Zeitungsartikel
Für die Recherche durch die Schülerinnen und Schüler bieten sich aktuelle Texte aus der Tagespresse an. Sie finden hier Artikel, die sich hierfür eignen.
- Svea Eckert und Nils Klawitter: Leere Labore; DER SPIEGEL 41/2008 vom 06.10.2008
- Michael Krawinkel: Vom goldenen Reiskorn; taz vom 25.05.2009
- Sebastian Herrmann: Grüne Gentechnik; Süddeutschen Zeitung vom 26.08.2009
- Interview mit Jean Ziegler: „Ein Kind, das aus Hunger stirbt, wird ermordet“; Hamburger Abendblatt, 16.10.2009
Leere Labore
Artikel im DER SPIEGEL 41/2008 vom 06.10.2008, Seite 93
Autoren: Svea Eckert und Nils Klawitter
In den neuen Bundesländern sind Hunderte Millionen Euro Fördergelder in die grüne Gentechnik geflossen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Spitzenprodukte sind nicht in Sicht. Als Inge Broer in Bielefeld Biologie studierte, da hatte sie ein Gärtchen mit Ökogemüse, eine gesunde Skepsis gegen Konzerne - und ein bisschen Angst. Die gentechnischen Freisetzungsversuche seien ihr "unheimlich" gewesen, sagt sie. "Wir wissen so wenig darüber, was wir tun", dachte die Studentin - damals, Anfang der neunziger Jahre.Heute ist Broer Professorin für Agrobiotechnologie in Rostock. Konzerne wie Bayer halten Patente auf Gen-Pflanzen, die sie erfunden hat. Sie forscht an Gen-Kartoffeln, aus denen man später mal Bio-Kunststoffe machen kann. Und die könnten dann heutige Kunststoffe aus Erdöl ersetzen. Irgendwann. Vielleicht. Die Politiker im Osten des Landes hoffen das auch, sie setzen in großem Stil auf die Gentechnik. Bisher jedenfalls.
Bereits im Jahr 2000 hatte Sachsen den Fünfjahresplan "Biosaxony" aufgelegt: Über 200 Millionen Euro an Lockmitteln stellte die Staatsregierung bereit. 2003 zog Sachsen-Anhalt mit der "Biotechnologie-Offensive" nach und spendierte knapp 150 Millionen Euro bis 2008. "Das war damals der Trend, die Technologie war im Aufwind, es gab Hungersnöte", sagt der heutige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU).
2004 ging es dann auch in Mecklenburg-Vorpommern los - der Lobbyverein "zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie" (Finab), dem Broer vorsitzt, hatte immer wieder angetrieben. Für zehn Millionen Euro wurde in Groß Lüsewitz östlich von Rostock ein Agrobiotechnikum gebaut - mit einem Schülerlabor für Gentechnik. 260 Hektar Fläche gehören zum Groß Lüsewitzer Anwesen.
Während die Agrokonzerne in Westdeutschland ihre Gen-Freisetzungen vorsichtshalber in kleinen Portionen auf wohlgesinnte Gemeinden verteilen, brauchen sie in Groß Lüsewitz keine Rücksicht zu nehmen: Außer einem benachbarten Biounternehmer mit dem Namen Kampf, der allerdings schon zwei Klagen verlor, regt sich kaum Widerstand. "Theoretisch", so Kerstin Schmidt von der Finab, "kann die gesamte Fläche gentechnisch genutzt werden."
Im Moment ist es allerdings nur ein kleiner Teil: Neben Broers Plastik-Kartoffeln wächst hier der umstrittene genveränderte Mais MON 810 von Monsanto, der das Gift des Bodenbakteriums Bt selbst produziert und damit gegen Schädlinge wie den Maiszünsler wirkt. Der Zünsler war im Norden lange kaum ein Problem. Doch durch die vielen Mais-Monokulturen, verstärkt durch die boomende Biogas-Branche, breitet sich dieser Schädling inzwischen auch dort aus.
Hinter einem zwei Meter hohen Bauzaun und einem kleineren mit Elektromaschen reifte auch die neue Super-Kartoffel Amflora von BASF. Sie soll einmal zu Papier und Einweg-Geschirr verarbeitet werden können und dem Unternehmen 100 Millionen Umsatz im Jahr bringen.
