Lehrkräfte zählen zu den Berufen, die besonders belastet sind. Deshalb sind sie auch besonders gefährdet, eine Sucht oder Abhängigkeit zu entwickeln. Foto:Petra Bork / pixelio.de

Sucht im Lehrerzimmer - ein Tabuthema

Was ein Experte Schulleitern und Lehrkräften im Umgang mit Betroffenen rät

Sucht am Arbeitsplatz ist weit verbreitet. Ein Thema, das gerade im Bereich der Schulen besonders brisant ist, weil Lehrer eine Vorbildfunktion haben. Die Sucht eines Kollegen zu ignorieren und zu tabuisieren, wäre aber fatal. Wer einem Betroffenen helfen möchte, sollte das Thema ihm gegenüber offen ansprechen. Wie, erklärt Martin Heyn, Sozialpädagoge und ehemaliger Suchtberater. Er ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit am Kompetenzzentrum für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz Würzburg, das zum Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gehört.

 

In welchem Ausmaß sind Lehrkräfte von Suchterkrankungen betroffen?
Martin Heyn: Schätzungsweise fünf Prozent aller Arbeitnehmer in der Bevölkerung sind alkoholabhängig, weitere zehn Prozent trinken in gefährlichem Ausmaß. Bestimmte Stressberufe sind besonders gefährdet. Lehrkräfte gehören zu diesen Risikogruppen. Sie stehen allein vor Schulklassen, arbeiten selten im Team und erhalten auch keine Supervision. Wir sollten aber nicht nur über Alkoholismus sprechen. In Berufen mit hohen Leistungsanforderungen ist auch der Missbrauch von Medikamenten und Aufputsch- oder Beruhigungsmitteln häufig anzutreffen. Außerdem nehmen die Verhaltenssüchte zu, wie zum Beispiel Online-Sucht.

 

Wie erkenne ich, dass ein Kollege ein Problem hat?
Menschen mit missbräuchlichem Konsum bzw. süchtigen Verhaltensweisen fallen häufig durch Verhaltensänderungen auf. War ein Kollege früher lustig und gesellig, zieht er sich nun plötzlich zurück. Ein anderer wahrt beispielsweise seit geraumer Zeit eine eigenartige Distanz bei Besprechungen, lehnt neuerdings private Einladungen ab. Häufig haben die Kollegen des Betroffenen am Anfang eher nur ein Gefühl, dass sich hier etwas verändert hat. Nicht selten betrifft die Sucht Kollegen, die besonders leistungsorientiert sind und deshalb versuchen, diese zu verstecken. Aber auch die Zahl und Art der Fehltage können ein Indiz für eine Suchtentwicklung sein. So werden beispielsweise Montage und Dienstage noch zur Ausnüchterung benötigt. Natürlich sollten sich Kollegen davor hüten, eine Diagnose zu stellen. Es geht zunächst nur um das Wahrnehmen einer Veränderung.

 

Wie spreche ich das Thema an?
Ich sollte meinem Kollegen unter vier Augen freundschaftlich klar machen, dass mir aufgefallen ist, dass er sich verändert hat und dass ich mir um ihn Sorgen mache. Das signalisiert dem Betroffenen Wertschätzung und dass sein Problem nicht mehr zu verheimlichen ist. Wenn sich hier die Kollegen aus falscher Scham zurückhalten, tragen sie dazu bei, die Situation zu stabilisieren. Es macht dem Betroffenen auch leichter Hilfe anzunehmen, wenn man freundschaftlich auf ihn zugeht.

 

Warum ist es so wichtig, das Problem offensiv und ohne falsche Scheu anzugehen?
Sowohl die Belegschaft als auch die Schulleitung haben eine Fürsorgepflicht gegenüber den Kollegen. Ich halte es auch für selbstverständlich in einem funktionierenden Team füreinander da zu sein. Es ist eine Frage der Fairness, mit dem Betroffenen direkt zu sprechen und nicht hinter seinem Rücken zu tuscheln. Denn die Verhaltensänderung könnte auch eine einfache Erklärung haben.

 

Wann sollte man den Schulleiter informieren?
Bevor man diesen Schritt geht, sollte  man zuerst das Gespräch mit dem Betroffenen suchen. Erst wenn dieses nicht fruchtet, würde ich den Schulleiter informieren. Dieser sollte sich aber selbst ein Bild von der Situation machen.

 

Was wäre der nächste Schritt?
Der Schulleiter sollte ebenso in einem Erstgespräch verdeutlichen, dass die Verhaltensänderung von ihm wahrgenommen wird. Er sollte dem Betroffenen die Möglichkeit geben, Leistungseinbrüche und Auffälligkeiten zu erklären. Auch hier geht es nicht um mögliche Diagnosen, sondern dem Mitarbeiter klar zu machen, dass sein Verhalten beobachtet wird. Auf Aussagen Dritter würde ich mich nicht verlassen, ein Bezug dazu im Gespräch kann zu Teamkonflikten führen. Hilfreich ist ein stufenweises Vorgehen, wie es zum Beispiel in Dienstvereinbarungen zur Sucht am Arbeitsplatz geregelt ist. So wäre hier in einer zweiten Stufe angezeigt, den Kollegen etwa mit der mangelnden Arbeitsleistung oder der Fehltage zu konfrontieren. Ein Aufzeigen der dienstrechtlichen Konsequenzen, aber auch der Hilfsmöglichkeiten, ist sinnvoll. Sollte der Betroffene nichts an seinem Verhalten ändern und die Hilfsangebote ausschlagen, ist disziplinarisches Handeln unumgehbar.

 

Wo kann ich mir Rat für den Umgang mit einem suchtkranken Kollegen holen?
Erste Ansprechpartner  sind die Suchberatungsstellen in den Landkreisen, die meist von den Wohlfahrtsverbänden getragen werden. Sie beraten auch Außenstehende, die Kollegen, Verwandten oder Freunden helfen möchten.

 


Leitfaden Suchmittelmissbrauch zum Download
Das Bayerische Kultusministerium hat einen Leitfaden für Vorgesetzte über den Umgang mit Suchtmitteln am Arbeitsplatz und über die Hilfen für Suchtgefährdete und Suchtkranke entwickelt.

 

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Foto: Petra Bork  / pixelio.de


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