Hat die Regierung mit der Mittelschule den richtigen Weg eingeschlagen? Die große Mehrheit der zur Mittelschule befragten BLLV-Mitglieder glaubt das nicht.

Die Mittelschule - (k)ein Weg zum Erfolgsmodell?

BLLV-Befragung unter Lehrkräften zur Mittelschule legt Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit offen

Das Kultusministerium feiert die Mittelschule beharrlich als durchschlagenden Erfolg. Eine große Umfrage des BLLV hat ergeben: Die Lehrkräfte an den Mittelschulen sehen ganz und gar keinen Grund zum Feiern. Für die meisten ist diese Schulform allenfalls eine Zwischenlösung.

 

Von Gerd Hüfner*

 

Zu Beginn des Schuljahres verkündete Kultusminister Spaenle vermeintliche Erfolge bei der Ausgestaltung der Mittelschule. Sein Ministerium legte dazu ein 77-seitiges Kompendium vor. Der BLLV hat die entsprechenden Erfolgsmeldungen aus Politik und Verwaltungsspitze mit den Erfahrungen in der Schulpraxis konfrontiert. An unserer Umfrage haben sich 1.078 Lehrkräfte und Schulleitungen aus Mittelschulen beteiligt. Hier die Antworten zu ausgewählten Themenbereichen.


Kapitelübersicht:

1. Unterrichtsversorgung

2. Individuelle Förderung

3. Gleichwertigkeit des Mittleren Schulabschlusses

4. Mittelschulverbünde und Wohnortnahe Schule

5. Schlussfazit zur Mittelschule

6. Befragung zum Herunterladen


1. Unterrichtsversorgung

„Die Unterrichtsversorgung haben wir zum Schuljahr 2012/13 weiter verbessert"„2.082 Lehrerstellen für zusätzliche Aufgaben haben wir für die bayerischen Schulen im Schuljahr 2012/13 bereitstellen können"(Spaenle)

 

 Wie Mittelschullehrer die Situation erleben:



Die Planung der Unterrichtsversorgung bereitete im Vorfeld des Schuljahres 2012/13 großen Ärger. Aufgrund einer unzutreffenden Schülerprognose musste die ursprüngliche Zuteilung von 1,80 Lehrerwochenstunden pro Schüler auf 1,71 herabgesetzt werden, was komplett neue Planungen in den Schulämtern und Schulen notwendig machte.

 

Die fehlerhafte Planung führte u. a. dazu, dass ein großer Teil der Mobilen Reserven in vielen Schulämtern bereits für das Füllen der Lücken und für längerfristig abwesende Lehrkräfte (z.B. Mutterschaft, Elternzeit, Altersteilzeit, etc.) vergeben waren. Entsprechend wenige Personen standen für akute Krankheitsvertretungen zur Verfügung.

 

„Wir sind überzeugt, dass wir … die Quote des Unterrichtsausfalls weiter senken können" (Spaenle)



Nicht ausreichende Mobile Reserven erfordern spontane und häufig improvisierte Vertretungen durch Kolleginnen und Kollegen. Mangelnde Mobile Reserven konnten dementsprechend nur zu einem geringen Teil (12%) die Vertretungssituation im Vergleich zum Vorjahr verbessern. Fast drei Viertel der Befragten sah keine positive Entwicklung. 15% der Lehrkräfte, die nicht mit der Vertretungsplanung nicht befasst waren, trafen keine Aussage.


 „Wir können … etwa 200 Lehrkräfte (mehr) an Schulen mit besonderen soziokulturellen Herausforderungen - sog. Integrationszuschlag. einstellen“



900 Befragte (83% aller Befragten) äußern sich zu dieser Frage, 229 enthalten sich eines Urteils. Nur 8% sehen mehr Unterstützung bei der Unterrichtung von Schülern mit Migrationshintergrund, zwei Drittel jedoch nicht. Die Angaben derLehrkräfte machen deutlich, dass mit den zugebilligten 200 Stellen für diesen Zweck das Problem noch ange nicht gelöst ist.