Doch die Ludwigshafener Manager sind genervt: Seit 1996 versuchen sie, die Zulassung von der EU-Kommission zu bekommen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bescheinigte die Unbedenklichkeit. Strittig ist die Knolle dennoch, denn sie enthält ein Antibiotikaresistenzgen zur Wiedererkennung. Doch diese Methode ist veraltet: Kritiker bemängeln, dass Krankheitserreger gegen bestimmte Antibiotika immun werden könnten. BASF jedenfalls hat die EU-Kommission nun wegen Untätigkeit verklagt.
Das Feld bei Groß Lüsewitz lässt BASF Plant Science von einem externen Dienstleister bestellen, der Firma Biovativ. Die besitzt einige Ackergeräte sowie einen Traktor aus Weißrussland und soll die Freisetzungen wissenschaftlich begleiten. Vor allem aber soll sie helfen, das ganze Zulassungsprozedere schneller und billiger zu machen. Eine Pflanzenzulassung koste im Moment mindestens zehn Millionen Euro, so Broer, was sich fast nur Konzerne leisten könnten. "Wir können hier auf eine Million Euro runterkommen." Chefin von Biovativ ist Broers Bekannte Kerstin Schmidt. Auf ihrer Visitenkarte stehen neben der Finab und Biovativ auch noch ein paar andere Firmen: BioMath etwa, ein kleines Statistikunternehmen, und Bio-OK, eine "One-Stop-Agency" für Pflanzenzüchter. Schmidt bekommt drei Geschäftsführergehälter. Und alle Firmen haben eines gemeinsam: Ohne öffentliche Fördermittel würde es sie so nicht geben.
Andreas Bauer vom Umweltinstitut München hält die Situation in Mecklenburg-Vorpommern für "Vetternwirtschaft": "Forschungsgelder werden innerhalb eines kleinen Zirkels von Eingeweihten untereinander verteilt."
Christoph Then, lange bei Greenpeace für Gentechnik zuständig, hat gerade für die Grünen ein Gutachten zur Rolle der Behörden in der Agro-Gentechnik vorgelegt. Broer und Schmidt wirft er eine "intransparente Verquickung" ihrer öffentlichen und privatwirtschaftlichen Tätigkeiten vor: Broer mischt etwa neben ihrer Uni-Tätigkeit auch bei der Firma Biovativ mit, der kommerziellen Tochter der Finab. Zugleich tritt sie als Gutachterin bei der Efsa auf - wie auch Schmidt.
Den Vorwurf einer Interessenkollision weisen beide von sich. Bei der Efsa hätten sie nur beratende Funktion. Sicher profitiere sie von Förderung, so Schmidt. "Aber daraus habe ich in den letzten drei Jahren mehr als 20 Arbeitsplätze geschaffen." Inge Broer sagt, die entstandenen Netzwerke seien notwendig, aber "kein Filz". Vom Forschungsministerium gebe es nur Geld, wenn die Industrie beteiligt sei. Dafür die nötige Infrastruktur zu schaffen blieb an Broer und Schmidt hängen: Inge Broer berappte sogar einen Teil des Startkapitals für die "One-Stop-Agency" Bio-OK.
Gründungsmitglied des Lobbyvereins Finab ist der Mikrobiologe Joachim Schiemann, der auch fluoreszierende Gen-Pflanzen entwickelte. Im Hauptberuf ist der Braunschweiger Professor Abteilungsleiter bei der Biologischen Bundesanstalt - und er arbeitet als Sachverständiger für die Efsa. Seine Risiko-Einschätzungen dienen der EU-Kommission und dem EU-Parlament als Grundlage für Entscheidungen zur Gentechnik. Mit seiner Doppelrolle sei Schiemann "zu weit gegangen", sagt Then. Schiemann sieht das anders: Er habe "keine kommerzielle Verbindung zur Gentechnikindustrie". Zudem habe er die Finab verlassen, als der Verein sich "mehr in Richtung Gentechnik" bewegt habe.
Mit der Finab und dem Agrobiotechnikum wollten Schiemann, Broer und die darin versammelten Saatgutfirmen eigentlich für eine "New Economy" in Mecklenburg sorgen und Arbeitsplätze schaffen. Doch die Gänge im Technikum sind verwaist. Durch Sichtfenster in den Türen fällt der Blick auf leere Laborräume. Sie sind möbliert und mit allen Anschlüssen versehen, nur ohne Mieter. Der Betreiber, eine Firma namens BioConValley, spricht von Anlaufproblemen. Im Zentrum arbeiteten derzeit 35 Personen, es sei nur zu 50 Prozent ausgelastet, ein Zuschussbetrieb.
