Münchner Schulpreis 2017

1. Preis für die SchlaU!-Schule

Im Gespräch mit Schulleiterin Antonia Veramendi  

MLZ: Herzlichen Glückwunsch Ihnen und Ihrem Team zu diesem eindrucksvollen Erfolg, Frau Veramendi! Ihre Schule ist als Einrichtung, die ausschließlich junge unbegleitete Flüchtlinge aufnimmt, selbst in der vielfältigen Münchner Schullandschaft einzigartig. Die Juroren heben hervor, dass es Ihrer Schule in besonderer Weise gelingt, von den Schülerinnen und Schülern als „Heimat“ und „Familienersatz“ wahrgenommen zu werden. Was trägt im Alltag an Ihrer Schule dazu bei?  

Antonia Veramendi: Von Familienersatz zu sprechen ist einerseits vermessen, da wir an diese Bedeutung natürlich nicht heranreichen können. Andererseits wurden viele unserer Schülerinnen und Schüler in schmerzhafter Weise von ihren Familienangehörigen getrennt und besitzen hier keine vertrauten Bezugspersonen mehr. Insofern spielen die Bezugspersonen in der Schule, die Lehrkraft oder der Schulsozialarbeitende, tatsächlich eine wichtige Rolle. Dazu trägt auch eine sehr wertschätzende Haltung gegenüber den Jugendlichen bei und das echte Interesse an ihrem individuellen Schicksal. Außerdem erhalten sie hier Unterstützung und Orientierungshilfe, welche sie in der völlig neuen Umgebung und unter ihren prekären Lebensumständen dringend benötigen.  

MLZ: Die SchlaU-Schule wird von einem Verein getragen. In wiefern unterscheiden sich die materiellen und personellen Rahmenbedingungen von denen staatlicher Schulen?  

Antonia Veramendi: Ein großer Unterschied ist, dass wir keine Regelfinanzierung erhalten, sondern uns größtenteils von Projektantrag zu Projektantrag hangeln müssen. Das bedeutet zum einen, dass wir allein für die Sicherung der Finanzierung erhebliche Anstrengungen leisten müssen. Es bedeutet absurderweise aber auch, dass wir versuchen für unsere Schülerinnen und Schüler Stabilität und sichere Zukunftsperspektiven aufzubauen, während wir selbst ohne eine langfristige finanzielle Sicherheit auskommen müssen. Das verlangt uns einiges an Idealismus ab. Ein zweiter Unterschied liegt aber auch in den konzeptionellen Freiräumen, die wir durch die freie Trägerschaft besitzen. Diese erlauben uns, sofern wir die Mittel dafür aufbringen können, unser umfängliches Konzept von der Alphabetisierungsstufe über den Schulabschluss bis zur Nachbetreuung mit einem multiprofessionellen Team umzusetzen.         

MLZ: Das Gutachten hebt hervor, dass „bei den Lehrkräften genauso wie bei der Schulsozialarbeit ein weit überdurchschnittliches Engagement für die Gestaltung des Unterrichts und der Betreuung zu spüren“ ist. Was erhält diese hohe Motivation im anstrengenden Alltag aufrecht?  

Antonia Veramendi: Das sind vor allem die kleinen Erfolgsmomente, für die sich jede Mühe lohnt. Zu sehen, wie jemand, der alles bis hin zu seinem Selbstvertrauen verloren hat, wieder Mut fasst. Ein Klassenausflug, auf dem herzlich gelacht wird und die existentiellen Ängste in den Hintergrund rücken dürfen. Die ersten geschriebenen Sätze. Ein bestandener Schulabschluss. Zugleich ist es aber auch die tiefe Überzeugung davon, dass wir mit unserer Arbeit neben den individuellen Perspektiven zu Grundsätzlichem beitragen können: zu einer pluralistischen, inklusiven und gerechteren Gesellschaft, zur Verteidigung der Menschenrechte und zu nachhaltigem gesellschaftlichem Frieden.  

MLZ: Die Jury stellt fest, dass eine „optimale Förderung aller Schülerinnen und Schüler durch die Weiterentwicklung der Lern- und Qualitätsstandards“ erreicht wird. Wie sieht diese konkret aus?  

