Das BLLV-Kinderhaus in Peru: Ein Zuhause für die Ärmsten

Albin Dannhäuser in CASADENI

Albin Dannhäuser berichtet aus Ayacucho

Unter Ehrenpräsident Albin Dannhäuser wurde im Jahr 1995 die BLLV-Kinderhilfe gegründet. Weltweit wurden zahlreiche humanitäre Projekte für bedürftige Kinder und Jugendliche finanziert. Albin Dannhäuser hat im September das Projekt besucht, das die BLLV-Kinderhilfe bereits am längsten fördert: Das Kinderhaus CASADENI in Ayacucho, Peru. Tief beeindruckt hat erfolgenden Bericht geschrieben.

 


Unwürdige Arbeit, Ausbeutung und Missbrauch von Kindern

Escriba Ayala ist zehn Jahre alt. An Samstagen und Sonntagen setzt er um 8 Uhr seinen Schulranzen auf und fährt zusammen mit zwei seiner Brüder – Artenio (13) und Clinton (8) - im Bus zum Friedhof „Gianina“. Dort packen sie keine Bücher aus, sondern kleine Plastikeimer und Putzlappen. Sie suchen Arbeit als Helfer bei der Pflege von Gräbern, um ein paar Soles zu verdienen.  Nelson wirbt  – wie etwa 25 weitere Buben – um Friedhofsbesucher. Er positioniert sich strategisch günstig an einem Blumenständ und ankommenden Taxis und spricht die Grabbesucher an. Allerdings wird er oft mit einer abschätzigen Handbewegung abgewiesen. Er muss viele Absagen wegstecken, weiter werben und weiter warten. Länger als eine Stunde bettelt er um Arbeit. Er hofft auf den Nachmittag.

 


Nelson (10) muss Geld verdienen

"Da kommen mehr Leute“, tröstet er sich. Plötzlich findet er doch eine Kundin, heftet sich an ihre Fersen. Am Grab steigt er eine Leiter hinauf, nimmt verwelkte Blumen  aus der Nische, wischt den Schmutz sorgfältig weg und stellt frische Blumen hinein. Dafür erhält er 20 Centimos. Er strahlt einen Augenblick lang über das ganze Gesicht! Dann sucht er sofort neue Auftraggeber. Mittags hat er bereits 2 Soles verdient. Ein Teller Suppe kostet 3 Soles. Diesen kauft er sich aber nicht, sondern bringt das Geld nach Hause. Seine Familie braucht  es dringend für den Lebensunterhalt.

 


Leben am Existenzminimum

Nelsons Familie wohnt mit vier Kindern in einer Zwei-Zimmer-Hütte aus Erdziegeln. Der Fußboden besteht aus Lehm. Die Kochnische ist durch eine Zeltplane abgetrennt. Im Schlafraum befinden sich drei Liegen – für 6 Personen!  Die Hütte ist notdürftig mit rostigem Wellblech bedeckt. Sie befindet sich in einem riesigen Armenviertel am Berghang. Die Eltern flohen Anfang der 90er Jahre aus einem Dorf in den Anden, in dem viele junge Männer von den Guerillas oder Militärs umgebracht worden waren.

Der Vater ist Analphabet, ohne feste Arbeit – nur manchmal Handlanger am Bau. Er spricht leise und monoton, wirkt lethargisch. Die Mutter verkauft auf dem Markt Kekse und andere Süßigkeiten. Dass ihre Kinder arbeiten und Geld verdienen müssen, empfindet sie als selbstverständlich: „Kinder müssen lernen, mitzuhelfen. Es geht nicht, dass sie sich nur aushalten lassen!“ Im Monat treibt die Familie rund 100 Soles auf. Das entspricht 25 Euro. 50 Soles kosten Wasser und Strom. 50 Soles bleiben für Essen  - vorwiegend Gemüse, Mais, Getreide und Milch - und Schulmaterial. Natürlich reicht das Geld nicht aus. Die Familie muss Schulden machen. Weiß aber nicht, wovon sie diese bezahlen soll.

 


Jeder Tag ein Kampf um's Überleben

So wie Nelson geht es Tausenden von Kindern in Ayacucho und Peru. Sie führen mit ihren Familien in armseligen Hütten einen Kampf ums Überleben. Sie müssen irgendwie Geld verdienen und arbeiten. Fünf bis acht Stunden am Tag. Sie putzen Schuhe und verkaufen an Straßen und auf Märkten nahezu alles: Von Textilen und Haushaltswaren über  Obst, Eier, Getränke, Snacks, Gewürze bis hin zu Vorhangschlössern, Mottenpulver oder Rattengift.  


Besonders hart müssen jene sieben- bis 16-jährige schuften, die auf Schubkarren von morgens fünf bis 11 Uhr mittags schwere Lasten von Großlieferanten zu Verkaufsständen oder Restaurants transportieren: Kisten voller Obst,  Säcke mit Kartoffeln, Mais, Mehl, Zwiebel, Viehfutter. Nicht wenige Kinder werden in den Ferien als Helfer zur Koka-Ernte in den Norden des Landes geschickt  oder als Prostituierte feilgeboten. Die Dunkelziffer bei Gewalt und Missbrauch ist hoch.

 


Kein Zuhause, keinen Halt, keine Zukunft

„Kinder sind nichts wert“, hört man immer wieder. Viele sind verwahrlost, emotional unterentwickelt, verschlossen, misstrauisch. Es fehlt ihnen das Gespür für soziale Regeln, oft bilden sie in den Stadtvierteln Banden, konsumieren Alkohol und Drogen, rutschen ab in die Kriminalität. Viele Kinder sind sich selbst überlassen. Sie haben kein Zuhause, keinen Halt, keine Zukunft.