Nur in Bayern nichts Neues

Nahezu alle Bundesländer haben ihre Schulsysteme demografischen Wandel angepasst, oder haben vor, es zu tun. Nur Bayern geht weiter den Weg der staatlich verordneten Mehrgliedrigkeit – ohne Freiraum für Modellversuche. Eine Übersicht.

 

Von Fritz Schäffer

 

Das bayerische Schulsystem sieht sich einer Vielzahl ungelöster Herausforderungen und Probleme gegenüber: Sinkende Geburtenzahlen und steigende Übertritte in Realschule, Wirtschaftsschule und Gymnasium gefährden die wohnortnahe Schule vor allem im Bereich der Sekundarstufe 1. Der Großteil der Hauptschulen, aber auch zahlreiche Grundschulen, stehen vor der Schließung. Wie Studie des BLLV "Die Zukunft der wohnortnahen Schule" über die Entwicklung der Schulstandorte zeigt, ermöglicht nur ein integratives Schulsystem den Erhalt eines Netzes wohnortnaher Schulen. Die von der Staatsregierung derzeit angestrebte Alternative ist eine Schullandschaft mit wenigen zentralen Standorten je Landkreis, an denen dann parallel drei Schularten angeboten werden.

 

Auf der anderen Seite verschärft sich die pädagogische Situation an den Schulen zusehends. Vor allem Grundschüler leiden erheblich unter einem immer stärkeren Auslesedruck, ebenso wie Eltern und Lehrkräfte. Obwohl die Beseitigung der Chancenungleichheit im Bildungssystem seit zehn Jahren ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda steht, ist der Schulerfolg nach wie vor stark abhängig von der sozialen Herkunft. Insbesondere die Ausgrenzung von Migranten durch das gegliederte Schulwesen führt zu Segregation und Ghettobildung.

 

Bayern: Regionale Herkunft bestimmt den Bildungsabschluss

Doch nicht nur sozial sondern auch regional herrschen große Disparitäten: Übertrittsverhalten und schulischer Abschluss werden wesentlich durch die regionale Herkunft bestimmt. Die Wirtschaft kritisiert schon lange, dass das Bildungspotenzial nicht optimal ausgeschöpft wird. Einer zu hohen Zahl nicht ausbildungsfähiger Schulabgänger teilweise ohne Schulabschluss steht eine zu geringe Zahl von hochqualifizierten Abgängern gegenüber. Bayern steht in diesem Punkt nach wie vor deutschlandweit am schlechtesten da. In einem konjunkturabhängigen Ausbildungsmarkt haben Hauptschüler langfristig kaum mehr eine Chance auf Ausbildung, auch die Arbeitsmöglichkeiten für Un- und Angelernte werden immer knapper. Diese Entwicklung wird sich durch die weiter fortschreitende Globalisierung des Arbeitsmarktes in den nächsten Jahren noch verschärfen.

All diese Probleme haben wesentlich mit der Aufteilung der Schülerinnen und Schüler auf drei Schularten zu tun. Ein Blick in die deutschen Bundesländer zeigt, dass das nicht so bleiben muss.


Was in anderen Bundesländern anders läuft

Hamburg
Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids im Juli 2010 erweckt den Eindruck, die Reform der Schulstruktur sei in Deutschland für absehbare Zeit vom Tisch. Der Eindruck täuscht: Der Trend zu zweigliedrigen Systemen setzt sich unvermindert fort. Allerdings zeichnet sich mit dem Oberschulmodell eine entscheidende Innovation ab, die interessante Perspektiven für die Zukunft eröffnet.

So tritt in der Hansestadt durchaus jener Teil der umfassenden Reform in Kraft, der nicht durch den Volksentscheid verhindert worden ist: die „Stadtteilschule“ wird die einzige weiterführende Schule neben dem Gymnasium sein. Sie ersetzt Haupt- und Realschulen, integrierte Haupt- und Realschulen, integrierte und kooperative Gesamtschulen, Aufbaugymnasien und berufliche Gymnasien, so dass es tatsächlich nur noch zwei Schularten gibt in Hamburg. An dieser neuen Schulart kann – im Gegensatz zum achtjährigen Gymnasium – die Abiturprüfung am Ende der 13. Klasse abgelegt werden.