Was Groß Lüsewitz für Mecklenburg, ist Gatersleben für Sachsen-Anhalt - nur mit deutlich mehr Reputation. Das 1945 gegründete Institut für Pflanzenkunde (IPK) verfügt über eine der größten Samenbanken der Republik: 148 000 Kulturpflanzenmuster lagern hier. Über 2500 davon sind neulich in Spitzbergen ins ewige Eis eingelagert worden - falls später mal jemand probieren will, wovon sich damals die Menschen ernährt haben.
Um das IPK herum setzte der langjährige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) großzügig Fördergelder ein: Knapp 150 Millionen Euro machte er 2003 für die Biotech-Offensive locker, um Firmen in die Region zu holen. Die "Mitteldeutsche Zeitung" sah die Pflanzenbiotechnologie zwischen Harz und Magdeburg auf dem Weg in die "Weltklasse". Um diesen Mythos zu verkaufen und die Initiative zu lenken, holte Rehberger Jens Katzek.
Der Biochemiker hatte beim BUND jahrelang gegen Gentechnik gekämpft, bevor er zum Saatguthersteller KWS wechselte. "Ich hab die Ideologie irgendwann mal ausgeschaltet und fand viele Antworten der Industrie überzeugend", sagt Katzek. Sein Seitenwechsel wurde ihm hoch angerechnet: Bei der Bio Mitteldeutschland GmbH verdiente er fast so viel wie der Ministerpräsident.
Katzek kann die letzten fünf Jahre sehr eloquent als "Erfolgsgeschichte" verkaufen. Wenn er die sogenannte rote Biotechnologie und wissenschaftlich eher anspruchslose Pharma-Zulieferer einbezieht, mag er auf imposante Zahlen kommen. In Sachsen sieht es diesbezüglich mit allerhand "LifeScience"-Unternehmen noch besser aus.
Aber bei dem, was man eigentlich fördern wollte, etwa neue Pflanzen, die Trockenheit vertragen und dem Klimawandel trotzen - "da wird es komplizierter", sagt Wirtschaftsminister Reiner Haseloff. "Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt." Es gebe kaum neue Produkte, und die Ängste der Bevölkerung könnten nicht zerstreut werden.
Haseloff hat auch mal überschlagen, was die staatliche Beatmung eigentlich gebracht hat. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Arbeitsplätze in der Agro-Gentechnik gingen von 1479 im Jahr 2003 auf 1473 im Jahr 2008 zurück. Zieht man die Jobs in staatlichen Einrichtungen ab, bleiben gerade 375 in der Privatwirtschaft übrig. 55 Millionen Euro seien ergebnislos verpufft, monierte die Opposition im Landtag.
Mit mehreren Millionen Euro hielt die landeseigene Investitionsbank IBG jahrelang eine Firma am Leben, die eine Antikörper produzierende Freilanderbse gegen Schweinedurchfall entwickelt hatte, die keiner haben wollte. "Geld verdienen wir mit Q-Cells", sagt Haseloff leicht sarkastisch, einer inzwischen weltbekannten Solarfirma, die das Land mitgegründet hat.
Die grüne Gentechnik will der Minister nur noch ganz gezielt fördern, nicht mehr blind. Die Bio Mitteldeutschland wurde von sieben auf fünf Mitarbeiter gestutzt, Katzeks Gehalt gekürzt.
Im hinteren Teil des Gaterslebener Biotech-Zentrums ist vor gut einem Jahr ein neues Gelände eingeweiht worden. Doch in diesem "Biopark" herrscht Leere. Erst zwei Firmennamen stehen auf dem großen Schild. "Wir hatten uns da mehr erhofft", gibt Katzek zu.
Offenbar hat hier nicht mal der Beistand von oben geholfen. An der 35-Millionen-Förderung des Bioparks hatte sich neben dem Land auch das Bistum Magdeburg über die kircheneigene Gero AG mit 3 Millionen Euro beteiligt. Die Gentechnik-Begeisterung ihres zuständigen Seelsorgers stieß vielen Gläubigern damals bitter auf.
Doch der ließ sich nicht beirren und besprenkelte das Gebäude bei der Einweihung sogar mit Weihwasser.