„100 Lehrkräfte mehr können wir im Schuljahr 2012/13 auch für die Inklusion einsetzen" (Spaenle)



Von den 927, die geantworten haben (86% aller Befragten),  berichten nur 11%, dass sich die Unterstützung beim Unterrichten besonders förderbedürftiger Schüler verbessert habe. 70% sehen in diesem Punkt keine Verbesserung. Es wird deutlich, dass die Versorgung mit zusätzlichem Lehrpersonal für eine erfolgreiche Umsetzung von Inklusion bei Weitem nicht ausreicht. Die Antworten bestätigen das Ergebnis einer Befragung des BLLV zum Thema Inklusion im Frühsommer 2012.


Fazit: Kultusminister Spaenle und sein Ministerium versuchen den Eindruck zu erwecken, die Versorgung der Schulen mit Lehrern und Lehrerstunden werde von Jahr zu Jahr besser. Für die große Mehrheit der Lehrkräfte hat sich die Unterrichtsversorgung jedoch nicht verbessert.

 

Die große Mehrheit berichtet von einer deutlichen Unterversorgung der Schulen mit Lehrerstunden und –stellen, bei steigendem Stundenbedarf, der allein durch den Ausbau der Ganztagsklassen (12 zusätzliche Stunden pro Klasse für den Nachmittagsunterricht) ausgelöst wird. Die Mehrheit der Lehrer leidet darunter und eine beträchtliche Zahl von Schülern auch.


2. Individuelle Förderung

Wir wollen ihnen (den Schülern) ... verstärkt eine individuelle Lernzeit gegenüber der institutionellen Schulzeit - das bedeutet oft ein Mehr an Zeit - anbieten." (Spaenle)



"Bei der Mittelschule konnte … die individuelle Förderung der jungen Menschen weiterausgebaut werden." (Kultusministerium)



Fazit: Die Möglichkeit zu individuellen Förderung von Schüler ist in den Mittelschulen nur für eine von zehn Lehrkräften gegeben. Dies betrifft sowohl die Einrichtung von begleitenden Förderkursen als auch die für die Individualisierung erforderlichen Gruppengrößen und verfügbare Unterrichtszeit.

 

Die Unterstützung, die eine Lehrkraft im Unterricht erhält, ist äußerst dürftig, sofern überhaupt vorhanden. Nur bei besonderen Umständen wie der Eingliederung mehrerer Migranten, die erst noch Deutsch lernen müssen, oder mehrerer Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Klasse kommt sie zum Tragen.


3. Gleichwertigkeit des Mittleren Schulabschlusses

Der "Mittlere Bildungsabschluss (der Mittelschule) ist gleichwertig zum Realschulabschluss" (Kultusministerium)



Fazit: Das Ministerium geht offensichtlich von einer formalen Gleichwertigkeit aus. In diesem Sinne könnten Absolventen eines M-Zweigs einer Mittelschule theoretisch ohne Probleme auf die Fachoberschule (FOS) wechseln. Tatsächlich werden die Erfolgsaussichten von Mittelschülern mit einem Mittlerem Schulabschluss aber von 70% der Lehrkräfte als schlechter als die von Realschülern eingeschätzt. Sie sehen, dass die Lehrpläne der FOS auf den Lehrplänen der Realschule aufbauen.

 

Mittelschüler mit dem formal gleichen Abschluss haben bei den Ausbildern vieler Betriebe und in höher qualifizierenden Berufen deutlich geringere Chancen einen Ausbildungsplatz zu erhalten als Realschüler. Mehr als drei Viertel der Mittelschullehrer/innen erleben dies in ihrer Praxis so und nur 13% sehen keine Unterschiede gegeben.


4. Mittelschulverbünde und Wohnortnahe Schule

 „Die bisher gültige Mindestzahl von 15 Schülerinnen und Schülern pro Klasse wurde für die Mittelschulverbünde aufgehoben." (Kultusministerium)



302 der befragten Lehrkräfte berichten (33%), dass an ihrer Schule der Bedarf bestand, mindestens eine Klasse mit weniger als 15 Schülern zu bilden. Hier machen sich die Folgen des demografischen Rückgangs und der wachsenden Übertrittsquoten auf Realschule und Gymnasium deutlich bemerkbar. In 282, also den meisten Fällen, ist erfreulicherweise die Bildung kleinerer Klassen gelungen. Allerdings in der Regel um den Preis, dass Förderkurse und freiwillige Arbeitsgruppen nicht mehr angeboten werden können.


