30. April 2005

Hauptschüler nicht ins Abseits stellen

BLLV startet bayernweite Kampagne "SOS Hauptschule" / Präsident Albin Dannhäuser fordert deutlich mehr politische und finanzielle Unterstützung

München – Mit einem Paket durchgreifender Maßnahmen zur Stärkung der Hauptschulen hat sich der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) am Samstag bei einem Symposium an Politik und Öffentlichkeit gewandt. Zentrale Forderungen sind eine inhaltliche Reform und deutlich bessere finanzielle Ausstattung der Hauptschulen. "Jeder Jugendliche hat Anspruch auf eine berufliche Chance", erklärte BLLV-Präsident Albin Dannhäuser und forderte, Hauptschülerinnen und -schüler so auszubilden und zu fördern, dass sie auf dem modernen Arbeitsmarkt bestehen können. "Nur so lässt sich verhindern, dass sie ins soziale Abseits geraten und politisch problematische Subkulturen der Zukunft bilden werden." Er bezeichnete es als unverantwortlich, dass derzeit allein in Bayern über 30 000 Jugendliche keinen Ausbildungsvertrag haben. "Eine Gesellschaft mit rückläufigen Geburtenraten kann es sich nicht leisten, Jahr für Jahr Sozialhilfeempfänger von morgen zu produzieren", erklärte der Planungschef der internationalen PISA-Studie bei der OECD, Andreas Schleicher.

Der BLLV startete auf dem Symposium die bayernweite Kampagne "SOS Hauptschule". Ziel der Kampagne ist es, Politik und Öffentlichkeit für die Problematik an Hauptschulen zu sensibilisieren. Gefordert werden "Bessere Chancen für Schüler/innen" sowie "Mehr Unterstützung für Lehrer/innen." Dannhäuser stellte fest: "Die Hauptschule weist sich weder durch ein exklusives Bildungsprofil aus, noch zeichnen sich regional pragmatisch-organisatorische Alternativen ab. Es ist pädagogisch, schul- und berufspolitisch unverantwortlich, Hauptschüler/innen zu vernachlässigen und die pädagogische Arbeit ihrer Lehrer/innen gering zu schätzen."

"In den leistungsstärksten PISA-Staaten ist es Aufgabe der Schule, konstruktiv und individuell mit Leistungsunterschieden umzugehen, das heißt sowohl Schwächen und Benachteiligungen auszugleichen als auch Talente zu finden und zu fördern", betonte Schleicher. "Dort gibt es keine Möglichkeit, die Verantwortung allein auf die Lernenden zu schieben - etwa Schüler den Jahrgang wiederholen zu lassen oder sie in Bildungsgänge bzw. Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen zu transferieren." Das früh selektierende Bildungssystem in Deutschland sei maßgeblich für die großen sozialen Disparitäten in der Bildungsleistung mitverantwortlich. "Das Bildungssystem ist kaum durchlässig, nach wie vor haben Pädagogen staatlicher Schulen kaum Möglichkeiten, Schüler und Schülerinnen individuell zu fördern."

Die Direktorin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Prof. Jutta Allmendinger stellte fest, dass Hauptschüler zunehmend schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, insbesondere wenn ihnen der Zugang zu einer beruflichen Ausbildung verschlossen bliebe. Im Berichtsjahr 2003/04 bewarben sich bei den Agenturen für Arbeit in Bayern etwa 51.000 Jugendliche mit Hauptschulabschluss um eine Ausbildungsstelle, davon konnten knapp 10.000 keine Berufsausbildung aufnehmen. Im Jahr 2003 wurden 10% der Hauptschüler ohne Schulabschluss entlassen. Die Perspektiven dieser Jugendlichen sind düster, nur selten finden sie Arbeit und sind nur in Ausnahmefällen sozialversichert. Es müsse Ziel der Bildungspolitik Bayerns sein, die hohe Bildungsarmut abzubauen.

Vor einer Zuspitzung der Belastungssituation bei Lehrern/innen warnte Prof. Uwe Schaarschmidt von der Universität Potsdam. "Das Ausmaß ihrer Gesundheitsgefährdung ist bedenklich", erklärte er. Schaarschmidt stützt sich auf Untersuchungen an fast 8000 Lehrern/innen aus den alten und neuen Bundesländern, darunter 809 Lehrkräften aus Bayern. Von den einbezogenen bayerischen Hauptschullehrern/innen lassen 68% eine verstärkte Neigung zu Selbstüberforderung oder/und Resignation erkennen. Als besonders belastend empfinden sie das Verhalten schwieriger Schüler/innen, große Klassen und hohe Stundenzahlen. Da sich diese Befunde erst bei im Beruf stehenden Lehrer/innen feststellen lassen und nicht bei Referendaren und Lehramtsstudierenden, folgert er, dass sich bei Hauptschullehrern/innen "in den ersten Berufsjahren eine massive Veränderung in Richtung höherer Risikoanteile vollzieht." "Lehrer/innen brauchen Unterstützung bei der Wahrnehmung schwierig gewordener Erziehungsaufgaben, mehr Selbstbestimmung, zumutbare Klassengrößen und eine Schulkultur der Gemeinsamkeit."

Dannhäuser forderte die dienstliche und gesellschaftliche Aufwertung der Lehrerschaft: "Es muss Schluss sein mit der mehrfachen Benachteiligung. Hauptschullehrer/innen haben Anspruch auf dienstliche Gleichstellung mit allen anderen Lehrergruppen der Sekundarstufe I, d.h. in ihrer Ausbildung und Unterrichtspflichtzeit, in ihrer Besoldung und in ihren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Ohne dienstliche Anerkennung wird es nicht möglich sein, eine ausreichende Zahl an Abiturienten für den Beruf zu gewinnen. Lehrermangel wäre vorprogrammiert."

Die Hauptschule der Zukunft

  • muss besondere Formen des Lernens ermöglichen und Schüler/innen gezielt und individuell fördern;
  • versteht sich aufgrund ihrer sozial und kulturell heterogenen Schülerschaft als Lebensraum. Hauptschüler/innen sollen dort Selbstwertgefühl entwickeln und soziale Kompetenz erwerben;
  • zeichnet sich durch ein lebenswelt- und berufsbezogenes Schulprofil aus. Kern ist es, den Schülern/innen die Anforderungen verschiedener Berufsfelder näher zu bringen und sie auf eine Berufswahl vorzubereiten;
  • hält ein wohnortnahes und leistungsfähiges Lernangebot bereit. Große Schuleinheiten werfen erhebliche pädagogische Probleme auf durch Anonymität und die Konzentration eines sozialen Konfliktpotentials;
  • braucht mehr Unterstützung und Anerkennung ihrer Lehrer/innen. Um der Vielfalt ihrer Schüler/innen gerecht zu werden, benötigen Lehrer/innen mehr verfügbare Zeit, mehr Expertenhilfe, insbesondere Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Mobile Sonderpädagogische Dienste.


Dateien:
20050430_01.pdf89 K

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