...mit der heißen Nadel gestrickt!
aus: Junglehrer, 9.10/2004
Roland Kirschner, Gymnasiallehrer und Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV, nimmt Stellung zum G8.
Junglehrer: Welchen Effekt wird das verkürzte Gymnasium auf das Leben der Schüler haben?
Eine Prognose, ob es für die Schüler stressiger wird oder nicht, lässt sich nicht so leicht abgeben. Die Schüler werden zwar mehr Zeit in der Schule verbringen, ob sie deshalb aber entspannter lernen können steht bisher noch nicht fest. Entscheidend wird sein, ob das achtjährige Gymnasium eine reine Paukschule wird oder ob es sich zu einem Lern- und Lebensraum entwickeln kann.
Absolut inakzeptabel ist allerdings, dass viele Schüler am Nachmittag sehr lange auf die Schulbusse warten müssen, die dann darüber hinaus relativ große Runden drehen. Es kann nicht sein, dass Schülerinnen und Schüler deswegen teilweise erst gegen 17.30 Uhr zu Hause ankommen. Hier muss schleunigst Abhilfe geschaffen werden.
JL: Sie kritisieren die bisher praktizierte Art des Lernens als zu viel Paukerei fürs Kurzzeitgedächtnis. Wird das mit G8 nicht noch schlimmer?
In der Tat kritisieren wir diese Paukerei fürs Kurzzeitgedächtnis als "bulimisches Lernen": Die Schüler stopfen den Prüfungsstoff in sich hinein und würgen ihn bei der Prüfung wieder heraus. Nachhaltiges Lernen, dauerhaftes Behalten kann so nicht statt finden. Für viele Schülerinnen und Schüler ist diese Art zu Lernen eine notwendige Strategie: Nächste Woche schreiben wir Mathe-Schulaufgabe, also lerne ich Mathe. Danach ist Englisch-Schulaufgabe, da kann ich Mathe wieder vernachlässigen...
Die Ursache für diesen Prüfungsstress ist zum einen die starke Zersplitterung in einzelne Fächer, aber auch die gesamte Organisation unseres Schulwesens, bei dem die Kinder schon früh erkennen: Gelernt wird für gute Noten.
Diese hohe Prüfungsdichte, der die Schüler ausgesetzt sind, führt dazu, dass für einen Schüler im Unterrichtsgeschehen oftmals nicht klar ist: Befinde ich mich jetzt in einer Prüfungssituation, in der Fehler unerwünscht sind, oder befinde ich mich in einer Lernsituation, in der Fehler zulässig und sogar zielführend sind. So kann keine angenehme Lernatmosphäre entstehen, Kreativität und Experimentierfreude werden damit unterdrückt.
Ich habe jedoch die Hoffnung, dass sich in dieser Hinsicht etwas zum Positiven ändert. Die Verringerung der Schulaufgabenzahl führt zu einer Erleichterung, das Fach Natur und Technik als eine Art "Fächerverbund" könnte der Zersplitterung in zu viele Einzelfächer entgegenwirken und auch die Möglichkeit andere Prüfungsformen – z.B. eine Präsentation in einer Fremdsprache – anzuwenden, sehe ich durchaus positiv.
JL: Als wichtiger Bestandteil der Reform werden die sog. "Intensivierungsstunden" bezeichnet. Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Die Intensivierungsstunden sind zusätzliche im Stundenplan vorgesehene Stunden. In der fünften und sechsten Klasse sind es wöchentlich drei Stunden, ab der 7. Klasse werden es dann wöchentlich zwei Stunden sein. In diesen Intensivierungsstunden werden die Klassen geteilt. Wie die einzelne Schule diese Intensivierungsstunden nutzt und wie sie die Gruppeneinteilung vornimmt, bleibt ihr weitgehend selbst überlassen. So kann eine Schule bspw. in der fünften Klasse jeweils eine dieser Intensivierungsstunden für Deutsch, Mathematik und für die Fremdsprache verwenden. In der sechsten Klasse geht das nicht mehr, da hier die zweite Fremdsprache beginnt und bei dieser Art der Organisation vier Intensivierungsstunden gebraucht werden würden. Allein daran zeigt sich, dass die Intensivierungsstunden wohl nicht ausreichen werden. Aus meiner Sicht soll da ein bisschen viel „hineingepackt“ werden: Individuelle Förderung in den Kernfächern um Klassenwiederholungen zu vermeiden, Projektarbeit, dann gibt es den Vorschlag, eine dieser Stunden für Natur und Technik zu verwenden usw. In der neunten Klasse haben wir jedoch nur noch zwei Intensivierungsstunden – in der Stundentafel am Sprachlichen Gymnasium aber Deutsch, Mathematik und drei Fremdsprachen in denen Intensivierung sinnvoll wäre!