Antonia Veramendi: Wir versuchen sowohl die bisherigen Unterrichtserfahrungen, die Lebenslagen der Schülerinnen und Schüler, als auch neue vom Gesetzgeber oder den Ausbildungsunternehmen an uns herangetragene Herausforderungen in die Weiterentwicklung des Unterrichts und der Lernangebote einfließen zu lassen. Bei der Erstellung von Tests und Unterrichtsmaterial oder bei der Wahl der Unterrichtsmethoden spielen Aspekte der kultur- und traumasensiblen Pädagogik ebenso eine Rolle wie die schulischen Vorerfahrungen und die Ansprüche an eine spätere Berufsausbildung. Wichtig ist uns außerdem, auf die individuellen Förderbedarfe einzugehen. Das setzt eine gute Förderdiagnostik und einen interdisziplinären Austausch über entsprechende Unterstützungsmaßnahmen voraus.  

MLZ: Die Schule hat es geschafft, neben zahlreichen externen Kooperationspartnern auch über 300 Ehrenamtliche zu gewinnen, die sich vor allem in der Förderung der Schüler engagieren. Unter welchen Voraussetzungen ist dieses Engagement für alle Beteiligten auf Dauer ein Gewinn?  

Antonia Veramendi: Die Ehrenamtlichen erteilen vor allem Nachhilfe. Meistens treffen sich ehrenamtliche Nachhilfekräfte und Schülerinnen und Schüler einmal pro Woche, um den gelernten Unterrichtsstoff eines bestimmten Fachs zu wiederholen. Um dorthin zu gelangen ist jedoch eine intensive und kompetente Begleitung notwendig. Die Ehrenamtlichen benötigen Informationen zu den Lebensumständen junger Geflüchteter und Basiskenntnisse zum Lernkonzept an der SchlaU-Schule. Die Nachhilfepaare müssen gefunden und zusammengebracht werden. Es werden Lernverträge geschlossen. Und auch zwischendurch sind immer wieder unterstützende Gespräche und ein fester Ansprechpartner für vielerlei Fragen der Lernenden und der Lehrenden notwendig. Diese Funktion übernimmt bei uns eine hauptamtliche Ehrenamtskoordinatorin.  

MLZ: Gibt es Bereiche, in denen Sie sich noch mehr Unterstützung von Stadt und Staat wünschen?  

Antonia Veramendi: Die aktuellen Verschärfungen in der Asylgesetzgebung und die neuerliche Ausgrenzung von Bildung und Ausbildung vieler Geflüchteter machen unsere Arbeit zunichte und verhindern Integration. Das wirkt sich auf die gesamte Schulatmosphäre und auf die Motivation unserer Jugendlichen aus. Unsere Schülerinnen und Schüler stehen trotz jahrelanger Höchstleistung und herausragender Lernerfolge vor Beschäftigungsverboten und drohenden Abschiebungen. Derzeit sind wir zu großen Teilen damit beschäftigt, die Folgen dieser Destabilisierung und Verängstigung aufzufangen. Wir versorgen Jugendliche, die im Unterricht psychische Zusammenbrüche erleiden, bereiten sie auf Anhörungen beim Bundesamt vor, klären sie über die Rechtslage auf, trösten, beruhigen und motivieren. Unseren Bildungsauftrag können wir so jedoch kaum mehr erfüllen. Wir fordern die Staatsregierung daher umgehend auf, den Zugang zu Bildung und Ausbildung wieder unabhängig vom Herkunftsland zu ermöglichen, so wie es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die UN-Kinderrechtskonvention vorsehen.  

MLZ: Hat die Schule schon Pläne, wie das Preisgeld ausgegeben wird?  

Antonia Veramendi: Ein Anteil ist auf jeden Fall der Schülermitverantwortung zugedacht. Für den anderen Teil gibt es bereits ein paar Ideen, aber entscheiden werden wir das erst noch - entsprechend der Gepflogenheit der Schule - gemeinsam im Kollegium.  

MLZ: Vielen Dank und alles Gute für Ihre Schule!  

Das Interview führte MLLV-Abteilungsleiter Martin Göb-Fuchsberger.  

Großer Jubel: Das Team der SchlaU-Schule feiert zusammen mit den Schülern den Sieg beim Münchner Schulpreis (Foto: Referat für Bildung und Sport)

Suche