"Mittelschulverbünde können auch Schulstandorte erhalten, an denen nicht mehr für jede Jahrgangsstufe eine Klasse gebildet werden kann" (Kultusministerium)



"Der Erhalt von Schulstandorten, auch durch die Mittelschulverbünde, ist ein wichtiger Beitrag zur Gleichstellung des ländlichen Raums mit städtisch geprägten Regionen und Ballungsgebieten" (Spaenle)



Fast zwei Drittel der Lehrkräfte können keine Entwicklung in Richtung gleicher Bildungschancen in Städten und ländlichen Räumen erkennen.


„Gleiche Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger sind in einer Demokratie das A und O. Gleiche Teilhabechancen für alle Kinder und Jugendlichen sind auch im Bildungsbereich essentiell" (Spaenle)



"Es ist mir wichtig, dass die jungen Menschen möglichst wohnortnah ein qualitätvolles und differenziertes Bildungsangebot nutzen können." (Spaenle)



Fazit: Wenn ein Drittel der Befragten in Schulverbünden berichtet, dass an ihrer Schule die Notwendigkeit bestand eine Klasse mit weniger als 15 Schülern zu bilden, ist das auf die Auszehrung der Mittelschule zurückzuführen. In den meisten Fällen konnten diese Klassen auch gebildet werden.

 

Die Mehrheit der befragten Lehrkräfte glaubt aber nicht, dass die Mittelschule zur Sicherung wohnortnaher Schulstandorte taugt. 80% gehen davon aus, dass Schließungenn nur zeitlich hinauszögern können.

 

Den Worten des Ministers von der Gleichstellung von städtischen und ländlichen Räumen schenken knapp zwei Drittel der Befragten keinen Glauben. Zweifel am Erhalt der Schulstandorte und fehlende weiterführende Abschlüsse auf dem Land sind wesentliche Gründe dafür. 

 

Die Qualität des Bildungsangebots einer Mittelschule hat sich in den Augen der Lehrkräfte im Vergleich zur früheren Hauptschule nicht wesentlich verbessert. 60 % teilen nicht die Auffassung, dass in einem dreigliedrigen Schulsystem gute Schulqualität mit verbesserten Bildungschancen und Wohnortnähe verbunden werden können. Die offenen Antworten machen deutlich, dass der größte Teil mehr Qualität und Bildungschancen nur in einem stärker integrierenden System sehen. Höhere Schulabschlüsse müssen demzufolge vor Ort und wohnortnah angeboten werden.


5. Schlussfazit zur Mittelschule

"Die Mittelschule hat unsere Erwartungen voll erfüllt". (Spaenle)

"Die Weiterentwicklung der Hauptschule (zur Mittelschule) … hat sich als Erfolgsmodell bewährt". (Kultusministerium)



Spaenle äußert, dass seine Erwartung an die Mittelschule voll erfüllt seien. Die große Mehrheit der Befragten ist allerdings anderer Meinung. Verbesserungen für die Schüler, wie zum Beispiel mehr individuelle Förderung, mehr freiwillige Angebote nach Interesse der Schüler, kürzere Schulwege, oder verbesserte Aufstiegschancen, haben sich mit der Mittelschule für 84% der befragten Lehrkräfte nicht eingestellt. Nur 11% sehen Verbesserungen für die Schüler.

 

Noch deutlicher wird die Ablehnung, wenn man den Bezug zu den Lehrkräften herstellt. 91% empfinden durch die Einrichtung der Mittelschulen keine Verbesserungen für sich und ihre Möglichkeiten einen qualitätsvollen Unterricht zu halten bei einem erträglichen Umfang an Arbeitsbelastung. Im Ergebnis können mehr als drei Viertel der Befragten die Mittelschule nicht als Erfolgsmodell einordnen. 

 

Der steigende Druck auf Politik und Verwaltung ausschließlich Erfolge des eigenen Handelns in der Öffentlichkeit zu verkaufen, vergrößert die Kluft zwischen den politischen und administrativen Konzepten und Einschätzungen einerseits und der Realität und den Erfahrung der handelnden Personen vor Ort andererseits.

 

 

*Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BLLV


6. Befragungsergebnisse zum Herunterladen

Sämtliche Ergebnisse mit der Befragung mit ausführlichen Erläuterungen auch zu den Themenbereichen Berufsorienteirung, Ganztagsangebote und Kooperation mit Realschulen können Sie hier herunterladen.


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