Statement eines Teilnehmers beim BLLV-Tag der Lehrerbildung.

Die Persönlichkeit der Lehrkraft macht den Unterschied

BLLV-Mitglieder erarbeiten Konzept für Lehrerbildung

 

Lehrerbildung und schulische Bildung haben vieles gemeinsam, und das ist nicht unbedingt positiv: Jede Menge Stoff wird nur für Prüfungen gepaukt, den Inhalten fehlt oft der Praxisbezug. Beim Tag der Lehrerbildung diskutierten mehr als 100 BLLV-Mitglieder und externe Fachleute Ideen für ein neues Konzept.

 

Lehrer prägen Menschen, oft genug fürs ganze Leben. Das war der Wochenzeitung „Die Zeit“ vor einigen Jahren sogar eine Titelgeschichte wert. Darin ließen die Autoren ganz normale Bürger erzählen, wie bestimmte Lehrerinnen und Lehrer sie positiv beeinflusst haben. Eines ist diesen Lehrkräften gemeinsam: Sie sind Persönlichkeiten, zeigen Haltung. Und damit haben sie ihre Schüler geprägt.

 

Lehrerinnen und Lehrer sind also weit mehr als nur Wissensvermittler. „Es geht um Haltung. Die Haltung der Kinder und Jugendlichen von heute, der Gesellschaft von morgen.“ Mit diesen Worten umschrieb BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann, warum Lehrer zu sein, eine große Verantwortung mit sich bringt. Und warum der Ausbildung von künftigen Lehrkräften eine herausragende Bedeutung zukommt. „Wir Lehrerinnen und Lehrer sind es, die diese Welt von morgen so zu einem besseren Ort machen können. Und wir, die wir heute zusammen sind, sind es, die jetzt Lehrerbildung so gestalten wollen, dass eben diese Haltung bei Kinder und Jugendlichen aufgebaut werden kann.“

 

 

„Wir Lehrerinnen und Lehrer sind es, die diese Welt von morgen so zu einem besseren Ort machen können.“ BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann

 

 

Bulimielernen auch im Lehramtsstudium

Lehrkräfte sollen unsere Kinder auf die künftigen Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Sie sollen ihnen Werte und Haltungen vermitteln und dabei helfen, mündige Bürger zu werden. So steht es in der Bayerischen Verfassung. Nur wie soll das gelingen, wenn die Lehrerbildung ein Spiegelbild der schulischen Bildung ist? Wenn es auch hier nur darum geht, totes Faktenwissen ohne Alltagsbezug für die nächste Prüfung zu büffeln. „Die Prüfungskultur, v.a. im Examen, widerspricht den Grundsätzen, die man als Lehrer in der Schule anwenden soll“. So beschreibt ein Student seine Erfahrungen auf einer Plakatwand beim „Tag der Lehrerbildung“ in München.

 

 

„Die Prüfungskultur, v.a. im Examen, widerspricht den Grundsätzen, die man als Lehrer in der Schule anwenden soll.“ Lehramtsstudierender

 

 

Dass es so nicht weitergehen kann, finden nicht nur viele Studierende. Mehr als 100 BLLV-Mitglieder aus ganz Bayern und externe Fachleute hatten sich deshalb am Samstagmorgen, 1. April,  in einem alten, zum Veranstaltungsort umfunktionierten Gaszählerwerk zusammengefunden, um über die Zukunft der Lehrerbildung zu diskutieren. Einen Tag lang tauschten sich Studierende, Junglehrer, Berufserfahrene, Seminarleiter und Hochschullehrer in Arbeitsgruppen darüber aus, wie man die Ausbildung verbessern könnte. Ziel ist es, ein neues Modell auf die Beine zu stellen - kein visionäres, sondern eines mit der konkreten Chance auf Verwirklichung.


BLLV-Mitglieder erarbeiten gemeinsam neues Konzept für die Lehrerbildung

Erste Eckpunkte für dieses „Modell der flexiblen Lehrerbildung“ hatte das Kompetenzteam Lehrerbildung unter der Leitung von Gudrun Adomat (Beisitzerin im Landesvorstand) und Klaus Wild (Leiter der Fachgruppe Hochschule) im vergangenen Jahr entwickelt. Nun sollte dieser Rahmen debattiert und mit den Ideen der Mitglieder-Basis angereichert werden. Zur Diskussion standen unter anderem Themen wie „Praxisphasen besser gestalten“, „Umgang mit Vielfalt“, „Lehrerpersönlichkeit“, „Fächer(-kombinationen) aufbrechen“, „ Motivation und Neigung“, „Lehrerpersönlichkeit“,“ Praktikumsphasen besser gestalten“.

 

Impulse für die Diskussionen gaben Referate der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Haag von der Universität Bayreuth, Prof. Dr. Peter Fauser von Universität Jena und Dr. Martin Hirsch, Experte für Künstliche Intelligenz aus Berlin. Ein unausgesprochener Gedanke einte deren Vorträge: In der Schule muss in Zukunft stärker im Fokus stehen, Schüler zu reflektierten Menschen heranzuziehen. Das stellt aber auch neue Anforderungen an die Lehrkräfte, die sich noch mehr als bisher in Selbstreflexion üben müssen. Zum Wohle der Schüler und der Gesellschaft.