Am Beispiel Intensivierungsstunden zeigt sich ein grundlegendes Problem der Reform: Es soll möglichst wenig oder besser: gar nichts kosten. Wenn die Intensivierungsstunden aber das "Herzstück" des G8 sein sollen, wie es die Staatsministerin ausdrückt, dann brauche ich viel mehr solcher Stunden und damit auch mehr Lehrkräfte.
JL: Die bisherigen Lehrpläne wurden häufig als überfüllt bezeichnet. Wurden sie durch die Reform entrümpelt?
Der Lehrplan wurde vor allem redaktionell entrümpelt, indem er von vielen Detailvorschriften befreit wurde – leider ging damit nicht unbedingt eine Reduzierung der Stofffülle einher. Allerdings ist bisher nur der Lehrplan für die Jahrgangsstufen 5 mit 7 veröffentlicht.
Man muss sich auch die Frage stellen, wie weit man den Stoff überhaupt reduzieren kann. Wir Lehrer, aber auch die Schüler beklagen, dass zu wenig Zeit ist, den Stoff durchzubringen. Dieses Problem könnte durch mehr Unterricht gelöst werden. Allerdings bedeutet mehr Unterricht auch wieder mehr Lehrer und diese kosten natürlich Geld.
JL: Viele Lehrer haben sich anfangs kritisch zur Reform und zum in den Nachmittag ausgeweiteten Unterricht geäußert. Als Reaktion gab es häufig den Vorwurf, Lehrer seien faul und wollten sich ihren "Halbtagsjob" wahren. Was sagen Sie zu solcher Kritik? Nimmt das Ministerium die Arbeitsbelastung der Lehrer ernst? Was war demotivierend für Sie?
Viele Kolleginnen und Kollegen sind schon jetzt nachmittags an der Schule. Sei es wegen Nachmittagsunterricht, Vorbereitungsarbeiten, Besprechungen usw. Und auch diejenigen, die nachmittags nicht in der Schule sind, arbeiten oft noch bis spät in den Abend oder auch an den Wochenenden. Die Unterrichtszeit ist nur ein Element unserer Arbeitszeit. Allerdings nutzt die Politik gerne Ressentiments gegen Lehrer. Besonders geärgert habe ich mich über den unsäglichen Ausspruch von Staatsminister Huber, wir würden erst gegen Ende September anfangen zu arbeiten und schon Anfang Juli damit aufhören.
Die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, Kürzungen im Weihnachtsgeld usw. waren natürlich demotivierend – insbesondere für die Kolleginnen und Kollegen, die schon jetzt über das geforderte Maß hinaus in ihrer Freizeit für die Schule arbeiten, z.B. weil sie sich in Arbeitsgruppen zur Schulentwicklung engagieren, Schüleraustauschprogramme organisieren oder mit ihrer Klasse ins Schullandheim fahren. Wenn diese engagierten Lehrer jetzt sagen: "Ich weiß nicht mehr, ob ich das alles noch schaffen kann", dann muss man das verstehen. Wenn die Ministerin allerdings dann sinngemäß sagt, ein guter Lehrer engagiert sich ohne Abstriche weiter – ich ergänze mal: bis er umfällt – dann zeigt sich, dass das Ministerium die Arbeitsbelastung von Lehrkräften nicht sehr ernst nimmt.
JL: Was sagen Sie zum Reformtempo: Bayern will hier mal wieder schneller sein. Können Sie das nachvollziehen oder hätten Sie lieber mehr Zeit gehabt?
Uns wäre es lieber gewesen, wir hätten mehr Zeit gehabt. Weder die Schüler noch die Lehrer haben etwas davon, wenn die Staatsregierung verkünden kann: Bayern ist am schnellsten! Hier geht es nicht um ein 100-Meter-Finale, sondern es geht darum, wie das Gymnasium der Zukunft aussehen soll. Die Entscheidung, das Gymnasium um ein Jahr zu verkürzen hat mit Sicherheit einige Änderungen mit sich gebracht, die wir begrüßen, z.B. die Flexibilisierung von Prüfungsanforderungen. Allerdings wurde es versäumt, sich intensiv darüber Gedanken zu machen, wie wir das Gymnasium haben wollen. Vieles erscheint mit heißer Nadel gestrickt. Es wäre besser gewesen, sich mehr Zeit zu nehmen und eine umfassende Reform des Gymnasiums aus einem Guss auf den Weg zu bringen.
JL: Herr Kirschner, vielen Dank für das Gespräch.
Bildung braucht Lehrer!
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