 

Berlin
Der rot-rote Senat der Hauptstadt hat eine neue Schulart ähnlich der Stadtteilschulen in Hamburg geschaffen. Die „Integrierte Sekundarschule“ (ISS) fasst ebenfalls Haupt-, Real- und Gesamtschulen zusammen. Alle Abschlüsse inklusive Abitur (nach 13 Jahren) können erworben werden. Das Gymnasium bleibt erhalten. Integrierte Sekundarschulen und Gymnasien werden sich aber nicht nur in der Länge der Schuldauer und der Heterogenität der Schülerschaft unterscheiden sondern auch in der Ausstattung: An Berliner Gymnasien darf eine Klasse maximal 28 Schüler haben, an den ISS nur 25. Darüber hinaus sind alle ISS Ganztagsschulen, während es nur ein Ganztagsgymnasium pro Schulbezirk gibt. Das 2008 begonnene Schulprojekt Gemeinschaftsschule wird im neuen Schuljahr weiter ausgebaut. An diesen Schulen werden die Klassen 1 bis 13 ohne äußere Leistungsdifferenzierung unterrichtet.  

 

Thüringen
In dem seit September 2009 schwarz-rot regierten Thüringen gibt es seit Beginn des laufenden Schuljahres Gemeinschaftsschulen. Die Thüringer Gemeinschaftsschulen unterscheiden sich allerdings deutlich von denen in Berlin: Die Kinder lernen von der 1. bis zur 8. Klasse gemeinsam, dann setzt eine äußere Leistungsdifferenzierung ein. Im September haben die ersten sechs Gemeinschaftsschulen des Freistaats auf freiwilliger Basis ihre Arbeit aufgenommen. Die Entscheidung lag bei den Schulen und Gemeinden. Weitere 40 Schulen und Schulträger haben bereits Interesse an diesem Konzept gezeigt. Zudem sollen die bisherigen Mittelschulen künftig zu Oberschulen weiterentwickelt werden, die bis zum Abitur führen.

 

Sachsen
In Sachsen gibt es derzeit neun Gemeinschaftsschulen. Als Folge der veränderten Mehrheitsverhältnisse nach der Landtagswahl 2009 werden ab Schuljahr 2010/11 allerdings keine neuen Jahrgänge aufgenommen werden. Die sächsische Große Koalition war durch eine Koalition aus CDU und FDP abgelöst worden. Um die Durchlässigkeit im zweigliedrigen sächsischen Schulsystem zu verbessern, wurden zu Beginn des laufenden Schuljahres allerdings die Lehrpläne der Mittelschulen und der Gymnasien angeglichen.  

 

Nordrhein-Westfalen
Die Pläne der rot-grünen Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zur Neuordnung des Schulsystems sind im Zuge mit der CDU geschlossenen Schulfrieden zurechtgestutzt worden. Zwar wird  wie geplant mit der Sekundarschule für die Jahrgangsstufen fünf mit zehn ein neuer Schultyp neben der Gesamtschule eingeführt, der zum Abitur führen soll. Gemeinsam gelernt wird dort in den Jahrgangsstufen 5 und 6, ab der 7. Klasse entscheiden die Kommunen ob die Kinder nach Bildungsgängen getrennt oder weiter gemeinsam lernen. Wer die Abiturprüfung ablegen will, muss nach der 10. Klasse aufs Gymnasium wechseln. Allerdings muss sich die rot-grüne Minderheitsregierung ein Stück weit von der Gemeinschaftsschule verabschieden. Ursprünglich sollten bis 2015 30 Prozent der weiterführenden Schulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Das ist jetzt vom Tisch. Nun entscheiden die Schulträger wie die Kinder an ihren Schulen unterrichtet werden sollen.

