Wie eine Gemeinschaftsschule zum Erfolgsmodell wird

Ein Tisch ist gedeckt. Laura, Merrit und Mads sitzen um ihn herum. Kenja tritt heran. „What would you like to drink?", fragt die Schülerin. Die Klasse 7c der Handewitter Gemeinschaftsschule übt sich im Englisch- Unterricht an einem Rollenspiel. Das Klassenzimmer hat sich in ein Restaurant verwandelt. Kenja ist die Kellnerin, die anderen die Gäste. Schon in den letzten Tagen haben sie Vokabeln gelernt, Speisekarten verfasst, sich mit Hilfe des Internets vorbereitet und sogar ein Video gedreht. Nun testen die Schüler ihre Kenntnisse in kleinen Dialogen. „Manche gehen dabei richtig auf", erzählt Pädagogin Anke Lache. „Bei Praktikanten machen wir schon einmal den Test und lassen sie raten, welche der Schüler eine Realschul-Empfehlung haben oder einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Oft liegen sie daneben."

 

Hauptschüler und Gymnasiasten sind Tischnachbarn

Es mag merkwürdig klingen, dass Jugendliche, die auch das Gymnasium besuchen könnten, und klassische Hauptschüler Tischnachbarn sind – im schleswig-holsteinischen Handewitt ist das Schulalltag. 2007 startete nur fünf Kilometer südlich der Grenze zu Dänemark eine der ersten sieben Gemeinschaftsschulen im Land. Das „längere gemeinsame Lernen" wird seitdem intensiv gelebt.

 

Daniela Schneider, die zusammen mit Anke Lache (Realschullehrerin) das Klassenlehrer-Team der 7c bildet, hatte den Auftakt vor über vier Jahren verpasst. Die studierte Hauptschul-Pädagogin war schwanger, pausierte zwei Jahre. Als sie wieder in Handewitt anfing, hatte sie das Gefühl, an „eine ganz neue Schule zu kommen". Die Gemeinde investierte einen zweistelligen Millionenbetrag in die Infrastruktur. Das Leitbild der Schule, die Philosophie des Lernens und die Unterrichts-Inhalte wurden modifiziert – und auch die Motivation der Schüler hat sich verändert. „Es herrscht eine ganz andere Lust am Lernen als früher an der Hauptschule", sagt Daniela Schneider.

 

Der Schulstandort Handewitt hat sich gemausert. Die alte Hauptschule drohte auszubluten. Heute zählt die Gemeinschaftsschule, an die drei Grundschulen und ein Förderzentrum für Lernbehinderte angeschlossen sind, knapp 1.000 Schüler. Die Jahrgänge fünf bis acht sind fünfzügig. Und eine Klasse pro Altersstufe ist so etwas wie die „Gemeinschaftsschule plus": eine Integrationsklasse. In der 7c sitzen unter den 19 Schülern – die normale Frequenz ist 25 – auch sechs, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wurde. Ohne spezielle Unterstützung wären sie früher in die „Sonderschule" abgerutscht. In Handewitt wird aber alles dafür getan, dass sie in gut zwei Jahren einen normalen Hauptschulabschluss schaffen werden. Die „Inklusion" ist ganz im Norden der Republik kein Fremdwort, sondern bereits fester Bestandteil des Konzepts.

 

Schwächere Schüler werden individuell gefördert statt stigmatisiert

„Wir sind weg vom Stempel oder einem Gutachten mit IQ-Test", betont Schulleiter Dr. Hans-Werner Johannsen. Anstelle eines formellen Verfahrens sind ein individueller Lernplan und eine besondere Betreuung, in die nach Möglichkeit die Eltern eingebunden sind, getreten. Unter der Lehrerschaft besteht ein Grundkonsens, der skandinavisch angehaucht ist. Die Eckpfeiler: längeres gemeinsames Lernen, gegenseitiges Helfen und weniger Druck. „Bei uns wird niemand abgelehnt und niemand abgeschult", erklärt Dr. Hans-Werner Johannsen.

 

Im Schul-Alltag heißt das: Es wird nicht nach Leistungsstand oder Begabungen sortiert. Alle sitzen gemeinsam in einem Klassenraum. Eine innere Differenzierung gibt es aber schon. Es gibt Wahl- und Pflichtaufgaben, die zwar die gleichen Themen berühren, sich aber auf unterschiedlichem Niveau bewegen.