Vom goldenen Reiskorn
Kommentar in der taz vom 25.05.2009
Autor: Michael Krawinkel
Ein Argument, das in keiner Gentechnikdebatte fehlt, ist der Hinweis auf den Nutzen der Gentechnik für die Welternährung. Mit Agrogentechnik könne Saatgut entwickelt werden, das den Hunger in der Welt besiege, weil die Ernteerträge steigen, Nährstoffe in der Pflanze angereichert würden und diese resistent gegen Schädlinge, Trockenheit und salzhaltige Böden werde.
Was die gentechnische Veränderung von Baumwolle und Soja damit zu tun hat, erschließt sich nur über den Umweg erhöhter Einkommen für die Farmer. Der kürzlich erschienene Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung des Bundestags formuliert es so: "Seriöse wissenschaftliche Übersichtsstudien verweisen auf das grundsätzliche Problem, dass der tatsächliche bzw. mögliche Nutzen und Gewinn aus der Verwendung transgenen Saatguts in vielfacher Weise durch regionale und betriebliche Faktoren beeinflusst wird […]." Das bedeutet: Neben den erwünschten Eigenschaften der gentechnisch veränderten Sorten gibt es ein erhebliches Risiko mangelhafter Anpassung der Pflanzen an Böden, Klima und Schädlinge der Entwicklungsländer. Nicht nur die möglichen, sondern auch die bereits eingetretenen Ernteausfälle, die den wirtschaftlichen Ruin und das Zusammenbrechen der Nahrungssicherheit der Bauern zur Folge haben, stehen im krassen Gegensatz zur versprochenen Verbesserung. Man denke nur daran, dass zahlreiche indische Bauern im Jahr 2007 Selbstmord verübten, weil sie ihre Kredite für das Saatgut von der Firma Monsanto nicht zurückzahlen konnten.
Zudem muss man sich fragen, welchen Anreiz es für Bauern in Entwicklungsländern überhaupt gibt, ihre landwirtschaftliche Produktion - mit welcher Technologie auch immer - zu steigern, wenn gleichzeitig auf den ihnen zugänglichen Märkten die Überschüsse der hoch subventionierten Landwirtschaft aus der nördlichen Hemisphäre verramscht werden. Die unselige Politik des Freihandels, die es sogenannten Entwicklungsländern verbietet, zum Schutz ihrer eigenen Bauern ordentliche Zölle auf Agrarimporte zu erheben, und gleichzeitig Agrarsubventionen hier erlaubt, verdirbt dort die Preise ohne Ende.
Aber zurück zur Agrogentechnik. Als Beispiel für eine gelungene gentechnische Veränderung von Nahrungspflanzen wird immer wieder der "Golden Rice" genannt. Ich setze ihn in Gänsefüßchen, weil es sich bei dem Namen um einen bislang unbegründeten Euphemismus handelt. Die Entwicklung dieser Reissorte war eine züchtungstechnische Großtat gentechnischer Veränderung von Pflanzen; sie ist biotechnologisch beeindruckend und respektabel. Im Jahr 2000 war zwar zunächst so wenig Betakarotin, eine Vorstufe des Vitamin A, in den Körnern, dass nachgebessert werden musste, aber dann gab es den "Golden Rice 2", in dem 23-mal so viel Betakarotin vorhanden ist und in dem auf das Antibiotika-Resistenz-Gen verzichtet wurde. So weit, so gut.
Der Beweis fehlt
Der Erfinder behauptete nun öffentlich, dass Gentechnikkritiker aus Europa die Verantwortung für Todesfälle und die Erblindung von Millionen Kindern in aller Welt zu tragen hätten. Eine These, die wissenschaftlich durch nichts belegt ist. Allerdings wurden seit 2004 und 2005 Humanstudien durchgeführt und teilweise abgeschlossen. Diese sollten nachweisen, wie gut der Körper das im "Golden Rice" vorhandene Betakarotin nutzen kann. Aber Ergebnisse zur sogenannten Bioverfügbarkeit wurden nie veröffentlicht. Selbst die Projektwebsite (www.goldenrice.org) verweist nicht auf eine entsprechende wissenschaftliche Publikation und berichtet bisher nur über die "erfolgreiche" Durchführung eines "human feeding trial" - ohne konkrete Ergebnisse zu nennen. Nun haben dreißig Wissenschaftler der Bostoner Tufts University kürzlich dagegen protestiert, dass bei diesen Studien gegen den Nürnberger Ethikcode als grundlegende Regel guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen wurde: Kinder einer Grundschule in China wurden als Studienobjekte eingesetzt. Auf Druck der Regierung musste der Versuch abgebrochen werden.