Mit dem Kompromiss wollen die Verhandlungspartner ein wohnortnahes Schulangebot ermöglichen, das auch durch neue pädagogische Konzepte wie längerem gemeinsamen Lernen gesichert werden soll. Der Schulfrieden garantiert zwar den bereits bestehenden Real- und Hauptschulen, dass sie von Landesseite aus nicht abgeschafft werden.  Doch die Existenz der Hauptschulen hängt davon ab, wie lange sich noch genügend Schüler dafür finden. Von einer gesetzlichen Bestandsgarantie für die Hauptschule hat sich die CDU im Zuge des im Juli 2011 beschlossenen Kompromisses verabschiedet. Er soll für zwölf Jahre gelten.

 

Niedersachsen
Auch Niedersachsen macht sich auf den Weg zu einem zweigliedrigen Schulsystem, um in Zukunft eine wohnortnahe Beschulung zu gewährleisten. Damit trägt die Landesregierung den rückläufigen Schülerzahlen und veränderten Schulwahlverhalten Rechnung. Zum Schuljahr 2011/12 starten die ersten Oberschulen, einige davon auch mit gymnasialem Angebot. Die neuen Oberschulen entstehen aus der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen.

 

In den ersten beiden Jahrgangsstufen sollen die Kinder noch gemeinsam lernen. Ab der 7. Klasse werden die Schüler zumindest in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik auf Gruppen zweier unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade verteilt. Es bleibt allerdings dem Schulträger und damit den Kommunen überlassen, ob die Schüler jahrgangsbezogen, also gemeinsam, oder nach Bildungsgängen getrennt unterrichtet werden.

 

Schleswig-Holstein
Im nördlichsten Bundesland gibt es schon seit längerem Gemeinschaftsschulen. Nun geht die Landesregierung den entscheidenden Schritt und legt nach und nach die verbliebenen Haupt- mit Realschulen zu Regionalschulen zusammen. Nach der dort bestandenen Prüfung zur mittleren Reise können die Schüler ihren Weg auf dem Gymnasium fortsetzen. Kennzeichen der Regionalschulen ist, dass die Schüler in unterschiedlichen Formen gemeinsam lernen. Im Unterschied zur Gemeinschaftsschule wird an der Regionalschule kein gymnasialer Zweig angeboten.

 

Baden-Württemberg

Mit dem Regierungswechsel im Ländle steht Baden-Württemberg auch ein Paradigmenwechsel in der Schulpolitik bevor:  Die Pläne der neugewählten rot-grünen Landesregierung sehen vor, die Gründung von Gemeinschaftsschulen zu ermöglichen. Die ersten dreißig Gemeinschaftsschulen sind bereits genehmigt. Sie können umfassen die Jahrgangsstufen 5 mit 10. Einige Schulen sollen auch eine gymnasiale Oberstufe bekommen. Auch weiterführende Schulen sollen sich zu Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln können. Den Weg dahin will  rot-grün mit der Weiterentwicklung der Werkrealschule ebnen. Schon jetzt können alle Hauptschulen Werkrealschulen mit stärkerer Berufsorientierung werden. Am Ende der zehnten Klasse können auch Hauptschüler die Prüfung zur mittleren Reife ablegen. Neu ist, dass Werkrealschulen sich zu Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln können sollen.

 

Saarland
Zum Schuljahr 2011/12 führt das Saarland das Zwei-Säulen-Modell mit Gemeinschaftsschule und Gymnasium ein. Die zunächst diskutierte Verlängerung der Grundschulzeit ist allerdings wieder vom Tisch. In der Gemeinschaftsschule  werden Erweiterte Realschule und Gesamtschule zusammengefasst. Sie bietet alle Abschlüsse bis zur allgemeinen Hochschulreife an, wobei das Abitur an der Gemeinschaftsschule nach 13 Schuljahren erreicht werden kann, am Gymnasium nach zwölf. Unterrichtet werden die Schüler der Gemeinschaftsschule grundsätzlich gemeinsam. In einem Teil der Fächer werden die Schüler  in jeweils mindestens Gruppen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades aufgeteilt und unterrichtet.

 

Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Bremen und Sachsen-Anhalt
In diesen Ländern existiert schon heute ein zweigliedriges Schulsystem mit unterschiedlichen Formen gemeinsamen Lernens.

 

Aktualisierung: Robert Haberer

 


Weiterführende Links:

»Die Zukunft der wohnortnahen Schule - Studie des BLLV

 

 

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