SPRACHE. SCHRIFTSPRACHE. BILDUNGSSPRACHE.

Klassen mit Flüchtlingskindern und neu zugewanderten Kindern unterstützen – das Projekt „Sprache. Schriftsprache. Bildungssprache. (SSB!)“    

Hintergrund  

Zu Beginn des Schuljahrs 2016/2017 lag der Anteil der Grundschülerinnen und Grundschüler mit Migrationshintergrund in München bei 48,65 % (vgl. Gemeinsame Pressekonferenz der Leiterin des Staatlichen Schulamts und der Stadtschulrätin am 12.9.2016). Auch und gerade die große Zahl an Kindern mit Fluchthintergrund, die 2015/2016 zusätzlich in das Bildungssystem aufgenommen wurden, stellt die Münchner Schulen vor besondere Aufgaben.  

Übereinstimmend wird Migration als „multidimensionale Herausforderung und Chance“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016, 15) gesehen. Die Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016, 199) nennt zwei Prämissen, „für die man einen breiten Konsens in Politik und Gesellschaft voraussetzen kann: dass Integration von zugewanderten Schutz- und Asylsuchenden in die deutsche Gesellschaft aus humanitären, sozialen und ökonomischen Gründen unabdingbar ist, und dass dem Bildungs- und Ausbildungswesen für diese Integration eine zentrale Rolle zukommt“. Den Berichten auf allen Ebenen ist gemein, dass sie die Bedeutung der deutschen Sprachkenntnisse für eine erfolgreiche Bildungsintegration hervorheben. „Der Beherrschung der deutschen Sprache kommt eine Schlüsselrolle für die Integration in das Bildungssystem und für die gesellschaftliche Teilhabe zu.“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016, 166).  

Dabei gilt die Aufmerksamkeit sowohl dem Erwerb der gesprochenen als auch der geschriebenen Sprache (vgl. Sigel/Inckemann 2017). Besondere Bedeutung kommt außerdem der „Bildungssprache“ als Medium von Wissenstransfer, als Werkzeug des Denkens und als Eintritts- und Visitenkarte zu (vgl. Morek/Heller 2012).Gerade bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund ist es wichtig, bildungssprachliche Kompetenzen gezielt zu fördern, wie z. B. die Fähigkeit, komplexe Sätze zu verstehen, Nominalisierungen und Komposita zu nutzen, Passiv und Konjunktiv zu verstehen und zu gebrauchen (vgl. Feilke 2012).    

Konzeption des Projekts „Sprache. Schriftsprache. Bildungssprache. Förderung von Kindern mit Fluchterfahrung und neu zugewanderten Kindern (SSB!)“  

Vor dem Hintergrund der besonderen Situation in der Landeshauptstadt München entstand im Herbst 2015 in Kooperation zwischen dem MLLV und der LMU München das Konzept „Lernpaten unterstützen Klassen mit Flüchtlingskindern (LUK!)“. Grundidee dieses Konzeptes war, dass zwei „Lernpaten“ (Lehramtsstudierende und Studierende BA/MA Pädagogik) für die Dauer eines Schul(halb)jahres jeweils an einem Schulvormittag (5-6 Unterrichtsstunden) in eine Klasse (Übergangsklasse, Regelklasse mit Flüchtlingskindern) kommen und die Lehrkräfte bei der Förderung der Kinder unterstützen. Das Projekt LUK! wurde in den Schuljahren 2015/16 und 2016/17 vom KM und der SWM-Bildungsstiftung mit insgesamt rund 233.000 € gefördert, so dass von März 2016 bis Juli 2017 rund 600 Kinder in 35 Klassen unterstützt werden konnten.  

Auf der Basis der Erfahrungen aus LUK! wurde das Projekt „Sprache. Schriftsprache. Bildungssprache. Förderung von Kindern mit Fluchterfahrung und neu zugewanderten Kind ern (SSB!)“ entwickelt, das an Münchener Grund- und Mittelschulen im Schuljahr 2017/18 umgesetzt wird:

 