Leidige Methodenverliebtheit
Auch im Bereich der Biomedizin regt sich Kritik am "Golden Rice"-Konzept der Vitamin-A-Versorgung. Im Dezember 2008 wies Dave Schubert vom bekannten Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, darauf hin, dass neuartige biologisch aktive Pflanzeninhaltsstoffe wie das Betakarotin im Reis völlig unerwartete und unerwünschte Stoffwechseleffekte auslösen können. Ein Teil des Betakarotins wird nämlich in Retinsäure umgewandelt, die als Regulator für Zellwachstum und -differenzierung wirkt. Völlig gefahrlos erscheint dagegen die Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels durch eine vielfältige Ernährung, etwa den Verzehr von betakarotinhaltigen Pflanzen und Früchten sowie tierischen Nahrungsmitteln - das ist nachhaltig, fördert die lokale Landwirtschaft und hat auch nicht nur einen Nährstoff, sondern eine insgesamt gesundheitsfördernde Ernährung im Blick.
Schließlich muss man sich fragen, wo wir endlich anfangen wollen, den Hunger in der Welt effektiv zu bekämpfen. Wenn wir nicht methodenverliebt und mit dem vorrangigen Ziel der Förderung der Agrochemie- und Saatgutkonzerne an das Problem herangehen, geht es um Produktionssteigerung und -sicherung kleinbäuerlicher Landwirtschaft in den Entwicklungsländern selbst. Die steigende Zahl von Menschen, die in Nahrungsunsicherheit leben, zeigt, dass die bisherigen Ansätze dort komplett versagen. Verbesserung lokalen Saatguts, Verminderung der Verluste, die nach der Ernte entstehen, Verzicht auf subventionierte Agrarexporte und Förderung ländlicher Entwicklung sind echte Ansatzpunkte.
Das klingt nicht nach Innovation, aber es ist zielführend - was man von dem Missbrauch des Arguments, Grüne Gentechnik leiste einen Beitrag zur Hungerbekämpfung, nicht sagen kann. Dessen Protagonisten leisten der Entwicklung Vorschub, dass die Saatgut- und Agrochemiekonzerne des Nordens die Märkte hier und im Süden erobern und die dortige kleinbäuerliche Landwirtschaft verdrängen.
www.taz.de/nc/1/debatte/kommentar/artikel/1/vom-goldenen-reiskorn
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Grüne Gentechnik
Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 26.08.2009
Autor: Sebastian Herrmann
Kann Grüne Gentechnik den Hunger der Welt bekämpfen? "Ja", sagen Befürworter und sprechen von einer "Luxusdiskussion". Doch die Kritiker bringen sie damit nicht zum Schweigen.
Die Aussichten klingen phantastisch. Was wäre, wenn es dem Forscherteam unter der Leitung des Internationalen Reisforschungsinstituts auf den Philippinen gelänge, einen sogenannten C4-Reis auf den Markt zu bringen?
Der Ertrag, den ein Reisfeld abwirft, könnte sich mit einem Schlag verdoppeln und gleichzeitig Wasser sowie Dünger gespart werden. Wie das gehen soll? Die meisten Pflanzen verlieren bei der Photosynthese etwa 30 Prozent Energie, ein Betriebsfehler der Natur. Nur einige Pflanzen, etwa Mais oder Zuckerrohr, beherrschen die C4-Photosynthese von Natur aus.
Sie ist der Effizienz-Turbo der Natur: Die Pflanzen brauchen weniger Wasser, weniger Nährstoffe und bilden dennoch mehr Biomasse. Würde ein solcher C4-Reis eines Tages Wirklichkeit werden, wäre es ein transgener Reis.
Kann die grüne Gentechnik den Hunger der Welt bekämpfen? Die Pflanzen der Zukunft müssen mit ausgelaugten Böden, mit Dürre, Hitze oder Überschwemmungen zurechtkommen. Gigantische Anforderungen, die Welternährungsorganisation FAO spricht davon, dass es eine zweite grüne Revolution brauche.
