit Geld, sondern in Naturalien, die allerdings auf über 3.000m Höhe nur spärlich wachsen.
Allerdings haben die Menschen erkannt, wie wichtig Bildung für die Zukunft ihrer Kinder ist. Sie bauten eine Grundschule und schicken ihre Sekundarschüler täglich auf einen einstündigen Schulweg. Die Casadeni- Mitarbeiterinnen spielen und lernen mit den Jüngsten in einem kleinen Gemeindezentrum. Den Frauen zeigen sie das Nähen mit der Nähmaschine und sie besprechen mit ihnen Fragen zur Erziehung, Gesundheit , Hygiene – auch zu ihren Rechten, damit sie nicht alles unterwürfig ertragen, sondern Mut entwickeln, um sich gegenüber der Regierung zu artikulieren.
Innerhalb der letzten 15 Jahre kann das BLLV- Kinderhaus bemerkenswerte Erfolge vorweisen. Hunderte von Kindern wurden zu einem Schulabschluss geführt, haben gelernt zu schneidern, landestypische Musikinstrumente zu beherrschen, sich im traditionellen Kunsthandwerk zu üben, Theater zu spielen. Aber darüber hinaus noch mehr. Nänlich Selbstvertrauen zu gewinnen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, für ihre Rechte einzutreten und vor allem dem Teufelskreis bitterster Armut zu entfliehen.
Stolz auf sichtbare Erfolge
Dazu gehört zum Beispiel Freddy Tolero, 26 Jahre alt. Er hat vor einem Jahr sein Studium als Mathematiklehrer abgeschlossen und unterrichtet nun in den sechsten Klassen einer Grundschule. Seine Geschichte erzählt er in knappen Worten:
Als er 10 Jahre alt war, verschwand sein Vater plötzlich. Seine Mutter ging nach Lima und arbeitete als Hausmädchen. Deshalb musste er seine drei jüngeren Geschwister irgendwie durchbringen. Um Geld zu verdienen, verkaufte er Fische auf dem Markt. Zu seinem Glück wurde er in das BLLV- Kinderhaus aufgenommen. Casadeni wurde ihm schnell zum Zuhause. Hier bekam er nicht nur zu essen, Schulmaterial, Nachhilfe und psychologische Hilfe. Hier hat er vor allem gelernt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Bereits in der Sekundarstufe engagierte er sich auf regionaler und nationaler Ebene für die Rechte von Kindern. Nach dem Schulabschluss studierte er das Lehramt. Und immer, wenn er von Casadeni angefordert wird, gibt er dort Kindern gerne Nachhilfeunterricht, um etwas von dem zurückzugeben, was ihm das Haus als Kind geschenkt hat.
Dankbar sind aber auch die Eltern. Ein Vater formuliert dies knapp und unpathetisch: „Wir sind arm. Aber wir haben ein großes Potenzial an Intelligenz. Die Regierung lässt uns allein. Zum Glück bekommen wir Hilfe aus einem fernen Land. Das gibt uns und unseren Kindern Hoffnung.“
Die Vision: Nachhaltige Finanzierung und Hilfe zur Selbsthilfe
Das BLLV- Kinderhaus hat ein hohes Ansehen und gilt in Ayacucho inzwischen als „Leuchtturm“ für wirksame Betreuungs- und Bildungsarbeit im Dienste der Ärmsten und Schwächsten. Casadeni gilt als Modell, weil sich seine pädagogische Konzeption und bauliche Anlage an europäischen Standards orientiert. Zurzeit werden von der Stadt ähnliche Kinderhäuser eingerichtet. Mehrere Anerkennungsurkunden und sogar Preise erhielt Casadeni von unterschiedlichen Einrichtungen.
Einen stärkeren Beweis der Anerkennung kann man sich für das „PROJETO BLLV“, wie es in großen Lettern über dem Eingang steht, kaum denken. Das BLLV- Kinderhaus ist eine Gemeinschaftsleistung unzähliger Lehrer, Schüler, Eltern und großzügiger Unterstützer – wie die „Sternstunden“ des Bayerischen Rundfunks. Die Spenden aus Bayern sind sehr gut angelegt. Die Verantwortlichen vor Ort wirtschaften umsichtig, weisen jeden Soles in ihren Finanzbüchern akribisch nach und bestehen jede Finanzprüfung durch eine vereidigte Kanzlei.
Nachhaltige Hilfe ist dringend notwendig
Casadeni hat den Ehrgeiz, sich in einigen Jahren weitgehend selbst zu finanzieren. Dazu gehören vor allem laufende Personalkosten von ca. 60.000 Euro pro Jahr. Ein Teil dieses Finanzbedarfs könnte z.B. erwirtschaftet werden durch Kauf von Nähmaschinen zum Aufbau einer Schneiderei und durch die Einrichtung einer Bäckerei. Hier könnten Jugendliche vor allem einen Beruf erlernen. Dazu bedarf es jedoch weiterer 40.000 Euro.
Visionen der Direktorin Mariela Molinari
Zur Vision der Leiterin Mariela Molinari gehört auch die Aufstockung des Haupthauses für weitere Unterrichtsräume und die Einrichtung von Unterkünften für sexuell missbrauchte Mädchen. Entsprechende Baupläne – von der Stadt Gebühren frei genehmigt - liegen bereits vor.
Abschied von Casadeni rührt das Herz an. Die Kinder bilden einen großen Kreis, sie singen Abschiedslieder, viele treten vor, kleiden ihren Dank in Gedichte oder in eine kurze Rede. Es gibt viele Umarmungen und selbst gestaltete Schmuckkarten: „ Con mucho cariño“, „Gracias por tu visita te esperamos pronto." Mit viel Liebe. Danke für Deinen Besuch. Komm bals wieder!"
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