 

Überforderung und Frustration sind die absolute Ausnahme. Die Fokussierung auf Schwächen wird vermieden. „Jedes Kind hat irgendwo Stärken", weiß Dr. Hans-Werner Johannsen. „Wenn man da ansetzt, wirkt sich das irgendwann auch auf die Schwächen positiv aus und die Lust am Lernen wird erhalten und wieder geweckt." Häufig wird die Partnerarbeit praktiziert. „Davon profitieren beide Seiten", erläutert Anke Lache. „Die Leistungsschwächeren lernen von den Leistungsstärkeren. Bei denen wiederum festigt sich durch das Erklären das Gelernte." Ein Sonderraum steht für die Gruppenarbeit bereit. Die Klassenarbeiten haben unterschiedliche Schwierigkeitsstufen – je nach Leistungsstand. „Häufiger kommen Schüler zu uns und möchten auch den schweren Test lösen", berichtet Daniela Schneider.

 

Soziale Kompetenz gehört ebenfalls zum Fächerkanon

Es gibt andere Fächer als früher. Verbraucher-Bildung, Weltkunde oder Naturwissenschaft. Sport kann ab der siebten Klasse als vierstündiges Wahlpflichtfach gewählt werden, ebenso Französisch, Dänisch oder Technik. Das Wochenpensum liegt bei 30 Stunden in den Jahrgangsstufen fünf und sechs sowie 32 Stunden in den Jahrgangsstufen sieben bis zehn. Viele Schüler bleiben über Mittag. Es gibt eine Mensa, die täglich rund 200 Essen kocht. Danach beginnt das Kursprogramm der Offenen Ganztagsschule mit ihren rund 50 Angeboten. Sie ist freiwillig für die Schüler, aber Pflicht für eine neue Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein.

 

Ein wichtiges Element der neuen Schulform ist das kompetenzaufbauende Lernen („Kaul"). Eine Stunde in der Woche tagt der Klassenrat, spricht Probleme und Ideen an. An der Wand hängen die Leitlinien: „Ich bin höflich und respektvoll" und „Ich verletzte niemanden". Bei größeren Störungen unterstützen zwei Schulsozialarbeiter. Eine andere Schulstunde ist der Methodik-Lehre gewidmet: Was für ein Lerntyp bin ich? Wie erstelle ich ein Referat? Wie lerne ich effektiv Vokabeln? Wie packe ich meinen Ranzen? Häufig wird mit dem Computer gearbeitet. Es gibt einen Informatik-Raum und zwei „mobile Klassenräume" mit jeweils 15 Notebooks. Jedes der 35 Klassenzimmer hat ein Aktiv-Board mit Internet- Anschluss.

 

Aus Verlierern werden Gewinner

Noten sind hingegen Mangelware. Berichtszeugnisse dominieren den Großteil der Schulzeit. Unterdem Strich stehen aber Abschluss und Durchschnitts-Note. Am Ende des ersten Halbjahres in Jahrgangsstufeacht gibt es erstmals eine Schulabschluss-Prognose, die danach jedes Halbjahr überprüftwird. Nach Klasse neun erfolgt der Haupt-, nach Klasse zehn der Realschul-Abschluss. Das Abitur ist in Handewitt noch nicht möglich. Der Aufbau einer gymnasialen Oberstufe ist aber beantragt.

 

Die Gemeinschaftsschule ist noch zu jung, um handfeste Rückschlüsse auf das Bildungsniveau vornehmen zu können. Das Handewitter Kollegium registriert aber bereits erste Trends. „Es gibt mehr Hauptschüler, die sich gut entwickeln, und für einen Realschul-Abschluss in Frage kommen", sind sich Daniela Schneider und Anke Lache sicher. Dr. Hans-Werner Johannsen glaubt: „Die Zahl der Bildungs- Verlierer nimmt ab. Mehr Jugendliche schaffen einen Abschluss."

 


Suche

Im Blickpunkt

Landtagswahl Bayern

BLLV-Studie

Befragung zur Inklusion: Lehrer brauchen mehr Unterstützung

Im Blickpunkt

Zukunft der wohnortnahen Schule

So retten wir unsere kleinen Schulen
auf dem Land » mehr