Sparsame Gentechnik
Die erste ließ vor 40 Jahren schon einmal sprunghaft die Erträge steigen, dank des Einsatzes von Monokulturen, Pestiziden, Dünger und neuem Saatgut. Doch das Konzept ist ausgereizt. Dafür verspricht nun die Gentechnik, neue Nutzpflanzen zur Verfügung zu stellen.
Seit es 1983 erstmals gelungen ist, eine transgene Pflanze zu züchten, wird die Technik von Befürwortern bejubelt und von Gegnern bekämpft. Sie könne ihre Versprechungen nicht halten, sagen Kritiker. Zur Linderung des Hungers auf der Welt hat die Gentechnik tatsächlich noch nicht beigetragen. "Die Verbesserung der Ernährungslage war nicht das Ziel der Züchtung der heute erhältlichen gentechnisch veränderten Sorten", erklärt Hans Rudolf Herren, stellvertretender Vorsitzender des Weltlandwirtschaftsrates.
Gentechnisch veränderte Pflanzen wurden bisher für die Anforderungen einer industrialisierten Landwirtschaft gezüchtet. Sie sind etwa herbizidresistent, damit der Landwirt mehr Unkrautbekämpfungsmittel ausbringen kann, das spart Arbeitszeit und Geld. Herbizidresistentes Soja, das weltweit auf Millionen Hektar Land wächst, wird zum Beispiel vor allem als Viehfutter angebaut. Davon profitieren der Saatguthersteller und der Rinderzüchter in Europa, der billiges Fleisch liefert.
Landwirte, die in Afrika oder Asien für den Eigenbedarf anbauen, können sich solches Saatgut jedoch nicht leisten; Dünger und Pflanzenschutzmittel sind für sie ebenfalls unerschwinglich. Doch sind es vor allem diese Landwirte, die ihre Erträge steigern müssen, um sich selbst und eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren - diese 400 Millionen Kleinbauern müssten gefördert werden, fordert Hans Rudolf Herren.
Die Agrarforschung solle sich nach den Bedürfnissen der Bauern in Asien und Afrika richten, ihnen solle Zugang zu den abgeschotteten Märkten Europas oder Nordamerikas gewährt werden. In vielen Ländern müssten Landbesitzrechte verbindlich geklärt werden.
Es könne hilfreich sein, Techniken aus dem Öko-Landbau zu vermitteln, mit denen ohne Kapitaleinsatz die Erträge gesteigert und Böden fruchtbar gehalten werden können. Das alles hat mit Gentechnik nichts zu tun. Dennoch bezeichnen Forscher wie der Düsseldorfer Biologe Peter Westhoff, der am C4-Reis forscht, den europäischen Streit über gentechnisch veränderte Pflanzen als "Luxusdiskussion". Die meisten Wissenschaftler teilen seine Meinung.
"Es ist glasklar, dass die Gentechnik eine nützliche Methode ist", sagt Bernd Müller-Rober vom Max-Planck-Institut für Pflanzenphysiologie. Sie könne helfen, Nahrungsmittelpflanzen wichtige Eigenschaften zu verleihen. Manches lässt sich allerdings auch erreichen, wenn man konventionelle Zuchtmethoden mit den Erkenntnissen aus der Molekularbiologie, die ohne Gentechnik auskommt, kombiniert.
Die grüne Gentechnik trotz offener Fragen, etwa zur Sicherheit, generell zu verteufeln, wäre aber falsch. Genauso falsch, wie sie als die einzige mögliche Lösung zu preisen. Die Gentechnik könne einen Beitrag zur Verbesserung der Welternährung leisten, sagt der Molekularbiologe Frank Kempen von der Universität Kiel. Man solle nur keine Wunder erwarten.
Interview mit Jean Ziegler*
„Ein Kind, das aus Hunger stirbt, wird ermordet“
Artikel im Hamburger Abendblatt 16.10.2009
Uno-Menschenrechtsrat: Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses fordert Ende der Agrarsubventionen und faire Preise für Rohstoffe. Weltweit leiden heute 1,02 Milliarden Menschen an Unterernährung und Hunger. Viele der Betroffenen leben in Afrika sowie in Indien. In vielen Ländern des Südens werden insbesondere Kinder aus Mitteln des Welternährungsprogramms mit Lebensmitteln versorgt, wie hier in Bamako, der Hauptstadt von Mali.
