Rita Hagl-Kehl (SPD), kandidiert als einziges BLLV-Mitglied für den Bundestag. Foto: privat

07.09.2017

"Vielen ist das Wahlrecht nichts mehr wert"

Gespräch mit Rita Hagl-Kehl, die als einziges BLLV-Mitglied für den Bundestag kandidiert

 

 

Rita Hagl-Kehl aus Grafenau (Lkr. Freyung) hat 2013 ihre Schultasche gegen die Aktentasche eingetauscht, um sich als Bundestagsabgeordnete in Berlin für ihre niederbayerische Heimat einzusetzen. Die Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte ist seit ihrem Lehramtsstudium in Passau BLLV-Mitglied. „Aus Überzeugung“, wie sie sagt. Sie fühle sich im Verband nicht nur wohl, viele Ziele und Forderungen des BLLV deckten sich mit ihren Überzeugungen.

 

Auch in der nächsten Legislaturperiode möchte die 46-Jährige wieder als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag einziehen und ihre Arbeit fortsetzen. Als einziges BLLV-Mitglied kandidiert sie für das Parlament. Wir haben die Sozialdemokratin vor der Wahl zu einem Interview getroffen. 

 

 

Vor vier Jahren sind Sie in den Bundestag eingezogen: Vermissen Sie ihr altes Leben manchmal?

 

Hagl-Kehl: Ich war sehr gerne Lehrerin. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich eine „Spätberufene“ war und mir gut überlegt habe, ob ich mich für diesen Beruf entscheiden soll. Ich hatte eine Ausbildung als Damenschneiderin, später dann mein Abitur an der Abendschule nachgeholt und zwei Kinder. Da geht man anders an die Berufswahl ran als frisch von der Schule. Ich habe mich auch bewusst für Lehramt Gymnasium entschieden und bewusst für meine Fächer Deutsch und Geschichte.

 

Oh, derzeit eine sehr schlechte Fächerkombi. Viele Kolleginnen und Kollegen mit Lehramt Gymnasium stehen mit diesen Fächern auf der Straße.

 

Hagl-Kehl: Meine Entscheidung, Lehramt Gymnasium mit dieser Fächerkombination zu studieren, war damals schon auch sehr gewagt: Als ich 2000 mit dem Studium begonnen habe, brauchte man überhaupt keine Gymnasiallehrer. Jeder hat mich gefragt, ob ich verrückt sei, gerade das zu studieren. Aber mir war klar, dass ich lieber mit älteren Kindern und Jugendlichen arbeiten wollte und genau die beiden Fächer haben mich auch am meisten interessiert. Ich hab dann zusätzlich noch Politikwissenschaften als Magisterfach dazu genommen, um vielleicht später dann doch noch etwas anderes machen zu können, falls es mit Lehramt wirklich nicht klappt. Aber als es Richtung Staatsexamen ging, war klar, dass meine Chancen für den Schuldienst sehr gut stehen. Da haben sie fast jeden genommen, der das Staatsexamen geschafft hat. So viel zur Lehrerbedarfsprognose.

 

Der BLLV hat 2016 das Manifest „HALTUNG ZÄHLT“ veröffentlicht – um unsere Gesellschaft vor Spaltung, Brutalität und Rücksichtslosigkeit sowie Radikalisierung und Gewalt zu schützen. Auch Sie engagieren sich in dieser Hinsicht sehr.

 

Hagl-Kehl: Ja, ich bin in der Arbeitsgruppe Strategien gegen Rechtsextremismus der SPD-Fraktion aktiv. Experten außerhalb des Bundestags informieren uns regelmäßig darüber, wohin die gesellschaftliche Entwicklung geht und was in den rechtsextremen Szenen los ist, zum Beispiel, wie die ihr Gedankengut auf unseren Schulhöfen verbreiten. Natürlich gehen wir im Arbeitskreis auch der Frage nach, wie wir die Entwicklungen einbremsen können. Uns war es deshalb sehr wichtig, das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ aufzuwerten und mit mehr Geld auszustatten, sodass wir damit mehr und mehr Menschen erreichen können. Das halte ich für sehr wichtig, denn das Demokratieverständnis in unserer Bevölkerung ist doch nicht so groß ist, wie man immer glaubt.

 

Eine Erkenntnis, die auch der BLLV teilt und deshalb mehr Demokratieerziehung an der Schule einfordert.

 

Hagl-Kehl: Als Geschichtslehrerin liegt mir auch viel daran, Schülern den unschätzbaren Wert der Demokratie zu vermitteln. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir mehr Demokratieunterricht in der Schule bräuchten, sei es über die Fächer Geschichte oder Sozialkunde oder andere Fächer. Wir müssen unseren Schülern besser vermitteln, wie wertvoll es ist, in einer Demokratie leben zu dürfen und wie hart das hier erkämpft wurde. Wenn ich mir die Wahlbeteiligung in Niederbayern so ansehe – bei der letzten Bundestagswahl lag die in Niederbayern nur bei 60 Prozent - dann ist das erschreckend wenig. Vielen ist ihr Wahlrecht wahrscheinlich nicht mal mehr etwas wert.

 

Was haben Sie sich für die nächste Legislaturperiode vorgenommen?

 

Hagl-Kehl: Mir liegt viel daran, dass wir weiterhin gegen das Kooperationsverbot in der Bildungspolitik arbeiten, damit unsere Kinder in ganz Deutschland dieselben Bildungsvoraussetzungen haben. Es ist eine Katastrophe, wenn Eltern mit schulpflichtigen Kindern in ein anderes Bundesland umziehen. In meiner Dienstzeit als Lehrerin hatte ich eine Schülerin aus Hessen bekommen. Ganz ehrlich: Das war für das Mädchen kein Spaß, nach Bayern zu kommen. Ich will mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass die Lehrpläne der Länder und auch die Prüfungen angeglichen werden. Wir sollten auch weiterhin daran arbeiten, dass Bildung von der Kita bis zum Studium frei ist. Das ist für mich auch Familienförderung, um nur einige wenige Punkte zu nennen.

 

Fragen: Claudia Rothhammer

 

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