  • Zwei Studierende unterstützen für die Dauer eines Schul(halb)jahres jeweils an einem Schulvormittag (6 Unterrichtsstunden) eine Klasse (Übergangsklasse, Deutschförderklasse, Regelklasse mit Flüchtlingskindern)
  • Die Studierenden arbeiten gemeinsam mit der Lehrkraft mit der gesamten Klasse (Teamteaching), führen Kleingruppen- und Einzelförderung durch.
  • Im Schuljahr 2017/18 sind 40 Lernpaten (Lehramtsstudierende und Studierende BA/MA Pädagogik) in 20 Münchner Klassen tätig.
  • An einigen Schulen, die besonders viele neu zugewanderte Kinder aufgenommen haben und an denen zu Beginn des Schuljahres 2017/18 mehrere Übergangsklassen oder Deutschförderklassen eingerichtet sind, werden jeweils 4 Studierende „gebündelt“. Bei 4 Studierenden je Schule besteht die Möglichkeit, im Laufe des Schuljahres den Übergang von Kindern aus den Übergangs- bzw. Deutschförderklassen in Regelklassen flexibel zu begleiten.
  • Inhaltlich wird die Grundidee um den Begriff Bildungssprache erweitert.
  • Die Studierenden werden in einer Lehrveranstaltung auf die Tätigkeit vorbereitet und begleitet.
  • Die Studierenden werden für die Tätigkeit als Lernpate bezahlt und haben die Möglichkeit, die Mitarbeit am Projekt in ihrem Studium anrechnen zu lassen.
  • Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert.      

 

 

Partner und Förderer  

Das Projekt „Sprache. Schriftsprache. Bildungssprache. Förderung von Kindern mit Fluchterfahrung und neu zugewanderten Kindern (SSB!)“ ist ein Kooperationsprojekt von LMU München und MLLV. Das Projekt wird im Schuljahr 2017/18 vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und der Stiftung Gewinnspar-Verein der Sparda-Bank München e. V. mit insgesamt rund 158.000 € gefördert, außerdem wird es von der Regierung von Oberbayern, dem Staatlichen Schulamt in der Landeshauptstadt München und der MLLV Bildungsstiftung unterstützt.  

Die Erfahrungen aus LUK! (Lernpaten unterstützen Klassen mit Flüchtlingskindern) und SSB! (Sprache. Schriftsprache. Bildungssprache. Förderung von Kindern mit Fluchterfahrung und neu zugewanderten Kindern) verweisen eindringlich darauf, dass langfristig angelegte Projekte mit Schul- und Forschungsbezug nur in einem kooperativen Netzwerk aus Wissenschaft, verschiedenen Ebenen der Bildungsadministration und Schulen gestaltet werden können. Ein ganz besonderes Dankeschön gilt dem Staatssekretär Georg Eisenreich, der die Projekte LUK! und SSB! seit 2015 unterstützt und dabei stets eher die Chancen betonte und weniger die Schwierigkeiten in den Mittelpunkt stellte. Unser herzliches Dankeschön gilt ebenso Herbert Püls, Walter Gremm, Dr. Robert Geiger, Dr. Gisela Stückl, Maria Wilhelm und Helmuth Krück vom Kultusministerium, Anne Schultheis von der Regierung von Oberbayern, Alexandra Brumann und Christiane Steudemann vom Staatlichen Schulamt München und Christine Miedl von der Stiftung Gewinnspar-Verein der Sparda-Bank München e. V. .    

 

Team

  • Prof. Dr. Elke Inckemann: Grundschullehrerin, seit 2011 Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der LMU München (elke.inckemann@gmx.de)
  • Dr. Anne Frey: Diplom-Psychologin, seit 2005 Dozentin am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der LMU München (anne.frey@edu.lmu.de)
  • Cornelia Prestel: Studium LA Grundschule/Schulpsychologie im Juni 2017 erfolgreich abgeschlossen, seit September 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin  

 

 

 

Literatur Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016): Bildung in Deutschland 2016. Bielefeld: Bertelsmann. Feilke, H. (2012): Bildungssprachliche Kompetenzen – fördern und entwickeln. In: Praxis Deutsch, 233, S. 4-13. Gemeinsame Pressekonferenz der Fachlichen Leiterin des Staatlichen Schulamtes und der Stadtschulrätin, 12.9.2016. Verfügbar unter www.schulamt-muenchen.musin.de/index.php (Zugriff am 4.9.2017). Morek, M./Heller, V. (2012): Bildungssprache – Kommunikative, epistemische, soziale und interaktive Aspekte ihres Gebrauchs. In: Zeitschrift für angewandte Linguistik, 2012, 67-101. Sigel, R./Inckemann, E. (2017): Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund im Sprach- und Schriftspracherwerb. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.  

Prof. Elke Inckemann

Waltraud Lučić  

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