Hamburg. Abendblatt: Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise wurden in den Industriestaaten bisher vor allem Vermögenswerte vernichtet. Wie stark trifft die Krise die Armen in Schwellen- und Entwicklungsländern?
Jean Ziegler: Der französische Schriftsteller Alphons Allais schreibt: "Wenn die Reichen abmagern, sterben die Armen." Die Vernichtung von vielen Tausend Milliarden Dollar von Finanzwerten durch die von Börsenhalunken ausgelöste Weltfinanzkrise hat in den 122 Ländern der südlichen Hemisphäre, wo 4,9 der weltweit 6,7 Milliarden Menschen wohnen, schreckliche Folgen. Durch die Finanzkrise nehmen die Armut, der Hunger und das Massenelend in vielen Ländern des Südens dramatisch zu.
http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1229687/Hunger-auf-der-Welt.html
Abendblatt: Können Sie Beispiele nennen?
Ziegler: Das Welternährungsprogramm (WFP) der Uno, das für die humanitäre Soforthilfe verantwortlich ist, hat über 40 Prozent seiner Mittel verloren. In Bangladesch wurde die Schülerspeisung für mehr als 700 000 meist unterernährte Kinder eingestellt. In Somalia, Nordkenia und anderen Ländern verteilt das WFP Tagesrationen, die 500 Kalorien unter dem Existenzminimum liegen.
Abendblatt: Gibt es auch Gewinner der Krise?
Ziegler: In der Dritten Welt nicht. Gewinnen tun bloß die Spekulanten von Goldman Sachs, der Deutschen Bank und anderen Philanthropen.
Abendblatt: Zur Jahrtausendwende hatte die Uno das Ziel proklamiert, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Ist dieses Ziel noch realistisch?
Ziegler: Die neun sogenannten Millenniumziele sind total unrealistisch. Im vergangenen April ist die Zahl der schwerstens, permanent unterernährten Menschen zum ersten Mal in der Geschichte über die Ein-Milliarden-Grenze gestiegen. Heute leiden 1,02 Milliarden Menschen unter chronischem Hunger und Armut. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das in einer Welt, die insgesamt vor Reichtum überquillt. Ein Kind, das heutzutage aus Hunger stirbt, wird ermordet. Denn es gäbe genügend Lebensmittel, um alle Menschen zu ernähren.
Abendblatt: Welchen Beitrag müssten Industrieländer, Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) leisten, damit sich diese Situation ändert?
Ziegler: Der IWF muss dringend alle Strukturanpassungsprogramme stoppen, die allesamt Hunger erzeugen. Er und die Weltbank müssen den totalen Schuldenerlass der 49 sogenannten LDP (Least Developed Countries) befördern. Sie sollten anstatt die Export- die Subsistenzlandwirtschaft fördern - also für eine regionale Selbstversorgung der Bevölkerung durch Ackerbau und Viehzucht sorgen.
Abendblatt: Inwieweit bedroht die hoch subventionierte EU-Agrarpolitik die Existenz der Bauern in Schwellenländern?
Ziegler: Sie zerstört die Landwirtschaft in Afrika. Auf jedem afrikanischen Markt - wie Bamako, Dakar, Yaounde - können Sie heute deutsches, französisches oder portugiesisches Gemüse und Früchte zur Hälfte oder zu einem Drittel (je nach Saison) des Preises der gleichwertigen afrikanischen Inlandprodukte kaufen. Unter diesen Bedingungen hat kein Bauer in den Ländern eine Chance, seine selbst erzeugten Produkte zu verkaufen. Von 53 afrikanischen Staaten sind 37 praktisch reine Agrarstaaten.
Abendblatt: Die Anfeindungen gegenüber dem Westen und seinem Lebensstil nehmen zu. Die Drohungen durch Terroristen zählen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu unserem Alltag. Wo sehen Sie die Wurzeln dieser neuen Aggression?
Ziegler: Es gibt den pathologischen und den vernunftgeleiteten Hass, die ich genau unterscheide. Der pathologische Hass produziert Terrorismus. Er gehört ins Reich des organisierten Verbrechens und muss bekämpft werden. Der vernunftgeleitete Hass schafft dagegen soziale Bewegungen, ein Wiedererwachen der Identität von Völkern und nationalen Widerstand gegen die vom Westen produzierte ausbeutende Weltordnung. Beispiel: Bolivien. Seit 2006 regiert dort mit Evo Morales - demokratisch gewählt - der erste indianische Präsident Lateinamerikas. Dank Nationalisierung der Erdöl-, Gas- und Minenvorkommen ist er dabei, ein bitterarmes Andenland in einen sozial gerechteren, beinahe blühenden Staat zu verwandeln.