 

Und so geht es weiter:

Die beim Tag der Lehrerbildung gesammelten Ideen sollen innerhalb der kommenden Monate von der Arbeitsgruppe in das Modell eingearbeitet werden. Im Herbst soll dann die Endfassung im Landesausschuss vorgestellt werden. „Ich spüre ein Aufbruchsstimmung und eine konstruktive Atmosphäre. Das wollen wir nutzen und die Vielzahl an Anregungen in das Modell intergrieren“, sagte Klaus Wild.

 


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Stimmen:

„Was ich in den Fachdidaktiken gelernt habe, das könnte ich in der Pfeife rauchen.Teilnehmerin

 

„Wer nie gebrannt hat, der brennt am meisten aus.“ Prof. Dr. Ludwig Haag

 

„Manchmal muss man auch einfach schwänzen.“ Prof. Dr. Fauser zum Überangebot an Veranstaltungen im Studium

 

„Gehen sie davon aus, dass alles, was man messen kann, also auch den Lernerfolg, Maschinen irgendwann besser können als der Mensch. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was nicht messbar ist – Persönlichkeit, Individualität, Haltung.“ Dr. Martin Hirsch

 

„Ich fühle mich nach dem 5. Semester im Studium weniger gut vorbereite als vorher.“ Christoph Schmidts, Studierender

 

„Durch den Bologna-Prozess ist das Studium stark verschult worden. Gebt den Studierenden wieder Bereiche, die sie selbst gestalten können.“ Teilnehmer


Startschuss! ...für eine neue Lehrerbildung


Ideen aus den Arbeitsgruppen: Was eine moderne Lehrerbildung leisten soll

Mehrere Stunden lang haben die rund 100 Teilnehmer darüber darüber diskutiert, was sie an der Lehrerbildung gerne verändern würden - zum Teil auch kontrovers. Dabei haben sie in den elf Arbeitsgruppen unter anderem diese Ideen, Anregungen und Kritikpunkte formuliert:

 

 

Gruppe „Lehrerpersönlichkeit – welche Kompetenzen sollen in der ersten Phase der Lehramtsausbildung vermitteln werden?“

  • Selbstreflexion
  • Professionelle Beziehungsgestaltung
  • Bereitschaft zur Entwicklung


Gruppe „Fächerkombinationen aufbrechen: neue Inhalte für neue Anforderungen im Schulalltag“ 

  • Große Diskrepanz zwischen dem, was in der Schule tatsächlich gebraucht wird, und dem, was im Studium vermitteln wird
  • Fächer auch in der Lehrerbildung vernetzten – Fachkompetenz in einer Domäne statt einzelnen Fächern vermitteln
  • Spezielle Fachwissenschaft für Lehrkräfte
  • Mangelnde Verzahnung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik

 

Gruppe „Umgang mit Vielfalt – auf heterogene und diverse Herausforderungen vorbereiten“

  • Lehrkräfte müssen Verständnis für die Perspektive der Schüler entwickeln
  • Verständnisintensives Lernen sollte Grundlage in der Lehrerbildung sein
  • Heterogenität und Digitalisierung verändern Lernen und die Schüler – die Lehrkraft wird zum Prozesssteuerer
  • Lehrkräfte brauchen Coaching oder Supervision
  • Lehrkraft in die Lage versetzen, unterschiedliche Lernzugänge zu unterstützen


Gruppe „Fachlehrerausbildung neu denken“

  • Gleichstellung mit anderen Lehrämtern erreichen
  • Ausbildung akademisieren

 

Gruppe „Die richtige Fachwissenschaft – eine sinnvolle Qualifizierung für den Lehreralltag“

  • Mehr Bewusstsein für die Lehrerbildung an den Unis schaffen
  • Fehlender praktischer Bezug der Fachwissenschaften
  • Der Verschulung des Studiums entgegenwirken

 

Gruppe „Motivation und Neigung: Wer wird eigentlich Lehrer?“

  • Persönlichkeitsentwicklung fördern
  • Gefühl der Selbstwirksamkeit stärken
  • Frühzeitig professionelle Haltung entwickeln

 

Gruppe „Persönlichkeitsentwicklung fördern“

  • Erfahrungen im Praktikum reflektieren
  • Eigene Persönlichkeit erforschen
  • Mangelnde Ausstiegsmöglichkeiten
  • Neue Feedbackkultur nötig

 

Gruppe „Flexible Lehrerbildung – die Zeit ist reif“

  • Studierenden mehr Orientierung hinsichtlich ihrer Berufswahl geben, um Abbrecherquoten zu minimieren
  • Persönlichkeitsentwicklung sollte Teil der Lehrerbildung werden
  • Es wird zuviel unnützes Wissen ohne Bezug zur Schule vermittelt

 

Gruppe „Verständnisintensives Lernen – Impulse für die Lern- und Prüfungskultur“

  • Bullimielernen auch in der Lehrerbildung
  • Prüfungskultur muss sich ändern
  • Bessere Feedbackkultur
  • Vielfalt der Studierenden gerecht werden

 

Gruppe „Praxisphasen besser gestalten“

  • mehr Zeit, um Praktika zu reflektieren
  • qualitativ hochwertigere Praktika mit besserer Betreuung
  • bessere Ausbildung der Praktikumslehrkräfte verbunden mit einer angemessenen Honorierung


Impulsreferate

Wer wird eigentlich Lehrer?

