Was müssen wir denn noch alles tun? Bayerns Schulleiter kämpfen gegen ihre systematische Überforderung an. Bei der Schulleiter-Werkstatt des BLLV machten sie ihrem Ärger Luft.

02.12.2016

Schulleiter prangern Missstände in ihrem Beruf an

Eindrücke von der Schulleiter-Werkstatt

 

Schule gestalten und die Qualität der Bildung sicherstellen - deshalb wollen Lehrkräfte Schulleiter werden. In Wirklichkeit verwalten Schulleiter den Mangel und werden mit immer mehr Aufgaben zugeschüttet. Was Rektoren bei der Schulleiter-Werkstatt des BLLV erzählten, ist zum Teil haarsträubend.

 

Aus Sicht des BLLV ist die Situation von Schulleitern so problematisch, das dringend etwas geschehen muss. Das es vielerorts lichterloh brennt, lässt sich allein schon daran ablesen, dass zur Werkstatt weit mehr Teilnehmer gekommen waren als erwartet. 90 Schulleiterinnen und Schulleiter diskutierten in Arbeitsgruppen Mittel und Wege, um die Politik und die Schulverwaltung unter Druck zu setzen und zum Handeln zu bewegen.


Realitätscheck: Wie Schulleiter ihren Alltag erleben

Um zu zeigen, dass niemand mit seinen Problemen allein ist, sondern jeder mit gleichen oder ähnlichen Widrigkeiten zu kämpfen hat, hatten Schulleiterinnen und Schulleiter im Publikum eingangs der Werkstatt Gelegenheit, aus ihrem Schulalltag zu erzählen.  Einige Wortmeldungen wollen wir hier wiedergeben. Sie stehen exemplarisch für die Situation an Bayerns Schulen.


"Wir wollen unsere Arbeit gut machen, aber durch die permanente Überforderung vernachlässige ich zunehmend wichtige Bereiche, allen voran meine Schüler, oder die Einführung des neuen Lehrplans. Ich will meine Schule so positiv wie möglich gestalten und das Beste für die Kinder herausholen. Ich bin aber in so vielen unterschiedlichen Aufgabenbereichen tätig und bräuchte eigentlich in allen Bereichen Expertenwissen, doch fachliche Unterstützung habe ich nicht. "


„Ich leite zwei Grundschulen und führe zwei Klassen. Die ersten zwei Jahre als Rektorin hatte ich überhaupt keine Sekretärin, bis heute fehlt mir ein Konrektor. Meine jetzige Verwaltungsangestellte ist seit März krank, eine Vertretung habe nur für fünf Stunden bekommen. Ich habe die kompletten Sommerferien durchgearbeitet um die Schuleinschreibung, Klassenbildung und die Statistiken machen zu können. Wenn jemand von mir noch einmal Statistiken will, dann sage ich dem, 'schickt‘s mir eine Verwaltungsangestellte, ich mag und kann nicht mehr'.“


„Es kommt von nirgendwo Anerkennung und Wertschätzung, obwohl man alles meistert. Wenn tatsächlich mal etwas schief läuft, bekommt man von der Verwaltung immer noch eins obendrauf. Es fehlt an Wertschätzung und Unterstützung. Ich fühle mich alleingelassen und habe eine enorme Wut darüber.“


„Meine Motivation ist im Keller, weil ich jedes Jahr eine neue Konrektorin einarbeiten muss und von vorne anfange. Dabei habe ich so schon alle Hände voll zu tun. Wir haben einen gebundenen Ganztag eingeführt und ich muss mit den Kooperationspartnern verhandeln und mich um die Mittagsverpflegung kümmern. In Sachen Übergangsklassen sind wir plötzlich eigenverantwortlich. Wenn wir nicht den Helferkreis hätten, wäre das bei der Personalausstattung nicht zu stemmen. Dazu muss ich noch die Seminarleitung für junge Kolleginnen und Kollegen übernehmen und mit ihnen Wochenpläne schreiben. Obendrauf kommt noch die Inklusion. Die Anträge für die Schulbegleiter müssen geschrieben und die gesamte Diagnostik koordiniert werden.“


„Die Art und Weise, wie die Allgemeine Schulverwaltung (ASV) einführt worden ist, ist eine Unverschämtheit und echte Zusatzbelastung. Auch die Mittagsbetreuung zu organisieren ist eine Wahnsinnbelastung. Ich bekomme für diese Löhne einfach keine Erzieherinnen. Als meine Konrektorin operiert werden musste, haben wir um eine mobile Reserve gebeten. Geschickt haben sie mir als Vertretung eine Studentin mit 20 Stunden.“


„Ich muss unterrichten, habe aber keine Zeit dafür. Dabei hätten meine Kinder guten Unterricht verdient. Einmal bin ich zur Schulrätin gegangen und habe ihr gesagt, 'Ich mache in Zukunft Teilzeit, dann schaffe ich meine Arbeit'. Da hat sie nur gelacht.“


Arbeitsgruppen: Was wollen wir verändern? Und wie schaffen wir das?

In fünf Arbeitsgruppen tauschten sich die Teilnehmer nicht nur darüber aus, mit welchen Unterstützungsmaßnahmen sich die Probleme beheben lassen. Sie erarbeiteten auch Vorschläge, wie man Politik und Verwaltung dazu bewegen kann, Verbesserungen in die Wege zu leiten. Ein Überblick über die Arbeitsergebnisse:



Eindrücke von der Veranstaltung


Präsidentin Fleischmann notiert die Schilderungen der Rektoren beim Realitätscheck.
Grafikerin Isabel Dinter hält Emotionen, Probleme und Lösungen in Bildgeschichten fest.
Dieses Plakat ist das Ergebnis ihrer dreistündigen Arbeit.
Volles Haus: 90 Rektoren waren zur Schulleiter-Werkstatt gekommen - viel mehr als erwartet.
Vizepräsident Tomi Neckov trägt die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe am Ende des Tages im Plenum vor.

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