Abendblatt: Woher kommt dieser "Hass gegen den Westen", den Sie auch in Ihrem gleichnamigen Buch beschreiben?
Ziegler: Der Hass ist das Ergebnis jahrhundertealter Verachtung und Unterdrückung. Er basiert auf einem verwundeten Gedächtnis, das jetzt wieder erwacht. Viele Völker des Südens erlitten durch Sklaverei und Kolonialismus der Vergangenheit tiefe Verletzungen, die ihnen bis heute eine gleichberechtigte Weiterentwicklung verwehrt haben. Doch sie beginnen, sich an die Wurzeln der Ungerechtigkeit zu erinnern und leisten Widerstand.
Abendblatt: Ist eine Wiedergutmachung für Verfehlungen wie Sklavenhandel und Folgen des Kolonialismus überhaupt möglich?
Ziegler: Ja. Wenn die westlichen Großkonzerne aufhören würden, die Bodenschätze und die Arbeitskraft der Völker der südlichen Hemisphäre zu plündern.
Abendblatt: Wie könnte dies konkret aussehen?
Ziegler: Der Energiekonzern Areva, der weltweit in Atomkraft führend ist, müsste für das Uran des Niger einen anständigen Preis zahlen. Dasselbe gilt für die kanadischen, belgischen und französischen Minenkonzerne in Katanga oder die englischen Diamantengesellschaften in Kasai in der Demokratischen Republik Kongo.
Abendblatt: In Ihrem Buch sehen Sie die armen Völker von einem "wirtschaftlichen Weltkrieg" bedroht. Wer ist aus Ihrer Sicht der größte Feind?
Ziegler: Die Plünderungen der Rohstoffe durch die westlichen Konzerne - wie ihn neuerdings auch China und in vermindertem Maße Indien betreiben. Zudem verhindert die durch das ausländische Kapital ausgelöste lokale Korruption die Errichtung demokratischer Rechtsstaaten.
Abendblatt: Welche Rolle spielen internationale Investoren?
Ziegler: Eine entscheidende. Die weltweite Diktatur des Finanzkapitals drückt sich in einer Zahl aus: 2008 kontrollierten die 500 größten transkontinentalen Privatkonzerne über 52 Prozent des Weltbruttosozialproduktes, so die Weltbank-Statistik.
Abendblatt: Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Austrocknung der Steuerparadiese in der Welt, die derzeit vorangetrieben wird?
Ziegler: Sehr wichtig. Essenziell! Solange die Schweiz, Luxemburg und andere Paradiese samt ihren Bankgeheimnissen den Fiskus der zivilisierten Staaten weiter ungestört plündern können, wird es keine Steuertransparenz und auch keine stabile internationale Finanzordnung geben. Die OECD ist mit ihrem Vorstoß, gegen Steuerparadiese vorzugehen, auf gutem Wege.
Abendblatt: Welche Welt wünschen Sie sich persönlich? Was zeichnet idealerweise eine humane Gesellschaft aus?
Ziegler: In der Uno-Charta von 1945, und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, welche beide von den 192 Mitgliedsstaaten der Uno unterschrieben worden sind, stehen die Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens, ohne die es keine Zivilisation gibt. Konkret heißt dies nach Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. Das wünsche ich mir.
* Jean Ziegler ist ein Schweizer Soziologe, Politiker und Sachbuchautor. Von 1967 bis 1983 und von 1987 bis 1999 war er sozialdemokratischer Abgeordneter im Nationalrat. Von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_UN-Sonderberichterstatternhttp://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_angemessene_Ern%C3%A4hrung im Auftrag der Menschenrechtskommission und des Menschenrechtsrats.http://de.wikipedia.org/wiki/UN-Menschenrechtskommissionhttp://de.wikipedia.org/wiki/UN-Menschenrechtsrathttp://de.wikipedia.org/wiki/Vereinte_Nationenhttp://de.wikipedia.org/wiki/Humanit%C3%A4re_Hilfehttp://de.wikipedia.org/wiki/Irak 2008 wurde Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt.


