25. Mai 2004

Hauptschule darf nicht als Stiefkind der Bildungspolitik behandelt werden

BLLV-Präsident Albin Dannhäuser: "Immer mehr Hauptschulen müssen wegen Schülermangel schließen"

Rosenheim – Gymnasien verzeichnen hohe Schülerzuwächse, Realschulen werden bestürmt – und die Hauptschulen bluten aus. Eine Entwicklung, die der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) für pädagogisch äußerst fragwürdig hält. "Viele Kinder werden regelrecht auf den Übertritt getrimmt, obwohl sie den Anforderungen einer Realschule oder eines Gymnasiums nicht gewachsen sind", erklärte BLLV-Präsident Albin Dannhäuser bei einer Kreisversammlung im oberbayerischen Rosenheim. Der Übertrittsdruck in Bayern treibe seltsame Blüten – letztlich seien aber alle Opfer der frühen Auslese: Eltern, die hysterisch reagieren, Lehrer, die Lebenschancen verteilen müssen und Schüler, die dem Druck nicht gewachsen sind.

Bayernweit meldeten sich an den Gymnasien zwei Prozent mehr Schüler/innen an als im Jahr zuvor – trotz des prognostizierten Rückgangs von 2,72 Prozent. An den sechsstufigen Realschulen stiegen die Einschreibungszahlen um sieben Prozent. Insgesamt meldeten sich dort rund 2000 Schüler/innen an. In über 200 Klassen müssen bis zu 39 Schüler/innen unterrichtet werden. Die Lern- und Arbeitsbedingungen haben sich an Realschulen und Gymnasien angesichts viel zu großer Klassen und ständig steigender Anforderungen massiv verschlechtert.

"Es ist zynisch, den Ansturm auf Realschulen und Gymnasien als bildungspolitischen Erfolg zu feiern und vor dem massiven Aderlass der Hauptschulen die Augen zu verschließen", stellte Dannhäuser fest. Niemand muss sich wundern, wenn Eltern alles unternehmen, ihr Kind nicht auf die Hauptschule schicken zu müssen. "Es gibt Kinder, die es als Strafe bzw. als persönliches Versagen empfinden, wenn sie auf die Hauptschule gehen müssen", sagte der BLLV-Präsident.

Viele Eltern sind der irrigen Meinung, den Lebensweg ihres Kindes zu verbauen, wenn es auf die Hauptschule geht, obwohl dort die Möglichkeit für den mittleren Schulabschluss besteht. Viel zu wenig ist bewusst, dass die Hauptschule ein spezifisches pädagogisches und didaktisches Profil auszeichnet und dort alle Bildungswege offen sind. Der Kampf um den Übertritt beginnt spätestens ab der dritten Grundschulklasse. Dort brechen Kinder in Tränen aus, wenn sie in einer Mathematik- oder Deutschprobe die Note 3 erhalten. "Mit Pädagogik hat das alles nichts mehr zu tun", resümierte Dannhäuser.

Das Hauptschulsterben schreitet nach der Einführung der sechsstufigen Realschule noch schneller voran, als der BLLV prognostizierte und führte bisher bereits zur Schließung von 108 Teilhauptschulen. Zuvor besuchten rund zwei Drittel eines Jahrgangs 5. und 6. Hauptschulklassen, jetzt sind es nur noch rund 40%. Dies entspricht einem Rückgang der Schülerzahlen um 45%. "Diese Zahlen werden sich noch drastisch nach oben bewegen", befürchtete Dannhäuser.

Das Unterrichten an Hauptschulen wird für die Lehrerinnen und Lehrer immer schwieriger, denn bereits in den Eingangsklassen ist deutlich festzustellen, dass leistungsstärkere und engagierte Schülerinnen und Schüler fehlen. Hatten früher begabtere Schüler leistungsschwächere positiv beeinflusst und angespornt, fehlt diese indirekte Unterstützung nun völlig. Die fünften Jahrgangsstufen befinden sich in einem Motivationstief. "Viele Schülerinnen und Schüler sind zunächst deprimiert und haben Angst vor der Zukunft." Hinzu kommen die vielen negativen Schlagzeilen, in denen von Gewaltdelikten an Hauptschulen berichtet wird. "Gewalt an Hauptschulen ist zweifellos ein Thema, allerdings ist den jungen Menschen nicht damit geholfen, wenn die Gesellschaft mit dem Finger auf sie zeigt", erklärte Dannhäuser. Sie bräuchten professionelle Hilfe und Unterstützung: mehr gezielte Schulsozialarbeit und mehr Schulpsychologen.

"Die Hauptschule ist das Stiefkind der bayerischen Schul- und Bildungspolitik", kritisierte der BLLV-Präsident und forderte die Politik dazu auf, nicht zu zulassen, dass sie zu einer Schule der Ausgrenzung und Stigmatisierung wird. "Die zweite Stufe der Hauptschulreform, die der BLLV bereits vor drei Jahren vorgelegt hat, muss endlich umgesetzt werden." Wer es jedoch wagt, die Probleme zu benennen und zu reflektieren, muss mit dem Vorwurf rechnen, die Hauptschule schlecht zu reden – das ist dann der Gipfel der Heuchelei."


Dateien:
20040525_01.pdf80 K

Suche

Im Blickpunkt

Reformkonzept

Kinderhaus Casadeni