Um den Lehrerberuf und diejenigen, die ihn ergreifen, ranken sich viele Vorurteile. „„Alles Käse“, meinte dazu Prof. Dr. Ludwig Haag von Universität Bayreuth in seinem Impulsreferat und verwies auf die Forschung. Zur Motivlage und zu den Persönlichkeitsmerkmalen gibt sie keine eindeutigen Antworten. „Wir haben im Bereich der Lehrerbildung keine Wahrheiten“, sagte der Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik.

 

In der Tendenz seien es Haag zufolge eher altruistisch und service-orientierte Menschen, die Lehrer werden wollen. Sie seien in höheren Maße als in anderen Berufen intrinsisch motiviert und sehr an Beziehungsarbeit interessiert. Überdurchschnittlich oft nennen sie soziale Motive. Für die große Mehrheit ist Lehrer zu sein, auch der erste Berufswunsch – deutlich mehr als bei anderen Berufsbildern, wie Haag betonte.

 

Das hat Vorteile. Denn wer eine hohe intrinsische Motivation mitbringt, kann auch mit den Belastungen des Berufs besser umgehen. Oder anders formuliert: „Wer nie gebrannt hat, brennt am meisten aus“, betonte Haag.

 

Dennoch sei Lehrersein nicht angeboren. „Lehrersein bedeutet hohe Professionalität in der Ausbildung und das Wissen um die eigene Persönlichkeit.“


Wie funktioniert Lernen?

Lernen hat für Prof. Dr. Peter Fauser vor allem eine gesellschaftliche Bedeutung.  Der emeritierte Professor der Universität Jena ist Ko-Entwickler des Verständnisintensiven Lernens, eines neuen Ansatzes der Unterrichtsgestaltung. Dieser begreift Lernen als einen wechselseitigen Prozess zwischen Menschen, der vom Verstehen getragen wird. Der BLLV unterstützt dieses Konzept und trägt es in Bayern weiter.

 

Menschen, Schüler wie Lehrkräfte, sollen sich kritisch-reflexiv Wissen und Kompetenzen aneignen, sagte Fauser. Das bedeutet, unbewusste Haltungen und Wertvorstellungen zu hinterfragen, die des gegenüber, aber auch die eigenen, und sich darüber verständigen. Fauser nennt das Verstehen. „Immer ist das Verstehen des einen mit dem Verstehen des anderen verschränkt“, erklärte Fauser.

 

Sein Konzept verfolgt einen demokratischen Gedanken: Lernen in Verbindung mit Verstehen soll den Einzelnen zu einer mündigen Beteiligung am Gemeinwesen befähigen. Im Idealfall soll dadurch der Einzelne und die Gesellschaft profitieren.

 

Dem Verstehen wohnt also auch eine gesellschaftspolitische Dimension inne. „Die Erfahrung verstanden zu werden, stiftet Vertrauen und Mut“, sagte Fauser. Lehrkräfte sollen Schülern dabei helfen, selbst eine Haltung zu entwickeln und dafür einstehen zu können. Dazu müssen sie aber erst einmal ihre eigenen, oft unbewussten Haltungen hinterfragen. „Arbeiten sie daran, ihre Kinder immer besser zu verstehen“, appellierte Fauser an die Zuhörer im Saal.


Wie erwerben wir Zukunftskompetenzen?

Die Digitalisierung der Welt verlangt vom modernen Menschen neue Kompetenzen: Er soll den Umgang mit Komplexität bewältigen, er soll zu Innovationen in der Lage sein und er braucht Mut zur Haltung.

 

Grundlage dafür ist der kompetente Umgang mit Bildern. Denn Bilder beherrschen die moderne, digitalisierte und vernetzte Welt. „Bilder bringen Struktur in eine komplexe Gemengelage. Sie geben Orientierung und Sinnfindung“, erklärte Dr. Martin Hirsch in seinem Referat. Doch Bilder sind janusköpfig. Sie helfen einerseits, Sachverhalte zu verstehen, zugleich können sie manipulieren.

 

Nur Lesen, Schreiben und Rechnen reichen aus Sicht von Hirsch nicht mehr. Der Lernforscher, Experte für künstliche Intelligenz und Gründer eines Start-Ups, plädiert für das Visualisieren als vierte Kompetenz. Kindern müssten ihm zufolge einerseits einen reflektierten Umgang mit Bildern erlernen. Andererseits sollten Schüler Bilder produktiv für das Lernen durch Visualisierungstechniken einsetzen können. Hirsch hat dazu das Konzept des Visual Summary entwickelt: Schüler malen auf, was sie gelernt haben. „Dabei reflektieren sie das Gelernte noch einmal und die Behaltensleistung ist besser.“

 

» Präsentationen der Impulsreferate


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